nächtliche Abenteuer

Die Nacht hat eine besondere Wirkung auf mich. Ich will sie nicht verschlafen, sondern auskosten. Warum ich lieber schlaflos bin.

Nacht

Sein Brustkorb bewegt sich auf und ab. Auf und ab. Immer wieder. Ich liege auf meinem Bauch. Mein Gesicht auf meinem rechten Arm gelegt. Meine Augen lassen sich nicht schließen. Sie bleiben offen, auch wenn ich sie zumache.

Gesang. Menschen am Gehsteig singen. Ich suche mein Handy. Wo ist es nur. Ich liege darauf. Schalte es ein. 2:33. Ich lege es wieder weg. Als würden diese Zahlen irgendwas ändern. Ich möchte meinem Körper gerne sagen: du musst schlafen. 2.33. Er sieht das anders.

Im Raum ist es dunkel. Manchmal verirren sich Scheinwerfer, der vorbeifahrenden Autos, herein. Sie spiegeln sich an der Decke. Ich stehe vorsichtig auf. Sachte. Damit ich ihn nicht wecke. Ha, Boden erreicht. Meine Zehenspitzen fühlen das Parkett. Das Holz ist kalt. Irgendwo muss mein Laptop sein. Unter seinem Hemd liegt er nicht. Auch nicht unter den Jeans. Wir hatten doch vorher noch Musik an. Er muss hier irgendwo sein. Jetzt, gefunden.

Ich steige wieder auf die Kante des Bettes. Vorsichtig über ihn. Die Matratze bewegt sich. Sie sackt durch mein Gewicht ein. Er dreht sich auf die andere Seite. Mein Herz bleibt kurz stehen. Er schläft weiter. Ich steige über ihn und decke ihn mit der warmen Decke zu. Öffne meinen Laptop. Das graue Metall ist kalt. Es brennt auf meinen nackten Oberschenkeln. Ich beginne zu schreiben.

Den ganzen Tag konnte ich nicht schreiben. Jedes Wort schien mir falsch, oberflächlich, prätentiös. Jetzt schreibe ich. Buchstabe für Buchstabe. Wie von allein. Draußen fährt der Bus vorbei. Ich schreibe weiter.

Alle rund um mich schlafen. Das beruhigt mich. Er schläft, ich schreibe. Und ich höre ihn atmen. Auf und ab. Es gibt mir Sicherheit. Ich fühle mich sicher. Und endlich schreibe ich.

 

|Credit:Foto Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz |

SWAG & Melancholie.

Manchmal bin ich nachts jemand anders. Alle Sorgen und Ängste sind dann weg. Nur der Beat und ein unglaublich gutes Gefühl bleiben. