mein iPhone erzählt Geschichten: Sommer

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Gerade prasselt Regen gegen mein Fenster. Ich kann den Herbst jeden Tag ein Stück mehr fühlen. Er kommt immer näher. Es ist an der Zeit sich noch einmal umzudrehen und auf den Sommer zurückzublicken: Es war herrlich. Auch wenn es in Polen und Hamburg andauernd regnete. Für mich war dieser Sommer ein ganz besonderer. Ich bin zurück aus Hamburg gekommen und alles war anders: neue Wohnung, neuer Job. Die Karten waren neu gemischt.

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HAMBURG | BERLIN

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  1. DANZIG

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2. WARSCHAU

vrt3. KRAKAU

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ZURÜCK NACH WIEN

Der Geruch nach Kartons, nach Ikea-Möbeln, nach Holz & Plastik. Ich beginne neu. Ganz neu, mit einem neuen Bett.

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BAD ISCHL

Als ich sah, wie mein Bruder seiner Frau in die Augen sah, wie er ihre Hände nahm und wie sie lachten, als wir Little Lion Man für sie spielten, da wusste ich, ja Liebe gibt es.

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BAD GASTEIN

 Auszeit vom Alltag.

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REGEN

Wenn ich an Hamburg zurückdenke, dann denke ich an Regen.

An das Geräusch, wenn Tropfen gegen das Fenster knallen und zerspringen.

An die stickige Luft in meinem Zimmer, weil ich das Fenster nicht öffnen kann.

An allergischen Hiphop, der vom Nebenzimmer durch meine Wand schallt.

Ich denke an Heimweh, Kälte und Freunde, die alles erwärmten. Ja, das mag kitschig klingen, aber so war das. Ich hatte niemanden, kannte niemanden. Aber von Tag zu Tag wurde der Regen weniger.

 

Wie ich gelernt habe, über meine Panikattacken zu sprechen

Mein Herz schlägt schneller. Immer schneller. Atmen fällt mir schwer. Als würde jemand auf meiner Brust sitzen oder seine Hand auf meinen Mund pressen. Ein Geschmack von Übelkeit klettert mir die Kehle hoch. Meine Zunge ist trocken. Nein, der ganze Mund. Ich ersticke und verdurste gleichzeitig, irgendwie. Währenddessen steigt Panik in mir auf. Es ist, als müsste ich sterben. Zumindest stell‘ ich es mir so vor. Mein Kopf lässt keine rationalen Gedanken mehr zu, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Für einen Moment glaube ich wirklich zu sterben. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Ich bin überzeugt, dass mein Körper diesen Schmerz für keine weitere Sekunde mehr ertragen kann.

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So fühlen sich Panikattacken an— jedenfalls für mich. Früher dachte ich, Panikattacken seien eine Art Krankheit, die man eben bekommt wie etwa Asthma oder Epilepsie. Eine Krankheit, die man medizinisch behandeln kann. Dann zum ersten Mal vor drei Jahren wurde mir beim Autofahren plötzlich total schlecht. Ich dachte mir nichts weiter. Tja, kann passieren. Als Kind kotzt man schließlich regelmäßig im Auto. Aber es kam immer wieder: im Zug, im Flugzeug, in Gondeln. Darum dachte ich, das muss wohl Platzangst sein. Ich mied enge Räume und Transportmittel. Plötzlich bekam ich es aber auch nachts im Bett. Nie in meinem eigenen, aber an fremden Orten. Fremde Orte, fremde Menschen, ja alles Fremde war plötzlich böse.

Lange dachte ich nicht an Panikattacken. Ich suchte das Problem in meinem Körper. Ging zum Arzt, ließ mich durchchecken. Der sagte nur: alles gut. Aber ich war nicht erleichtert. Ganz im Gegenteil. Das machte mir nur noch mehr Angst. Langsam erkannte ich nämlich, wenn nicht im Körper, dann musste es wohl psychisch sein.

Ab diesem Zeitpunkt versuchte ich mir einzureden, wenn es psychisch ist,  könne ich es auch mit Gedanken bekämpfen. Das machte es aber nur noch schlimmer. Ich hatte keine Lust mehr irgendwas zu unternehmen. Ich wollte nicht mehr reisen, denn ich hatte Angst vorm Flugzeug. Ich wollte nicht mehr ausgehen, denn ich hatte Angst vor der Taxifahrt. Ich wollte nicht mehr trinken, denn ich hatte Angst die Kontrolle zu verlieren. Ich begann Stück für Stück weniger mehr zu machen. Zog mich immer stärker zurück und blieb am liebsten zuhause, in meiner gewohnten Umgebung, unter gewohnten Menschen. Ich wurde zu einem unglücklichen Einsiedler.

An einem Donnerstag im Jänner, ich weiß es noch genau, es schneite gerade, da eskalierte es dann. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto. Anfangs saß ich vorne. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, ich konnte vor Übelkeit nicht mehr atmen. Ich bat meinen Vater, selbst zu fahren. Wir wechselten. Doch auch das Fahren half mir nicht. Mein Herz schlug immer schneller und schneller. Und ich bekam schreckliche Angst zu sterben, wie noch bei keiner Attacke zuvor. Ich fuhr an den Rand der Fahrbahn, zu einem Bushäuschen, und blieb einfach stehen. Stieg aus und kniete mich ins verschneite und nasse Gras. Mein ganzer Körper zitterte, er bebte regelrecht vor Angst.

An diesem Tag erlebten meine Eltern zum ersten Mal, wie meine Attacken wirklich aussahen und dass sie kein Hirngespinst waren, sondern ernst. Nach einigen Minuten in der Kälte beruhigte ich mich. Vertraute Menschen waren das beste Mittel gegen meine Attacken. Zuhause angekommen erklärte mir mein Vater, so könne es nicht weitergehen. Ich bräuchte Hilfe. Ich wusste, er hatte Recht. Nur wer könnte mir noch helfen?

Ich hatte das Glück, dass es eine Bekannte in der Familie gab, die zwar keine Therapeutin ist, aber mit der ich unglaublich gut sprechen konnte und der ich vertraute. Zu ihr ging ich dann und redete und redete. Über das Gefühl, die Angst, die Panik und die Panik, die ich durch die Panik bekam. Mit ihr gemeinsam fand ich  Wege mit den Attacken umzugehen, sie zeigte mir, wie mir Atmen helfen konnte und ich begab mich auf die Suche nach dem Grund dafür.

Eines der Hauptprobleme mit meinen Attacken war, dass ich dachte, ich wäre allein damit. Dass wiedermal nur ich diese Scheißattacken hätte. Ich, der Sonderfall. Je öfter ich aber darüber sprach, umso mehr Menschen erzählten mir von ähnlichen Erlebnissen. Auch wenn sich die Attacken meist durch andere Symptome äußern, so ist die unfassbare Panik und Angst dahinter die gleiche. Das Schlimme an Panikattacken ist nämlich nicht die Attacke selbst, sondern die Angst, dass sie niemand versteht.

Darum finde ich Reden wichtig. Darum ist dieser Artikel wichtig. Denn obwohl es heute ja irgendwie trendy ist, ein bisschen depressiv zu sein und zum Psychiater zu gehen, zumindest wird uns das in Filmen so vorgelebt, will seine psychischen Probleme im real Life niemand zugeben. Obwohl doch jeder von uns so seine Probleme mit sich selbst hat.

Ich schätze mich echt glücklich, dass ich heute nur mehr sehr selten Panikattacken habe und mittlerweile weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss. Aber niemand soll damit allein sein, denn die Psyche darf genauso mal krank werden wie der Körper. Und was ich daraus  gelernt habe: Auszeiten helfen. Für mich sind fünf Minuten am Tag, in denen ich so gar nichts tue, schon genug.

Ein Plädoyer für die Laster im Leben

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„Er war eben so,
war völlig daneben.
Er hat nie geraucht,
ging nie einen heben.
Statt Vinho und Gambas,
Vollmilch und Brot,
und was hat er davon?
Denn nun ist er tot…“

sang Udo Jürgens 2001. Und recht hatte er damit. Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken um ein Laster: das Rauchen. Ganz ehrlich, ich liebe Rauchen. So ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Ich liebe es mir eine neue Zigarette anzuzünden, den ersten Zug zu inhalieren und gegen Ende die Zigarette befriedigt wegzuschnipsen. Zweifelsohne für viele ist Rauchen das Ekeligste der Welt.  Je mehr Zigaretten man raucht, desto ekeliger wird es und desto schlimmer fühlt sich der Geschmack am nächsten Morgen an.

Für mich ist es trotzdem ein Genuss. Eine zu rauchen bedeutet für mich automatisch mir etwas zu gönnen, etwas Gutes zu tun, auch wenn ich natürlich weiß, dass es nicht gut für mich ist. Für mich ist ’ne Zigarette wie ein Stück Schokolade. Und trotzdem geht es mir oft schlecht dadurch. Wir führen eine Hassliebe sozusagen. Ich kann durchs Rauchen weniger weit joggen, bekomme öfter Halsschmerzen, Cellulite am Po, Pickel im Gesicht und klar mit jeder Zigarette steigt auch mein Krebsrisiko.

Mein erster Freund rauchte unglaublich viel. Für seine Sucht und fehlende Stärke damit aufzuhören habe ich ihn verachtet. So wie es mir meine Eltern gelernt haben, rauchen ist böse. Punkt. Kaum war die Beziehung zu Ende, begann ich zu rauchen, welch eine Ironie, ja. Seitdem rauche ich mit einigen Pausen und Aufhörversuchen immer wieder. Ich bin eine klassische Fortgeh- und Nachtraucherin. Niemals käme ich auf die Idee, mir morgens nach dem Aufstehen eine anzuzünden. Aber abends bei Bier oder Wein gehört es für mich manchmal einfach dazu. Seit längerem versuche ich mit diesem Gelegenheitsrauchen endlich ganz aufzuhören, doch so wirklich will das nicht klappen.

Für mich steht dahinter mittlerweile eine viel größere Frage: Bin ich eine konsequente oder inkonsequente Person? Wie will ich sein? Wenn es um Diäten, mehr Sport oder das Rauchen geht, dann bin ich definitiv komplett inkonsequent. Meine Vorsätze, die ich mir zur Motivation meist sogar noch irgendwo hinkritzle, werfe ich nach ein paar Tagen wieder über Bord. Wenn mich dann jemand fragt, ob ich ein Stück Kuchen oder eben ’ne Zigarette möchte, geht mir ein „Nein“ einfach nicht über die Lippen und ich denke mir, warum eigentlich nicht. Und das war’s dann mit den guten Vorsätzen.

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Ich bewundere Menschen, die es schaffen keinen Zucker zu essen, keinen Alkohol zu trinken oder eben wirklich mit dem Rauchen aufhören. Zumindest nach außen hin scheinen die ihr Leben im Griff zu haben. Manchmal wünsche ich mir auch so zu sein. Endlich diszipliniert zu leben. Wie es in all den Frauenmagazinen gepredigt wird: „bewusst leben“ und „bewusst essen“.

Für mich gibt es da nur ein Problem: Spaß macht das keinen. Sich ab und zu eine Fertigpizza reinzustopfen, mit der besten Freundin eine ganze Packung Eiscreme aufzuessen oder eben eine zu rauchen, ist manchmal einfach herrlich. Für mich ist dieses Ausbrechen aus diesem ganzen „Bewusstseins-Lifestyle“ wie Balsam für die Seele. Schließlich wird eh in jeder Hinsicht von einem erwartet zu funktionieren: im Job, in der Beziehung, in der Familie und und und. Bei den 20-Somethings laufen mittlerweile viele kleine Wanna-Be-Erwachsene herum, die alles im Griff zu haben scheinen und immer diszipliniert sind. So wirklich Rock’n’roll ist ja unsere Generation schon lange nicht mehr. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Aber irgendwelche Laster darf man wohl doch noch haben.

Schließlich könnte eines Morgens mich ein Auto überfahren und dann würde ich mir wünschen dieses eine Eis, Glas Wein oder Zigarette noch genossen zu haben. Zu 100 Prozent vernünftig können wir auch später noch sein. Oder wie Udo Jürgens sagen würde:

„Es lebe das Laster,
denn wer brav ist,
wird nirgendwo vermisst.
Erst recht, wenn er daran gestorben ist.“

 

|Credit Foto via unsplash via Christal Yuen & via Bart Scholliers

Was ist eigentlich mit den Österreichern los?

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Seit ich in Deutschland lebe, wird mir eine Frage immer wieder gestellt: „Sag mal, was ist da eigentlich los bei euch in Österreich?“ Ich stammle dann meist nur: „Ja, äh, ist echt schlimm dieser Rechtsruck.“ Sehr viel mehr fällt mir meist nicht ein. Denn es fällt mir schwer zu erklären, was da gerade abgeht. Und noch viel schwerer fällt es mir, das zu begreifen. In Wien werden Flüchtlinge mit Blut beworfen, im Burgenland tauchen „Heil-Hofer“-Schmierereien und Hakenkreuze auf und wir stehen haarscharf vor einem blauen Bundespräsidenten.

Was ist mit meinem Land nur los? Ein Erklärungsversuch.

Ein gängiges Vorurteil gegenüber jungen Menschen ist ja, sie würden sich nicht mehr für die Politik interessieren. Zumindest das kann man in der derzeitigen politischen Situation in Österreich klar verneinen. Kaum jemand hatte keine Meinung zu dieser Wahl. Durch die intensive Wahlberichterstattung wurde es auch geradezu unmöglich sich dem zu entziehen. Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath erklärt das so: „Politikinteresse kann man sehr schwer an einer Generation festmachen. Das Interesse ist dann groß, wenn viel los ist. Spätestens seit dem letzten Jahr mit Flüchtlingskrise und der Finanzkrise zuvor stieg das Politikinteresse klar an. Viele junge Menschen sind aber politikverdrossen.“

Viel los ist in Österreich auf jeden Fall. Im ersten Wahlgang der Bundespräsidentschaftswahl kamen die beiden Vertreter der Großparteien ÖVP und SPÖ gemeinsam nicht einmal auf 22,3 Prozent. Die ersten drei Plätze belegten ausnahmslos Oppositionsparteien oder Unabhängige. So etwas gab es in Österreich bisher noch nie. Seitdem wird viel über mögliche Neuwahlen und den Zerfall der Mitte gesprochen. Seitdem spukt das Gespenst einer möglichen blauen Regierung und eines blauen Bundespräsidenten umher und verbreitet Angst und Schrecken. Auch bei mir. Die Message des Volkes an die Regierungsparteien war eindeutig: Wir wollen euch nicht mehr. Danach blieb nur die Frage offen, ja was wollt ihr denn dann?

Es geht nicht um Protest

Die Zentrumsparteien zerfallen, versagen und enttäuschen ihre Wähler. Darum interpretieren viele Blauwählen als eine Art Protest. Dieser Vergleich hinkt laut dem Forscher Ikrath aber immens: „Die Leute hätten theoretisch auch Richard Lugner wählen können, wenn es ihnen darum gehen würde, wirklich aus Protest zu wählen. Wenn Menschen eine Partei wählen, die in den Umfragen über 30 Prozent hatte, dann hat das nichts mehr mit Protest zu tun, dann stehen die Leute hinter dem, was sie wählen. Oder vorsichtiger ausgedrückt, sie haben zumindest kein Problem mit rechtem Gedankengut und Ausländerfeindlichkeit.“ Diese Einschätzung passt gut zu dem Trend, dass rechts zu sein und rechts zu wählen in den letzten Jahren immer gesellschaftlich legitimer wurde.

Warum die Leute Angst haben wollen

Es heißt, die Blau-Wähler hätten Angst und darum müsse man sie endlich ernst nehmen. Clemens Setz schrieb in der ‚Zeit‘, dass Menschen die FPÖ eben genau wählen würden, weil sie Angst behalten möchten. Sie würden sich bewusst für den Weg entscheiden, auf dem die Angst erhalten bleibt. Auch Ikrath sieht das ähnlich: „Jetzt gerade kann man in Deutschland ja eine Debatte mitverfolgen, die wir in den letzten 20 Jahren in Österreich hatten. Es heißt, die Menschen hätten Angst und würden darum AfD wählen. In Wahrheit geht es aber viel mehr um Paranoia, in Österreich genauso wie in Deutschland. Die Leute haben den Glauben an die Politik und die da oben total verloren und flüchten sich stattdessen in die totale Paranoia.“

Die Menschen glauben also nicht mehr an Eliten oder Politiker. Man muss erwähnen, dass dieser Glaubensverlust keinesfalls aus dem Nichts gekommen ist. „Diese Theorien sind zwar Mist, aber sie sind nicht aus dem Mist gewachsen“, so Ikrath. Seit Jahren lässt die Politik die Menschen allein und die Koalition in Österreich ist praktisch erstarrt. Darum ist die FPÖ auch so erfolgreich. Sie prangt alles an, was gerade nicht funktioniert: Der Wohnraum ist zu teuer, es kommen zu viele Flüchtlinge und die Regierung scheitert. Wirklich verneinen können diese Punkte auch Linke nicht. Die große Herausforderung im Umgang mit der FPÖ ist, dass das ja durchaus stimmt, was sie sagt. Wir haben all diese Probleme, die sie anspricht. Nur dass auch die FPÖ keine Lösungskonzepte dafür hat, übersehen ihre Wähler.

„Der Faschismus versucht die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren. (…) Er sieht sein Heil darin, sie zu einem Ausdruck, aber beileibe nicht zu ihrem Recht kommen zu lassen“, schrieb der deutsche Philosoph Walter Benjamin bereits Anfang der 90er.  Es sind komplizierte Worte, doch je mehr ich über sie nachdenke, desto besser beschreiben sie, finde ich, auch die heutige Situation.

Wir sollten wieder über wirkliche Politik reden (und warum das nicht geht)

Ein weiteres Problem ist der generelle Umgang mit Politik in Österreich. Jeder will Aktion, Spektakel, Skandal. Keiner spricht mehr über wirkliche politische Inhalte. Vielleicht auch, weil es diese heute zu selten gibt. Politik, genauso wie Medien, haben das Gefühl, sie müssen alles an die Spitze treiben, sonst interessiert es keinen. „Wir müssten uns wieder an langweilige bodenständige Politik gewöhnen. Das wäre wichtig“, meint auch Ikrath.

Man muss leider sagen, egal wie die Bundespräsidentschaftswahl ausgeht, das Land bleibt gespalten. So oder so. Es gibt jetzt diese beiden Seiten links und rechts, die einander so gar nicht verstehen können und das vielleicht auch gar nicht wollen. Ich glaube aber, dass uns jetzt nur mehr eins übrig bleibt: miteinander reden. Auch wenn viele nur auf Skandal und Konfrontation aus sind, wieder andere paranoid und weitere ausländerfeindlich sind, wir haben keine andere Option mehr als zu reden.

Denn die Situation unseres Landes ist düster. Düster, aber noch nicht verloren.

 

|Credit Foto via flickr via Karsten H.68 |

Die Akte Ex und was passiert, wenn man sie öffnet

Ex-Freunde

Ein brauner Schuhkarton mit einem roten Häkchen drauf. Er ist verstaubt. Lange wurde er nicht geöffnet. Durch meinen Umzug halte ich ihn plötzlich wieder in meinen Händen. Ich weiß genau, was sich darin befindet. Nicht wie in dem anderen Nike-Karton, in dem ich meine einzelnen Socken aufbewahre, in der Hoffnung, irgendwann doch noch den dazugehörigen zu finden.

Ich setze mich auf die Couch und öffne ihn vorsichtig. Es durchschleicht mich fast ein Gefühl des Betrugs, als dürfte ich das gerade gar nicht machen. Derweilen ist der Inhalt per se nicht mal spannend: Kristall-Ohrringe, Kinotickets, ein Band aus der Pratersauna und einige Fotos. Das Problem mit so einem Karton sind nicht die Sachen darin, sondern die Gedanken, die durch ihn entstehen. Gedanken an eine Beziehung, die vorüber ist. Die Gefühle sind weg, die Gegenstände aber geblieben. In diesem verstaubten Nike-Karton, der immer stumm unter meinem Bett lag.

Beziehungen können schlimm ausgehen, fast immer tut das Schluss-machen unfassbar weh. Und trotzdem will man die Gegenstände und Erinnerungen des Ex meist nicht wegwerfen. In diesen Momenten musste ich immer an eine Folge bei Gilmore Girls denken, als Rory und Dean schlussmachen und Rory ihre Mutter bittet, den Karton mit seinen Sachen für sie wegzuwerfen. Ihre Mutter tut es nicht, sie verstaut ihn im Schrank. Irgendwann findet Rory ihn und ein Streit bricht aus. IhrevMutter erklärt ihr, dass sie selbst einen Mord begehen würde, um ihre Kartons mit den Erinnerungen an ihre Verflossenen zurückzubekommen.

In weiser Vorsicht also habe auch ich meine Kartons nie weggeworfen. Eine andere, vom Inhalt recht ähnliche Box, steht in meinem Zimmer bei meinen Eltern zuhause. Es ist kein Schuhkarton, sondern eine Ikea- Box aus Plastik. Und noch dazu durchsichtig. Eine richtige Angeber- Ex-Freund-Box, die einen verhöhnt, wenn man sie sieht. Aber auch diese werde ich nie wegwerfen.

Was sagen also diese Akten Ex über uns aus?

Die Akte Ex gibt es auch ganz ohne verstaubte Schuhkartons. Denn auch wer diese Inhalte nicht wie ich hortet, trägt sie trotzdem zweifellos mit sich herum. Die Akte Ex sind nicht löschbar, auch wenn man sich das manchmal wünscht. Eine Freundin hat mir vor Kurzem davon erzählt, dass ihr neuer Freund ihr einfach nichts über seine Vergangenheit erzählen will. Kein Sterbenswörtchen verliert er. Auch nachdem sie seine Ex zufällig auf der Straße trafen und er zumindest zugeben musste, wer sie war, rückte er immer noch nichts heraus.

Sie akzeptiert sein Schweigen nicht und das kann ich gut verstehen. Auch wenn wir es nicht gerne hören, die Akte-Ex sagen so einiges über uns aus. Sie bestimmen sicherlich nicht, wer wir sind, aber sie prägen uns. Natürlich gibt es Zeiten, da verflucht man seine Ex und dessen Akte. Gerade nach einer Trennung ist es manchmal unerträglich, dass es da diese eine Person gibt, die so viel weiß, die für einen so viel war und nun einfach nicht mehr im eigenen Leben vorkommt.

Es gab Zeiten, da dachte ich mir, wie schön wäre es, alle Ex einfach auf eine einsame Insel ganz weit weg zu verbannen. Weg aus der Stadt, weg aus dem Sinn. Wie schön wäre das. Im zweiten Gedankengang wurde mir natürlich klar, dass in diesem Gedankenspiel auch ich auf diese Insel müsste, da natürlich auch ich die Ex von jemandem bin und auch für immer sein werde.

Exe sind selten ein leichtes Thema und auch in neuen Beziehungen spuken sie herum. Diese Geister möchte man am liebsten direkt auf diese Insel verbannen. In Wahrheit sind die Vergangenheit von einem Menschen und die Akte Ex aber auch für die neuen Beziehungen unglaublich wichtig. Denn sie erzählen viel über eine Person.

Auch wenn ich mir manchmal wünschte, erst gar keine Akte Ex zu besitzen – ein unbeschriebenes Blatt zu sein – mag ich meine Kartons heute irgendwie trotzdem. Und darum entschied ich mich auch bei diesem Umzug dagegen, sie zu entsorgen. Schließlich würde die Vergangenheit ja trotzdem bleiben, auch wenn der verstaubte Karton im Müllcontainer landet. Und irgendwann stelle ich diese Kisten einmal gestapelt vor meiner Tochter hin und sag‘, schau her, so ist das Leben.

|Credit Foto via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0 |

Ein Plädoyer für die große Liebe

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„Gibt es die große Liebe?“ Vor kurzem stellte mir diese Frage jemand in einem Interview. Seither geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf und ich kann nicht mehr aufhören darüber nachzudenken. Die EINE große Liebe, das klingt irgendwie gefährlich, ja fast angsteinflößend. Es würde bedeuten, dass jeder eben nur einmal die Chance darauf hat, mit einer Person.

Zwischen Tinder und der angeblichen Generation ‚Unabhängig‘ fällt es schwer, ernsthaft über die große Liebe nachzudenken oder gar zu sprechen. An sie zu glauben, wäre irgendwie naiv, von gestern, ja sogar ein bisschen dumm, fast unemanzipiert. Wer braucht schon die große Liebe? Der einfachere Weg ist natürlich, zu sagen, die große Liebe gebe es nicht. Punkt, aus und fertig—gerade wenn man selbst keinen Partner hat.

Zu dieser Einstellung passt ein Trend, der sich immer stärker ausbreitet. Dabei machen Paare alles, was auch klassische Paare machen, nur sind sie eben nie offiziell zusammen. Darüber wurde schon wild unter dem Begriff „Mingle“ (Single+ Mixed) diskutiert. Es ist ein bisschen wie eine offene Beziehung, nur eben nicht ganz. Nennen wir sie lieber die „Mikrowellen-Beziehungen“. Sie schlafen über Monate miteinander, lernen die Eltern des anderen kennen, schauen sonntags gemeinsam Tatort und bleiben von einer Party auch mal zuhause, um lieber gemeinsam Netflix zu schauen, oder so.

Nennen wir sie lieber die „Mikrowellen-Beziehungen“.

Sie machen also all die Sachen, wie auch das Durchschnittspaar XY,  irgendwie aber auch wieder nicht, denn offiziell sind sie nie zusammen. So eine Phase kann zu Beginn wunderschön sein. Wenn man jemanden neu kennen lernt, ist alles so aufregend, ist nichts fix und unglaublich spannend. Dazu gehört, stundenlang Gespräche mit der besten Freundin darüber zu führen, ob der andere nun auch ähnlich denkt oder sich vielleicht ebenfalls schon ein bisschen verliebt hat.

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Das ist eine tolle Phase, keine Frage. Jedes Paar hat sie nur einmal und darum ist sie total wertvoll. Dehnt man diese Phase aber ins Unendliche, dann wird aus der wunderbaren aufregenden Zeit eine Mikrowellen-Beziehung. Keiner ist sich sicher, was der andere eigentlich will, gleichzeitig wird man aber abhängig von einander, weil man sich an den anderen ja doch gewöhnt.

Dazu gehört, sich konstant unsicher zu fühlen, wenn sich der andere nicht meldet, schließlich hat man ja eigentlich keine Ahnung, was man machen soll. Letzendlich muss sich ja niemand melden, niemand ist zu irgendetwas verpflichtet. Je nachdem wie es einem gerade passt, wird die Beziehung also aufgewärmt oder abgekühlt.

Und genau darin sehe ich das Problem. Man nimmt sich alle schönen und gemütlichen Seiten aus einer Beziehung heraus und wirft den Rest, also die Verantwortung, Respekt und Zugeständnisse, einfach in den Mistkübel. Und schon ist man in so einer Mikrowellen-Beziehung und leider meist auch ziemlich schnell im Arsch.

In einer heilen Welt, in der die Ponys unter dem Regenbogen spielen,  ja in dieser Traumwelt wäre es natürlich als solches als ein neues Beziehungsmodell denkbar. Beide Partner einigen sich fair auf diese Art von Beziehung und beide sind damit zufrieden. Leider ist das Leben aber kein Ponyhof und meist wandelt sich dieses flexible Beziehungsmodel dahin, dass einer den anderen ausnützt oder verarscht.

Es mag ja grundsätzlich ein guter Gedanke sein, dass unsere Generation die Beziehungen revolutioniert, sie so anpasst, dass sie auch zu unseren Leben und Zielen passen. Ich glaube auch, dass Beziehungen, wie sie unsere Eltern führten, bei uns nicht mehr möglich sein werden. Das ist auch wichtig.

Was ich aber bisher in meinem Freundeskreis so beobachte, sind es keine unabhängigen und flexiblen Beziehungen, die sich da entwickeln, sondern eher extrem wage und Unsicherheit schürende Beziehungen, in denen fast immer jemand enttäuscht wird. Darum sollten wir den Glauben in die große Liebe nicht verlieren. Es wird kein Prinz am weißen Pferd oder Ryan Gosling angeritten kommen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn man die richtige Person trifft, man genau weiß, dass man mit ihr zusammen sein will. Und wenn nicht, dann ist es doch auch okay. Weniger okay ist nur, wenn man sich Liebe vormacht, wo keine ist.

 

| Credit Header: Foto via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0

Credit im Fließtext: Foto via flickr via k_tjaaa | Liebe! |

Warum uns das Einschlafen manchmal so schwer fällt

Schlafprobleme

Manchmal liege ich abends im Bett und kann einfach nicht einschlafen. Ich bin todmüde, mein Körper fühlt sich schwer an, meine Augen wollen lieber geschlossen sein und ich will eigentlich nichts mehr als schlafen. Und es geht einfach nicht. Gedanken schwirren in meinem Kopf herum. Keine schönen Gedanken, sondern Sorgen: To-Dos, Geburtstagsgeschenke, Stromrechnungen und Versprechungen. Ich denke darüber nach, wann ich das letzte Mal meine Tante oder Mama angerufen habe, was ich heute alles nicht erledigen konnte und was ich morgen nicht vergessen darf.

In der Schule in einem Fach namens „Soziales Lernen“ hat man mir gelernt, diese Gedanken mental in verschiedene Schubladen einzuordnen. Diese Methode sollte beim Abschalten helfen. Ähnlich wie Schäfchen zählen. Ich lege also jeden Gedanken in eine Schublade: To Do, Sorgen, gegen die ich sowieso nichts machen kann und Dinge, worüber man erst gar nicht nachdenken sollte et cetera. Diese Methode funktioniert kurz. Für einen Moment herrscht Ordnung in meinem Gehirn. Dann geht es wieder los. Chaos. Sogar das Schlucken fällt mir schwer, da ich einen bitterenen Geschmack in meinem Mund spüre:  Angst oder Panik oder Überforderung. Wie man es auch nennen mag, schön ist dieses Gefühl nicht.

Also wende ich die nächste Methode an: eine To-Do-List im Kalender. Dabei schreibe ich alles auf, um so ja nichts zu vergessen. Wieder folgt kurz ein Gefühl der Sicherheit. Ich habe alles im Griff. Aber nur kurz, denn die Gedanken kommen wieder. Es sind Gedanken, die, glaube ich, viele Menschen kennen. Sie bedeuten nicht unbedingt, dass ich ein psychisches Probleme habe, sondern dass in meinem Leben gerade einfach viel passiert und ich scheinbar zu viel Zeit zum Nachdenken habe.

„Gedanken sind einfach nur Gedanken“

„Menschen haben eben einen Katastrophenverstand“ erklärt der Psychotherapeut Andreas Knuf gegenüber der Hamburger Morgenpost. Grundsätzlich versuche der menschliche Verstand dabei nur den Tag zu analysieren und aus den Fehlern zu lernen. Dieser Vorgang wäre also eigentlich wichtig. Manchmal übertreibe aber das Gehirn. Zum Beispiel wenn der schiefe Blick des Chefs bis in kleinste Detail analysiert wird. Knuf hat gegen dieses nächtliche Gedankenkarussell einen recht simplen Trick: „Gedanken sind einfach nur Gedanken. Sie müssen nicht wahr sein. Das sollte man sich vorsagen.“

Mir persönlich hilft das direkt meist nicht weiter. Aber dafür eine Regel, die mir irgendwann in der Volksschule eingefallen war und danach wie die universelle Wahrheit im Leben vorkam. Haltet euch fest, hier kommen Gedanken aus meiner Kindheit.

Der gifitge Pilz und ich

Ich habe damals im Garten einen Pilz in die Hand genommen. Er wuchs da so schön im Rasen, war braun und herrlich groß. Ich wusste bereits, dass ich diese Pilze nicht angreifen durfte, sie waren giftig, laut meiner Mama. Und trotzdem hatte ich plötzlich den Pilz in der Hand. Ohne lang nachzudenken, warf ich ihn gleich wieder weg, über den Zaun in die Wiese vom Nachbarn. Danach wusch ich mir die Hände. Etwas später erkundete ich das Zimmer meiner Schwester, die gerade bei ihrem Freund war. Auch das durfte ich natürlich nicht. Ich spähte in ihre hellbraunen Schreibtischladen, ob dort etwas für mich—die 13 Jahre jüngere Schwester—vielleicht Interessantes zu finden war. Ich durchwühlte eine Lade, fand aber nichts.

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Abends im Bett begann sich bei mir das Gedankenkarussell zu drehen. Vielleicht waren meine Hände von dem Pilz noch giftig. Ich würde sterben. Das schien für mich irgendwie noch in Ordnung. Aber meine Schwester würde auch sterben, wenn sie zum Beispiel den Spitzer berühren würde, den auch ich zuvor in meinen Händen hatte. In mir breitete sich regelrechte Panik aus. Später träumte ich davon, dass meine Schwester wegen Pilz/Spitzer starb. Am nächsten Tag lief ich morgens zu ihr ins Zimmer, sie lebte noch.

Diese Angst, diese Gedanken und dieses Gefühl, nicht mehr rational denken zu können, vergaß ich mein Leben nicht mehr. Heute weiß ich nicht einmal, ob ich meiner Schwester je von dieser schlaflosen Nacht und den Todesängsten rund um sie erzählt habe.

Natürlich denke ich heute ein bisschen rationaler. Mir ist klar, dass keiner durch die Berührung einer berührten Sache von einem Pilz, der vielleicht giftig ist, sterben wird. Aber ab diesem Zeitpunkt fasste ich für mich diese Regel: Wovor man richtig Panik hat, das passiert im Leben meist gar nicht. Die wirklich schlimmen Dinge passieren eher aus dem Nichts. Und gerade wenn man sie nicht erwartet. So banal das auch klingen mag, diese Regel begleitet mich seither und bewahrheitete sich zig Male. Als geliebte Menschen starben, lag ich nicht zuvor im Bett und hatte Angst, dass es passieren könnte. Auch mit meinem ersten 5er (in Deutsch) rechnete ich nicht.

Darum versuche ich abends, wenn die Gedanken auf mich einstürzen, an diesen Pilz von damals zu denken. Und daran, dass es meiner Schwester heute zum Glück gut geht und auch, dass hinter all dieser Panik wohl etwas anderes steckte, nicht der Tod etwa, sondern viel mehr meine Schuldgefühle, sich dem Verbot widersetzt zu haben. Darum macht es für mich heute mehr Sinn, nach den Hintergründen der Angst zu suchen und wenn es keinen gibt, sie in eine Schublade zu stecken und diese zu verschließen. Außerdem hat die großen Probleme im Leben wohl selten jemand beim Einschlafen lösen können.

 

| Credit Header: Foto via via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0

Credit im Fließtext: Foto via Pixabay |

​Warum mir auch Plus-Size-Models nicht das Gefühl geben können, dass mein Körper OK ist

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✖Dieser Artikel ist zuerst auf VICE.com erschienen

An einem Wochenende im Dezember schaute ich mir gemeinsam mit meiner Familie zuhause in Oberösterreich alte Dias an—ganz altmodisch, mit Diaprojektor, Reihen wechseln und weiterklicken. Als wir gerade die letzten Fotos aus dem Kroatien-Urlaub durchklickten—damals war ich zirka 13 oder 14 Jahre alt—, kam ein Bild auf, das mich glücklich und braungebrannt am Pier stehend und in die Kamera grinsend zeigt.

Bei diesem Foto kam mir ein Gedanke, für den ich mich fast augenblicklich schämte. Ich dachte daran, wie toll ich meine damalige Figur gefunden und was für dünne Beine und eine zarte Taille ich gehabt hatte—nur, um gleich darauf zu bemerken, wie abartig das eigentlich war. Nüchtern betrachtet bin ich auch heute noch schlank, nur eben ein bisschen weniger als in meinen frühen Teenie-Jahren—und der logischste Grund für meine Figur damals genau wie heute ist einfach mein Alter. Trotzdem idealisierte ich meinen eigenen kindlichen Körper auf den Dias.

Heute trage ich Größe 36 und fühle mich regelmäßig nicht schlank genug.

Heute trage ich Größe 36 und fühle mich regelmäßig nicht schlank genug. Mein Bauch sollte flacher sein und auf meinem Arsch bekomme ich mittlerweile Cellulite. Manchmal bin ich ziemlich unzufrieden mit mir selbst. Für manche mag das mit einer gestörten Selbstwahrnehmung zu tun haben; und womöglich hat niemand mit Größe 36 das Recht auf diese Unzufriedenheit. Nur leider ändert das nichts an ihr.

Auch wenn ich mir vieles sicher selbst einrede, werde ich auch laufend von meiner Umwelt mit diesem Körperbild konfrontiert. Das beginnt bei meinen Verwandten, die mir besonders lustige Fragen stellen („Du gehst aber auch nicht mehr so oft ins Fitnessstudio wie früher, oder?“ oder „Jetzt kannst du auch nicht mehr alles essen, gell?“) und geht bis zu den erschreckend dünne Frauen in Werbungen, Filmen und auf Instagram, die mir mit ihren Magerkörpern täglich alles von Hygiene- bis zu Lifestyle-Produkten verkaufen wollen. Zu allem Überfluss sind auch noch einige meiner Freundinnen Models und damit natürlich viel dünner als ich. Obwohl ich natürlich weiß, dass alle Körper individuell verschieden sind, werde ich manchmal richtig neidisch.

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Foto via flickr | Butz.2013 | Bikini Figur — Abnehmen

Insofern sollte man wahrscheinlich meinen, dass ich den derzeitigen Trend zu mehr Plus-Size-Modelinien für eine willkommene Abwechslung halten müsste. Immerhin setzen immer mehr Modehäuser, wie zuletzt auch Forever 21, auf „Übergrößen“ und schaffen damit, zumindest in der Theorie, ein bisschen (Selbst-)Bewusstsein für eine Wirklichkeit abseits von Size Zero. Aber ganz so einfach ist die Sache leider nicht.

Das Problem beginnt, wenn wir uns fragen, welchen Zweck die Plus-Size-Kampagnen eigentlich erfüllen—sowohl für Konsumentinnen als auch für die jeweiligen Brands.

Die größte Gefahr bei Plus-Size-Linien ist, dass sie von der Werbeindustrie als bequeme Ausrede herangezogen werden könnten, wenn diese wegen ihrer Schönheitsideale wieder in der Kritik stehen. Solange Plus-Size aber genauso eine Nische ist wie Yoga- oder Schwangerschaftsmode und es nicht Yoga- und Schwangerschaftsmode genauso in Plus-Size gibt wie jede andere Form von Kleidung, bleibt eine solche Linie leider ein verlogenes und vor allem halbherziges Unterfangen.

Dass Plus Size-Linien keine Nische darstellen sollten, zeigt sich auch relativ schnell, wenn man sich die Durchschnittskörper der Österreicher genauer ansieht. Laut dem Ernährungsbericht 2012 sind 40 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Österreich übergewichtig und zwölf Prozent davon adipös. Wenn uns Werbeplakate und Modelinien also Magerkörper und Frauen in Größe 34 zeigen, dann sind das schlichtweg idealisierte Fake-Welten.

Eine Studie des deutschen Psychologen Lars-Eric Petersen 2005 zeigt, dass die wiederholte Inszenierung solcher Bilder und Körper bei Frauen eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und der eigenen Attraktivität auslöst. Zu dieser Erkenntnis kam der Forscher durch ein Experiment: Einer Kontrollgruppe zeigte er Inserate ohne Models und deren Zufriedenheit/Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper blieb gleich. Der anderen Gruppe zeigte der Forscher Inserate mit Models darauf und die Betrachterinnen gaben danach an, mit ihrem eigenen Körper unzufriedener zu sein also zuvor. Bei Männern beobachtete er dieses Phänomen im Übrigen nicht.

Natürlich sind Fake-Welten per se nichts Böses.

Diese Reaktion gehe dem Forscher zufolge darauf zurück, dass unser Körperbild nicht „etwas rein Individuelles, Subjektives“, sondern untrennbar mit den „gesellschaftlich vorherrschenden Körperbildern und -idealen“ verbunden sei, so der Forscher Petersen. In der westlichen Kultur sei dieses Körperbild stark von einer schlanken Körpergestalt geprägt, die ein Großteil der Frauen realistisch betrachtet gar nicht erreichen könne.

3830120050_e6f6938f83_bFoto via flickr|Rex Roof |found in philly in 2005

Dabei sind Fake-Welten per se natürlich nichts Böses, solange sie sich als solche deklarieren und von den Konsumenten auch so wahrgenommen werden. Aber jeder kennt wohl Menschen, die diesen Fake-Welten verfallen sind. Eine Freundin von mir verbrachte ihr halbes Leben nur mehr auf Instagram und folgte Models und Fitness-Bloggerinnen—natürlich alle wunderschön, perfekt und dünn. Irgendwann begann sie, übertrieben viel Sport zu betreiben und kotzte alles, was sie aß, wieder aus, bis sie unter 40 Kilo wog und ins Krankenhaus musste. Natürlich ist das ein Extrembeispiel und zum Glück reagiert nicht jeder mit einer Essstörung auf Werbung.

Trotzdem ist sie mit ihrer Einstellung nicht alleine. Ende 2015 veröffentlichte das Wiener Programm für Frauengesundheit eine Untersuchung, die ergab, dass für 20 Prozent der befragten Mädchen ihr Gewicht das größte Sorgenthema ist—Probleme in der Familie liegen mit Abstand dahinter. Über drei Viertel der Schülerinnen hegen demnach den Wunsch, eine untergewichtige oder stark untergewichtige Figur zu haben. Über die Hälfte der 16-jährigen Mädchen hat bereits versucht, eine Diät zu halten; auch 14 Prozent der befragten Burschen haben starke Angst vor einer Gewichtszunahme.

Werbung macht also durchaus etwas mit uns. Gerade jungen Frauen scheint nicht immer klar zu sein, dass beispielsweise das, was in den Werbepausen läuft, denselben Fiktionalitätsgrad aufweist wie das Programm, das von den Werbepausen gerade unterbrochen wird.

Plus Size-Linien allein werden dieses Problem leider nicht lösen. Auch aus der Sicht der Käufer selbst machen Plus Size-Linien leider nichts besser; immerhin werden ihre Trägerinnen so wieder nur in eine Ecke abseits des Mainstreams gedrängt. Das eigentliche Ziel sollte viel eher sein, dass Plus-Size-Models kein eigenes Prädikat mehr darstellen und die Werbeindustrie sich anstelle der Opposition von „Normal“ und „Plus“ (oder, noch schlimmer, der Besetzung von Freakshow-Nischen, in die man angeblich wohltätige Projekte abschiebt) eher hin zu verschiedenen Figur-Typen entwickelt, die in ihrer Vielfalt möglichst der Realität entsprechen.

Dinge wie Durchschnitt und Alltäglichkeit sind zwar schwer zu definieren und bestimmt nicht so schön anzusehen wie die gefakten Werbe-Parallel-Welten diverser Hochglanzmagazine. Aber gerade jungen Frauen würde es gut tun, wenn es etwas zwischen Plus-Size und Size Zero gäbe—etwas, das genauso wenig binär ist, wie es eben auch unsere Körper sind.

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Warum weggehen so schwer fällt

Vor einiger Zeit habe ich mich selbst dazu entschieden nach Hamburg zu gehen um bei NEON ein Praktikum zu machen. Auch wenn ich damals noch überzeugt davon war, dass das vermutlich sowieso nichts werden würde kam plötzlich eine Zusage und für mich war klar, ich muss dahin. Und obwohl es seit jeher mein absoluter Traum ist für NEON zu arbeiten, hatte ich in den letzten Tagen Zweifel.

Meine Tante verabschiedete meinen Freund und mich zu Ostern gleich mit den Worten: „Ist doch schön, wenn du jetzt solo bist oder?“ und ich dachte mir nur: „SOLO???!! Niemand ist hier solo.“

Plötzlich war es wirklich soweit und ich musste mich von meinem Freund verabschieden, meiner Nichte erklären, warum ich jetzt drei Monate nicht da bin und endlich richtig Hochdeutsch lernen, da mich sonst in Hamburg niemand verstehen wird. Man sollte meinen, dass mich diese Gedanken in den letzten Monaten schon länger beschäftigt hätten, aber so war es nicht. Ich habe mir in den letzten Jahren ein Muster zugelegt, dass ich bei Veränderungen immer anwende. Wenn es also zum Beispiel ums Weggehen geht, dann bin ich zu Beginn super begeistert und denk mir bei jedem Zweifel, der mir in den Sinn kommt: „Ach das wird sich schon alles geben.“ Ich sehe alles überdurchschnittlich locker und versteife mich auf die positiven Aspekte.

Denn eines kann ich nämlich verdammt gut: Probleme verdrängen. Der Nachteil an dieser Philosophie ist leider, dass sie einen (fast) immer einholen. Denn dieses Verdrängen funktioniert nur so lange, bis es dann soweit ist. Und jetzt ist es soweit. Dafür habe ich mein WG-Zimmer geräumt, meine Wohnung gekündigt und tausche das alles gegen ein Zimmer in einem Studentenheim mit einem Bad und einer Küche, die ich mir mit zehn anderen teile.

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An einem Abend kurz bevor ich wegging, wurde ich dann richtig panisch, mein Herz begann wie wild zu klopfen und ich malte mir ein Horror-Szenario nach dem anderen aus: Was wenn ich ins Krankenhaus muss? Einen Nervenzusammenbruch habe oder das Alleinsein einfach nicht aushalte?

Ich hatte seit langem wieder einmal Existenzängste und mir fiel auf, wie behütet mein Leben hier in Wien eigentlich ist. Ich hab hier so viele Menschen, auf die ich mich verlassen kann und wenn es hart auf hart kommt und ich morgen obdachlos oder komplett pleite wäre, dann wüsste ich, dass meine Eltern mich nicht unter einer Brücke schlafen lassen würden. Und dann ist da noch diese wunderbare Gewohnheit. Ich mache natürlich nicht jeden Tag genau dasselbe, aber im Großen und Ganzen sind sich die Tage sehr ähnlich, sehr vertraut, sehr schön.

Und jetzt diese Veränderung: Ein neuer Job und eine komplett neue Stadt kommen auf mich zu. Dabei wird mir wieder einmal bewusst, dass ich mit Veränderungen in meinem Leben etwa wie eine 80-jährige Oma umgehe: Ich kriege die Krise und ärgere mich, dass nicht einfach immer alles so bleiben kann, wie es war. Und noch etwas bemerke ich in dieser Situation: Wie unsicher ich selbst bin! Denn ganz ernsthaft und realistisch betrachtet, was soll schon passieren? Hamburg ist nicht aus der Welt und irgendjemand wird mich mit meinem Bauerndialekt auch dort verstehen. Und trotzdem, dieses komische Gefühl in meinem Bauch geht nicht weg. Ist das ein Vorstadium von Heimweh?

Ich wurde neugierig und begann zu recherchieren. Erstmals wurde das Krankheitsbild  Nostalgia 1688 von dem Arzt Johannes Hofer in Basel beschrieben. Ab dem 17. Jahrhundert war das Gefühl als „Schweizer Krankheit“ bekannt, da sich Schweizer Soldaten so sehr nach ihrem Zuhause sehnten, dass ihr Kampfeswille nachließ. Ihnen wurde sogar das Singen von bestimmten Liedern verboten, die das Heimweh noch verstärkt haben sollen. Lange Zeit glaubte man auch, dass Menschen an Heimweh sterben könnten.

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Der Psychologe Karl Marbe stellte dann 1925 fest, dass Heimweh keine Krankheit ist: „Heimweh ist ein ganz normales Verhalten bestimmter, auch völlig gesunder Personen, das an bestimmte Bedingungen in der Umwelt geknüpft ist. Und es ist nicht zwingend ein Zeichen für einen beschränkten Horizont, es kann Gebildete, Ungebildetste, Alte und Junge erfassen“ so Marbe.

So widerlegte der Psychologe bereits in den 20ern das Klischee, dass nur Kinder an Heimweh leiden würden. In meiner Situation kann man vermutlich noch nicht mal von Heimweh sprechen, sondern eher von einer Pre-Heimweh-Angst. Darum beschloss ich, bereits im Vorhinein Doktor Google zu befragen. Der empfiehlt mir die unterschiedlichsten Dinge: homöopathische Globuli zu nehmen, Tagebuch zu führen oder Gegenstände in Erinnerungskisten zu sammeln.

Besonders bestätigt fühle ich mich, als ich die Aussage von Bernadett Greiwe, Hochschulpsychologin bei der Studienberatung der Universität Münster, lese: „Gerade für junge Studierende kann es belastend werden, wenn die Eltern auf einmal nicht mehr so greifbar sind.“

Ich bin also doch (relativ) normal und weder krank noch besonders psychisch labil, sondern derartige Gefühle scheinen also zum Erwachsenwerden dazuzugehören. „Wer gezielt ins Ausland geht, um Neues zu entdecken, tut sich leichter“, rät Ernestine Wohlfart, die Psychotherapeutin an der Berliner Universitätsklinik Charité ist. Also gut, dann geht’s also los – notfalls müssen eben Globuli oder ein Flugticket her. Oder diese speziellen Heimweh-Pillen, die mir meine Lehrerin im Skikurs bei Heimwehattacken gab und sich im Nachhinein als Tic-Tacs herausstellten.

 

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#Akademikerball: Warum alle so geil drauf waren, dass etwas passiert

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Viele Demonstranten, unglaublich viel Polizei und Burschenschafter, denen das Ganze am Arsch vorbeigeht — so könnte man den diesjährigen Akademikerball beschreiben. Sehr ruhig war es am Freitag Abend in Wien. Irgendwie scheint die Luft raus. Kein Skandal, keine eingeschlagenen Fenster oder Autos, keine Burschenschafter, die auszucken. Nichts.

Genau so sollte das eigentlich auch ablaufen: Ein Ball, der stattfinden kann (weil Demokratie—FPÖ 30 Prozent und so) und friedliche Demonstrationen, die dem ein Gegenzeichen setzen. Und trotzdem bleibt—zumindest bei mir—irgendwie ein unbefriedigtes Gefühl zurück. Irgendwie hätte doch etwas passieren sollen.

Ich spreche dabei nicht von eingeschlagenen Fenstern und einem schwarzen Block, der eskaliert, nein ganz im Gegenteil, von einem großen Zeichen oder einer Geste oder einem Geständnis seitens der FPÖ, dass sie sich den Ball nicht mehr antut und dieser in Zukunft woanders stattfinden wird. Ich weiß, dass das nichts an der aktuellen politischen Situation ändern würde, wenn sie sich aus der Hofburg verziehen würden, aber es regt mich nach wie vor auf.

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Mindestens 5000 Menschen geht es ebenso und sie demonstrierten dieses Jahr in Wien gegen den Akademikerball. Das zeigt, dass doch sehr viele Menschen dagegen sind. Das Problem ist nur, dass die Demo zwar wichtig war als Signal, aber leider nichts an dem Ball selbst ändert. Denn die Sitzblockaden waren verunsicherte Aktionen, an die die Demonstranten selbst nicht ganz zu glauben scheinten und die Mehrheit an Autos und Bussen kam sowieso durch das Hofburgtor und den abgesperrten Ring. Darum war heuer vermutlich auch so großräumig  abgesperrt, denn so konnte die Polizei die Ballgäste einfach durchschleusen—weit weg von den Demonstranten.

Ich war beim Eingang des Balles in der Hofburg und befragte die Gäste, was sie von den Demonstrationen halten. Viele der Besucher waren richtig aggressiv, manche brodelten geradezu vor Wut. „Haben Sie nichts Besseres zu tun als hier herumzustehen und uns zu nerven?“ oder „Haben Sie jetzt ihr verdammtes Foto? Dann können Sie ja heimgehen!“ entgegneten manche Besucher den Journalisten. Ein Besucher wurde sogar handgreiflich gegenüber einem Journalisten von heute.at. Als dieser ihn fotografierte, wollte der Besucher ihn ebenfalls fotografieren. Der Journalist verweigerte, dann wurde er handgreiflich. Security schritt ein und brachte den Gast hinein.

 

 

Diese Aggressivität zeigt schon, dass die Demonstrationen und die Kritik am Geschehen manche Besucher nicht ganz kalt lassen. Denn wäre ich Burschenschafter und wirklich überzeugt von dem Event und dessen Berechtigung, stellte ich mich doch in meiner Uniform und mit meiner Freundin hin und strahlte den Fotografen entgegen und dächte mir insgeheim: „Ach leckt mich doch, ihr könnt sowieso nichts dagegen tun.“ Das taten aber nur die Allerwenigsten.

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Auch nach der Demo bleibt das Gefühl, dass das alles nicht wirklich etwas bringt. Und auch weil der Gedanke sich auftut, dass der Akademikerball derzeit doch unser geringstes Problem ist. Wir haben nicht rechte Politiker, die eine Obergrenze einführen wollen und auch sonst scheint niemand eine Lösung zu haben, wie wir mit den Flüchtlingsströmen umgehen und Asylwerber integrieren sollen. Zeitgleich werden in Deutschland Flüchtlingsheime angezündet und viel über ausländische Männer und kulturelle Unterschiede diskutiert.

Natürlich schmerzt es, dass in diesen Zeiten ein Akademikerball stattfinden kann und die FPÖ dadurch noch mehr Aufmerksamkeit als ohnehin schon bekommt. Aber leider, so traurig es auch klingen mag, scheinen in diesem Fall Demonstrationen auch nur wenig zu bringen. Wir brauchen bessere Lösungen oder zumindest Vorschläge dafür. Und zwar schnell.

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Warum Strache meine Freunde sicher nicht kriegt

Die Frage, wie man am besten mit Hass-Postings und ausländerfeindlichen Scheiß- Kommentaren umgeht, ist generell schwierig zu beantworten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann Postings melden, Facebook generell kritisieren, mit den Personen öffentlich diskutieren oder ihre Postings mit Kommentaren wie „so dumm“ weiter verbreiten.

✖Dieser Artikel ist am 6.01.2015 auf VICE.com erschienen

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Noch schwieriger wird es, wenn diese unreflektierten idiotischen Kommentare von deinen eigenen Freunde und Bekannten kommen. Wenn aus anonymen Idioten Sandkastenfreunde, Nachbarn oder Ex-Schulkollegen werden. Und wenn dadurch Postings plötzlich ein Gesicht und Charakter bekommen. Auf einmal wird dir klar, dass diese Menschen keine herzlosen Idioten sein müssen und trotz dem Scheiß, den sie verbreiten, auch liebenswerte Seiten haben können.

Diesen inneren Disput führe ich seit Jahren mit mir selbst. Meine Freunde huldigen „HC Strache“ auf Facebook, gehen zu seiner Clubnacht ins A1, zur Neujahrsrede ins Bierzelt, hetzen auf Facebook über faule Ausländer und die noch schlimmeren Linken. Ihre Einstellung finde ich absolut nicht in Ordnung und verurteile sie sogar. Mir schwirrte auch schon der Gedanke durch den Kopf, sie alle auf Facebook einfach zu entfreunden, damit ich es nicht mehr sehen muss. Wenn ich mich gegen diesen Dreck in meiner Timeline nicht wehre, bin ich dann nicht mitschuldig? Genau das ist doch Zivilcourage, oder?

Gleichzeitig fühle ich mich aber heuchlerisch, wenn ich von anderen Toleranz fordere und selbst andere Meinungen nicht akzeptieren kann. Das meiste sind keine verbotenen Inhalte und auch keine Wiederbetätigung, sondern einfach rechte Gedanken, die leider auch der Meinung eines immer größer werdenden Teils der Österreicher entsprechen. Immerhin hat 2015 auch gezeigt, dass die FPÖ immer mehr Zuspruch bekommt, egal ob in Wels, in Oberösterreich oder in Wien.

 

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Im realen Leben abseits von Facebook und Co. versuchen wir Politik so gut es geht auszuklammern. Kommt beim Vorglühen zum Beispiel doch das Thema Ausländer auf, dann entschärft es meist jemand in der Gruppe und wechselt schnell und unauffällig zu etwas anderem. Oder sie tun mich als die Linkslinke ab, mit der man sowieso nicht diskutieren kann. So oder so ist die Diskussion meist vorbei, bevor sie richtig beginnt. Sie halten mich für linker als ich eigentlich bin und ich halte sie für politisch unreflektiert und dumm, liebe sie aber trotzdem.

All die Erinnerungen und Erlebnisse, die ich mit ihnen verbinde, haben nichts mit Politik zu tun, sondern mit Freundschaft und dem gemeinsamen Aufwachsen. Unsere Freundschaften entstanden in einer Phase, in der Politik noch keine Rolle spielte. Ich bin mit lauter Burschen in einem Ort in Oberösterreich aufgewachsen und war meist das einzige Mädchen. Sie haben mich immer beim Fußball mitspielen lassen und mich später auch beim Fortgehen mitgenommen. Ich hab mit ihnen meinen ersten Tequila getrunken und sie haben mir danach die Haare gehalten. Ich konnte immer auf sie zählen und verdanke ihnen so einiges.

4633224743_746ce3a19f_zFlickr via Thomas Schlosser —Herzmalerei-8116

Dazu kommt, dass mein erster Freund auch FPÖ-Wähler war. Sein Dad ist Polizist und begleitete Flüchtlinge bei der Abschiebung im Flugzeug. Er wuchs mit einer schlimmen Vorstellung von Ausländern auf. Für mich war die Beziehung im Nachhinein ironischerweise das Beste, das mir passieren konnte.

Hätte ich damals niemandem wiedersprechen und mit niemandem diskutieren müssen, hätte ich mir meine Werte und Einstellungen vermutlich nicht schon mit 15 so genau überlegt. Die Beziehung ging in die Brüche—unter anderem eben, weil wir komplett unterschiedliche Weltanschauungen hatten. Heute weiß ich, dass zumindest die groben Werte im Leben ähnlich sein sollten, damit man zusammen sein kann.

Aber wenn es um meine Sandkastenfreunde aus Oberösterreich geht, mit denen ich nicht das Bett, sondern nur Social Media teile, dann will ich nicht akzeptieren, warum ich sie wegen Strache aufgeben sollte. Unsere Freundschaften waren schließlich auch schon vor Strache da.

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Ich stelle mir häufig die Frage: Kann ich ihre Einstellungen wirklich ausblenden? Oder bin ich eine zu politische Person, die das gar nicht mehr kann, auch wenn sie will? Freunde auf Facebook einfach zu löschen, ergibt für mich jedenfalls überhaupt keinen Sinn. Sie werden ihr Denken dadurch nicht eher reflektieren und ich würde höchstens ihre Ansichten über „diese intoleranten Linkslinken“ bestätigen.

Ich glaube, Freundschaften haben eine ziemliche Macht, etwas zu verändern. So wie ich darüber grüble, warum sie auf Strache stehen, denken vermutlich auch sie darüber nach, warum ich es nicht tue. Für mich heißt Toleranz deswegen nicht, den Mund zu halten, wenn gehetzt wird. Ich werde meinen Mund bei diesen Themen nie halten. Aber ich will zumindest versuchen, grundsätzlich zu akzeptieren, dass jemand auch FPÖ wählen kann und respektvoll mit Fakten argumentieren, warum ich anders denke.

Auch, wenn Heinz-Christian Strache es schafft, sie aufzuhetzen und ihnen das Gefühl zu geben, sie zu verstehen, bleiben sie trotzdem ein Teil meiner Jugend und damit auch von mir. Tolerant zu sein heißt für mich, andere Einstellungen zu akzeptieren (so lange sie legal sind) und zu versuchen, die Ängste dahinter zu erkennen. Darum, liebe FPÖ, geh doch scheißen—meine Freunde überlasse ich dir sicher nicht so einfach.

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Für was wir die Hosen runter lassen

Der „No Pants Ride“ findet dieses Jahr zeitnah zu den Ereignissen in Köln statt. So wurde aus dem eigentlich sinnbefreiten Flashmob etwas Politisches. Vielleicht sogar etwas Wichtiges.

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In der maßlos überfüllten U-Bahn beginnen Menschen plötzlich ihre Hosen auszuziehen und in Rucksäcke zu packen – Männer und Frauen machen mit. Die anderen Passagiere schauen ihnen dabei zu, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Entsetzen und Bewunderung liegt. Bei der Station ‚Stephansplatz’ steigen sie aus. Kamerateams stürzen sich auf die Hosenlosen: „Warum macht ihr das?“ „Was wollt ihr damit bezwecken?“.

Der „No Pants Ride“ kommt ursprünglich aus New York und findet schon seit einigen Jahren im Jänner auch in Wien statt. Auch ich war um 15 Uhr am Sonntag beim Treffpunkt am Karlsplatz und war gespannt. Bereits auf Facebook wurde hitzig über das Event diskutiert: „Dekadent und echt peinlich“ oder „Pietätlos – zu den zeitnahen Ereignissen in Köln“. Auch die FPÖ gab ihren Senf dazu: „Die Aktion ist gerade jetzt, nach den schlimmen Vorkommnissen an Silvester in Köln, komplett fehl am Platz und sollte abgesagt werden. Ich rate allen Wienern, die Hosen nicht runterzulassen“, sagt Stadtrat Toni Mahdalik der Zeitung ÖSTERREICH.

Seit den Übergriffen in Köln ist das Thema „Frau sein“ omnipresent. Feminismus und Emanzipation werden neu diskutiert und Fragen wie: „Wie sollen sich Frauen verhalten?“ „Können Vergewaltigungen verhindert werden, wenn sich Frauen richtig verhalten?“ – polarisieren. Der „No Pants Ride“ findet jedes Jahr am zweiten Sonntag im Jänner statt. Der Flashmob passierte also rein zufällig so zeitnah mit den Ereignissen in Köln.

Am Karlsplatz angekommen, wird mir schnell klar, dass keine große Message hinter dem Event steht. Es geht den Leuten die mitmachen vor allem darum Spaß zu haben. Spricht man mit den Hosenlosen, dann machen sie mit, weil man „ist ja nur einmal jung“ oder „es ist doch besser, als allein daheim zu sitzen.“ Sie ziehen ihre Hosen also nicht vordergründig aus politischen oder gesellschaftlichen Gründen aus, sondern einfach nur um Spaß zu haben.

Mich erinnert das Happening etwas an die Demonstrationen in der Türkei, die seit dem Mord an der 20-jährigen Studentin Özgecan Aslan stattfanden. Ein Busfahrer versuchte sie zu vergewaltigen und tötete sie anschließend. Aus diesem Anlass gingen Männer in Miniröcken auf die Straße, um für Frauenrechte zu demonstrieren. Im Gegensatz zu dem Wiener Flashmob waren die Demonstrationen politisch motiviert, aber sie beschäftigten sich mit ähnlichen Thematiken, wie wir jetzt in der Köln Debatte.

Die Miniröcke sollten eine Anspielung auf das oft von Konservativen gebrauchte Argument sein: Wenn Frauen Miniröcke tragen, dann würde sie an die Männer eine Art Einladung aussprechen. Dadurch, dass die männlichen Demonstranten sie auch trugen, wurde offensichtlich, wie schwachsinnig dieses Argument ist.

Der Todesfall von Özgecan Aslan löste im vergangenen Jahr landesweite Proteste in der Türkei aus. Hunderte gingen auf die Straße, der Hashtag #sendeanlat („Erzähl auch du es“) hat sich im letzten Jahr zu einem Art türkischen #Aufschrei entwickelt. Unter dem Hashtag berichten Türkinnen über ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt.

Ähnliche Argumente, wie das des Minirocks, kamen auch bei der Diskussion rund um Köln auf. Meist waren die genannten Tipps auch gar nicht schlecht gemeint. Jeder von uns hat ähnliche Ratschläge vermutlich schon von der eigenen Mutter bekommen und man würde auch der eigenen Tochter ähnliche geben: Geh wenn möglich nicht allein heim, lass dein Getränk nicht herumstehen und vertraue keinem Fremden.

„So what?“, denken sich die einen, andere rufen laut „AUFSCHREI!“. In meinen Augen heißt Emanzipation nicht, „jetzt fahr ich erst recht allein heim und geh um vier in der Früh allein am Gürtel spazieren“. Jeder hatte schon einmal Angst, fühlte sich bedroht oder unwohl in einer Situation. Wegen diesem Gefühl sind wir aber nicht weniger feministisch oder emanzipiert.

In Wahrheit geht es bei all den Diskussionen im weitesten Sinn um den öffentlichen Raum. Wem gehören die U-Bahn, der Gürtel, die Straßen? Und ich glaube der Wiener Polizeichef Gerhard Pürstl wurde für seine Aussage („Frauen sollten nachts in Begleitung unterwegs sein“) vor allem so hart angegriffen, da der Eindruck entstand, dass er den öffentlichen Raum an die Männer gebe und den Frauen rate, ihn nicht mehr allein zu betreten.

Den öffentlichen Raum dürfen wir auf keinen Fall den Machos dieser Welt überlassen. Aber genauso schwachsinnig, wie die Minirockannahme, die ja beinhaltet, dass Männer Tiere seien, die sich nicht zusammenreißen können, ist auch die Annahme, dass eine Mehrheit der Männer so sei oder diese Einstellung unterstütze. Für die Männer die immer noch denken, dass Frauen irgendwie unter ihnen stehen würden oder weniger wert seien, sollten wir klar machen, dass es für sie keinen Funken Verständnis gibt.

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Wenn also „Spaßaktionen“ wie der „No Pants Ride“ irgendwelche, wenn auch noch so kleine, positive Auswirkungen auf den Umgang und die Wahrnehmung im öffentlichen Raum miteinander haben, dann hat es schon sehr viel gebracht. Und wenn nicht, dann hatten die Leute, zumindest etwas Spaß.

Fleisch und heiße Luft

Alle Jahre wieder heißt es für mich ,Coming Home for Christmas‘. Auch während des Jahres bin ich manchmal zu Besuch, aber dann nur für ein Wochenende. Zu Weihnachten gebe ich mir die vollen zwei Wochen und es geht schneller als man denkt, dass ich mich wieder wie 16 benehme und meine Eltern Sätze sagen wie „Heute gehst du aber nicht fort, weil du hast doch Halsweh“.

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Acht Dinge, die sich in Oberösterreich nie verändern werden:

1. Der Streit um das Auto

Wohnt man irgendwo in der Pampas, so wie wir in Oberösterreich, ist ein Auto das Nonplusultra. Mir geht es im Gegensatz zu den meisten Oberösterreichern (Oberösterreich ist ja intuitiv geschätzt das Bundesland mit der höchsten Autoproleten-Dichte)  nicht darum, ein Gefährt mit möglichst vielen Ps zu haben. Ich will weder proletieren, noch angeben, noch einen Audi. Ich will mich einfach von A nach B bewegen können.

Rund um unser Haus gibt es nichts als Felder, Schweineställe und Pensionisten. Und das ist wirklich nicht übertrieben. Darum bin ich natürlich nicht die einzige, die flüchten will. Wer den Kampf verliert, muss bleiben. Und kann dann entweder Schweine streicheln gehen oder auf den Bus warten, der zumindest einmal am Tag hier im Dorf stehen bleibt.

2. Der Hunger nach Fleisch

Wenn ich in Wien bin, ess‘ ich so gut wie nie Fleisch. Einerseits weil ich zu faul bin und das meine Kochkünste haushoch überfordert und andererseits weil ich zwar auf Schnitzel stehe, aber kein rohes Fleisch angreifen mag. Sehr heuchlerisch, ja, haters gona hate. Hier in Oberösterreich ist das anders. Da kocht Mama und da gibt es zu Weihnachten Bratwürstel (eh klar, Oberösterreich), am 25. Dezember Hirsch, am 26. Truthan, danach wieder Würstel, dann Pizza (mit Schinken), dann Suppe (mit Speck!) und zu Silvester Schweinsbraten. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Körper auf einen Oberösterreichmodus wechseln kann und sich die ganzen Nährstoffe, Fette und Proteine speichern können, denn wenn nicht, ist es ein Wunder, dass ich nicht jedes neue Jahr mit Gicht starte.

3. Der Streit um den Fernseher und das Radio

In Wien habe ich keinen Fernseher. Nicht nur weil ich es mir nicht leisten kann, sondern auch weil ich es für eine Zeitverschwendung halte. Und trotzdem gehe ich in Oberösterreich dieser Zeitverschwendung plötzlich gerne nach. Nicht nur weil es nicht viel anderes zu tun gibt, sondern auch weil es ähnlich wie beim Auto auch hier einen Kampf gibt, den es zu gewinnen gilt. Hier treffen alle Generationen und Geschmäcker aufeinander und es endet meist mit einem Tatort oder Bergdoktor, den keiner sehen will und der Rest schon gesehen hat. Es wird dann aber ohnehin die ganze Zeit gequaselt. Ähnlich ist es auch beim Radio. Musik läuft bei uns in Dauerschleife und meist Klassik Radio FM. Dazwischen wird Radio Salzkamemrgut gehört, wo Edith Schiller die immer gleichen unlustigen Scherze bringt. Wer es wagt den Sender zu wechseln, muss es auf Streit abgesehen haben.

 4. Das Festnetztelefon

Etwas, das ich nie verstehen werde: Warum braucht man heute noch ein Festnetz? Und warum müssen drei Telefone im Haus so vernetzt sein, dass man bei Anrufen fast vom Sessel fällt und mehr das Gefühl hat, eine Sirene als einen Anruf zu hören. Es ist unglaublich laut dieses Läuten. Eine Erklärung dafür gibt es nicht wirklich, da meine Eltern noch gut hören und man die Lautstärke auch dimmen könnte. Und dann gibt es da natürlich noch die Spezialisten, die um halb 8 Uhr Sonntag morgens anrufen und es solange läuten lassen, bis jemand rangeht. Die denken sich vermutlich, warum denn auch nicht, um diese Zeit schläft man ja schließlich nicht mehr und macht sich ohnehin fertig für die Kir(c) devnicsmith.wordpress.com

5. Die (Nicht-) Gebrauchsgegenstände
Was Tisch und Polster bei mir zuhause gemeinsam haben? Sie sind da, aber man darf sie nicht benützen. Wir haben einen wunderschönen Bambus-Holz-Tisch im Esszimmer. Wirklich schön. Leider bekommt man ihn nie zu Gesicht, da er stets unter Tischdecken und Tischsets begraben wird. Bambus ist zwar traumhaft schön, jedes Wasserglas hinterlässt aber Spuren. Jetzt sind wir zwar noch nicht in der Serie „Die Nanny“, wo alles mit Plastik überzogen wird, vom Sofa bis hin zum Tisch, aber weit enfernt sind wir da nicht mehr. Dann gibt es auch diese schönen Weingläser, die man nur anschauen und nicht benützen darf, weil sie ja nicht in den Geschirrspüler passen. So läufts auch mit den Zierpölstern und dem Lilienporzelan und einer langen Liste von „Nicht-Gebrauchsgegenständen“.

6. Heißes Wasser

Fehlendes heißes Wasser kann in unserer Familie schon mal ganz schön heiße Luft produzieren. Kurz ein Szenario, wie ich es schon zigmal erlebt habe: Ich freue mich den ganzen Tag auf die Badewanne. Auch ein Luxusgut, das ich in Wien nicht habe. Da ich es nicht erwarten kann, lege ich mich schon bei ganz wenig Wasser in die Wanne. Das Wasser ist traumhaft heiß, die Luft dampft und plötzlich wird es kalt. Auch wenn man kurz abdreht und wartet, kein warmes Wasser mehr. Auch das wenige verbliebene heiße Wasser in der Wanne verdunstet und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Wanne zu verlassen. Ich schlinge mir schnell ein Handtuch um und tropfe trotzdem den ganzen Boden voll. Reiße die Türe auf und schreie durch das ganze Haus: „Papa, das Wasser ist kalt“. Meist kommt keine Antwort und ich brülle noch einmal, wie ein Berserker. Dann irgendwann geht Papa nachschauen in den Keller und dann kommt die Antwort: „Da hätten wir aufdrehen müssen“.  Und dieses „aufdrehen müssen“, das verheißt nichts Gutes. Das weiß ich schon seit Jahren. Denn wir heizen unser Wassser mit Solar, und gab es zu wenig Sonne, muss man dazuheizen. Eigentlich alles kein Problem, nur das dauert eben ein paar Stunden. Und die Luft ist heiß. Und das Wasser kalt.

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7. Sharing is Caring, oder?

Bei uns gab es immer mehr als genug zu essen. Immer. Und trotzdem bin ich mit einem Futterneid aufgewachsen, der seinesgleichen sucht. Auf Sätze wie „Isst du das noch?“ oder „Darf ich einen Schluck von deinem Kaffee haben?“ bin ich heute noch allergisch. Denn diese Sätze endeten meist mit dem Resultat, dass ich eine leere Tasse oder einen leeren Teller zurückbekam. Darum wird bei uns beim Essen (also meist nur mein Vater und ich) aus Prinzip um das letzte Mohnflesserl gestritten. Auch wenn man schon pappsatt ist.

8. Wlan ausschalten

22:30. Ich scrolle mich gerade auf Facebook durch. Plötzlich „keine Verbindung“ mehr. Ich disconnecte das Wlan, doch auch danach findet mein PC kein Netz mehr. Ich verlasse mein kuscheliges Bett und mache mich auf den Weg zum Wlan-Rooter. Kein Leuchten, kein Blinken nichts. Er scheint tot. Ich schalte ihn wieder ein. Es dauert Ewigkeiten, bis er nicht mehr blau blinkt und endlich wieder funktioniert. Ich weiß auch, warum auf einmal alles aus ist: Bei uns zuhause wird das Wlan nachts meist ausgestaltet. Wegen den Strahlen.

 

Und sitze ich dann wieder in Wien in meiner Wohnung, wo es dauerhaft fließendes warmes Wasser gibt, ich die Musik hören kann, die ich will, mit der U-Bahn so gut wie überall hinkomme, meinen Tofu in den Salat schneide und mir niemand meinen Kaffee wegtrinkt, da vermisse ich meine Familie und Oberösterreich dann doch. Und all das, was sich nie verändern wird, fehlt mir plötzlich und mir wird klar, dass es perfekt ist, wie es ist.

Prinzessin auf der Erbse, steh auf!

Die Rede ist immerzu von Gleichberechtigung. Wir Frauen fordern sie im Job, im Freundeskreis, in der Familie, überall. Und trotzdem in einer Sache wollen wir es nicht: Am Morgen nach dem ersten Sex/ Date müssen sich die Männer melden. Die Frau wartet währenddesssen.

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Vor kurzem erzählte eine Freundin in der Runde, dass er sich noch immer nicht gemeldet habe und warf die Frage in die Runde: „Soll ich mich melden?“. Im Chor ertönte ein lautes „NEIN!“ der anwesenden Mädels. Unter anderem entkam auch mir ein entschiedenes „Nein, auf keinen Fall“.

Später ließ mich die Frage nicht los, warum eigentlich nicht? Aktionen wie diese gehören genau jenem anmaßenden Feminismus an, den ich sonst verurteile und für heuchlerisch halte. Gleichzeitig ist es eine Frage des Stolzes, wer sich meldet. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr unschöne Gedanken kommen mir. Geht dieses ,der-Mann-muss-ja-dankbar für-diese-Nacht-sein-und-nun-um-mich-kämpfen-Ding‘ nicht auf eine Zeit zurück, in der Frauen nur den Männern zuliebe mit ihnen schliefen und keine eigenen Interessen verfolgten?

Zum Thema ‚Gleichberechtigung‘ gehört auch, diese selbst zu leben und nicht einen Tag lang vorm Handy zu sitzen und zu warten anstatt sich einfach selbst zu melden. Die Einstellung, er muss sich für mich entscheiden und ich sitze derweilen am Präsentierteller und hoffe, dass ich gut genug bin, ist dumm.

Durch das sich einfach selbst mal Melden könnten wir dem jahrhundertelangen passiven Beziehungsverhalten entkommen und endlich unseren eigenen Interessen nachgehen. Anstatt passiv zu warten, was ER macht. Natürlich gehört dazu auch die Gefahr, dass er nicht zurückschreibt oder sich ein Mädchen wünscht, das weiter wie eine Prinzessin auf der Erbse sitzt und wartet. Aber Männer, die nach dem Typus ,stummes Püppchen auf der Erbse‘ suchen, wollen wir sowieso nicht. Oder?


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Heiraten 4.0 für 20 Somethings

Vorher waren da überall Hochzeitsfotos in meiner Timeline. Eine Hochzeit reihte sich an die nächste. Die Brautpaare waren so jung wie ich. Schulkollegen. Freunde und Bekannte. Facebook-Bekanntschaften. Jetzt im Winter reihen sich Babybauchfotos aneinander. Winzig kleine Schuhe mit Schriftzügen. „Wir freuen uns auf dich“ oder „Coming soon“ steht da. Aus den Brautpaaren werden Eltern. Und aus Töchtern Mütter.

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Es sind Paare, die aus demselben Ort und derselben Schule kommen wie ich. Und jetzt Eltern werden. In einer so ganz anderen Lebensphase als ich es bin. Ich kriege bereits Panik bei dem Gedanken aus meiner Studenten-WG mal auszuziehen und in eine andere Stadt zu gehen. Während ich von Praktikum zu Praktikum gehe und so versuche meinem Traum von  Journalismus leben zu können näher zu kommen, kriegen andere Kinder, bauen ein Haus und heiraten.

Warum die einen Häusl baun

Denk‘ ich nur an Zusammenziehen, hab‘ ich schon Angst, etwas von meiner jugendlichen Freiheit aufgeben zu müssen und dass  verrückte Verliebtheit dem Alltag und dreckigem Geschirr weicht. Auch die meisten meiner Freunde denken gar nicht ans Erwachsenwerden im Sinne von Familiegründen und Häuslbaun. Eine Freundin, nennen wir sie Andrea, sagte vor kurzem zu mir: „Ich krieg‘ die Krise, wenn ich noch ein scheiß Hochzeitsfoto auf Facebook sehe oder noch zu einer Hochzeit gehen muss. Zum Glück ist endlich Herbst. Ich kann mich nicht mal für einen Tag entscheiden, was ich will, wie können die über ihr ganzes zukünftiges Leben entscheiden?“

Natürlich werden an diesem Punkt einige sagen, vielleicht waren es ungeplante Schwangerschaften. Das kann natürlich sein. Aber mein Eindruck ist ein ganz anderer. Heiraten ist wieder in. Mega romantisch. Umso jünger umso romantischer. Auch wenn wir nicht vor Religiosität strotzen, so wollen wir das Kleid, die Kirche und Blumen. Das volle romantische Klischee. Und jeder soll zuschauen oder es zumindest auf Facebook mitbekommen. Heriaten 4.0. Auch in Jugendliteratur und Filmen ist es wieder in. Die großen „Stars“ unserer Generation heiraten: Edward und Bella in ‚Twilight‘, Katniss und Peeta in ‚Tribute von Panem‘ (Sorry für den Spoiler). Es wird vorgelebt. Wer sich wild romantisch liebt, sollte das mit allen teilen. Ganz öffentlich „Ja“ sagen.

Ganz ehrlich, warum?

Natürlich ist für die meisten 20 Somethings Heiraten bei Weitem noch kein Thema. Ein kleiner Teil entscheidet sich aber dafür. Und macht das sehr öffentlich. Da stellt sich für mich schon die Frage: Warum? Warum mit Anfang 20 heiraten? Auch in Bezug auf die  lange Lebenserwartung, die wir alle haben. Wie kann man sich mit zwanzig Jahren so sicher sein, mit einer Person die nächsten sechzig Jahre verbringen zu wollen? Ich meine, sechzig Jahre, das ist verdammt lange.

Wir wissen auch, dass 40 Prozent der Ehen schief gehen und geschieden werden. Wenn man das durchdenkt, dann ist unsere Generation zu einem sehr hohen Prozentteil selbst mit geschiedenen Eltern aufgewachsen. Und trotzdem ist es jetzt wieder in? Oder vielleicht auch gerade deshalb?

Variable über Variable

Wir leben in einer Welt voller Unsicherheiten. Von unserem Job bis hin zu unseren Steuern bis hin zur Pension ist nichts fix. Alles variabel, flexibel, veränderbar. Viele kommen aus Familien mit geschiedenen Eltern, Patchwork und Stiefgeschwistern. Zudem verlangen uns Ausbildung, Studium und Karriere immer mehr ab. Wir müssen viel geben um etwas zu erreichen. Überstunden machen, im Ausland arbeiten und überhaupt flexibel sein. Vielleicht suchen gerade wegen dieser instabilen Welt, in der alles flexibel ist und sein muss, einige Menschen wieder eine Konstante. Etwas mit Tradition und Klarheit. Ein Bekenntnis: Ich will dich und sonst niemanden mehr, bis an mein Lebensende.

Hört man es so, schlägt auch mein Mädchenherz höher. So romantisch. For ever and ever and ever. Und trotzdem sind da diese sechzig gemeinsamen Jahre. Diese verdammt lange Zeit. Und ich kann nicht anders als mir die Frage zu stellen: Bereut ihr das später nicht? Bereut ihr, nicht mehr ausprobiert zu haben? Frei gewesen zu sein und ganz eigene Erfahrungen gemacht zu haben?

Ich bin gespannt, was unsere Kinder einmal über die Generation Y schreiben werden und wie sie das alles händeln. Und ob dann noch geheiratet wird?

Hörst du mich, auch ohne Catcontent und Pornos?

Als Bloggrin frage ich mich selbst oft: Was wollt ihr lesen? Was interessiert euch? Und wie schaffe ich es, Themen, die ich wichtig finde, euch so zu verpacken, dass ihr euch dafür interessiert. Sie lest. Klickt und teilt?

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Klimawandel, Bildung, Flüchtlingsströme, Integration, Umweltschutz und Medienethik (bitte hör jetzt noch nicht auf zu lesen!) sind wichtig. Auch für mich. Um diese „Weltretter-Themen“ dreht sich die ganze Welt, sie sind leider aber auch super unsexy, teilweise langweilig und sperrig zu vermitteln. Klar kann man das Argument bringen: Die sich dafür interessieren, werden diese Themen trotzdem lesen. Ja, aber die Mehrheit erreiche ich so nicht. Und gerade die der jungen Menschen nicht.

Gestern im Mediencamp im Impacthub Vienna haben wir uns genau so mit dieser Problematik beschäftigt: Wie bringe ich diese großen, komplexen Themen an meine Leser. Es hat sich in den Medien so einiges verändert. Unsere Generation konsumiert Medien ganz anders als zum Beispiel unsere Eltern. Darum müssen sich Medien auch verändern. Damit Beiträge gelesen, geliked und geshared werden, müssen sie an die Leser angepasst werden. Ein Versuch dazu:

 

„Wie ich während meines Orgasmus die Flüchlingsproblematik gelöst habe“

„Wie ich durch meine Periode den Klimawandel bekämpfe“,

und „Katzenbaby- Livestream aus dem Tierheim in Döbling“

 

Würdest du diese Artikel anklicken? Sie lesen?

Vermutlich schon. Denn sie machen neugierig, du willst wissen, was dahinter steht und irgendwie sind sie auch peinlich. Das macht sie irgendwie interessant. Es sind natürlich Extrembeispiele, aber die Grundidee funktioniert: Verknüpfe wirklich wichtige Themen mit Themen, die geklickt werden. Und geklickt werden nun einmal: Babyfotos, Katzen, Katzenbabys, Unicorns und alles, was mit Sex oder Periode zu tun hat. Gerade junge Menschen wollen unterhalten werden. Schaut man sich derzeit erfolgreiche Medien an, dann lesen junge Menschen Formate wie bei Watson, Vice oder Buzzfeed.

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Die Entwicklung des Medienkonsums unserer Generation kann man natürlich bewerten. Man kann sie auch verurteilen. Faktum ist für mich aber, wenn ich will, dass sich meine Leser (Jaaaa ihr 🙂 ) sich mit meinen Themen auseinandersetzen, dann funktioniert das nur, wenn ich sie interessant aufbereite. Ein Weg dazu ist eben mit „Catcontent die Welt retten“. Mit einer ungewöhnlichen Kampagne versuchten zum Beispiel die Grünen in Deutschland 2013 Wähler für die Europawahlen zu mobilisieren. Die Plakatserie zeigt Katzen mit treuherzigem Blick und dem Text: „U no vote – are u kitten me?“.

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Auch Projekte wie „Fuck for Forest“beweisen, dass diese Strategie funktionieren kann. Sie verbinden ein wichtiges Thema mit sogenanntem „sexycontent“ : Also zum Beispiel Umweltschutz und Porno.  Bei „Fuck for Forest“ finanzieren Umweltaktivisten durch eigene Pornos ihr Umweltprojekt. Ähnlich versuchen auch die Aktivistinnen von Femen mit Nacktheit und Provokation die Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu konzentrieren. Auch das sind Extrem-Beispiele, bei welchen Feministinnen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Man mag davon halten, was man will. Aber es funktioniert. Die Aufmerksamkeit haben sie.

Durch „Catcontent und Sexycontent die Welt zu retten“ ist zumindest einen Gedanken wert. Es muss schließlich nicht immer Sex in die Geschichten gepackt werden, sondern es können auch andere Themen aus dem Alltag heraus funktionieren.

Zum Schluss noch ein Video, für alle Katzenliebhaber unter euch <3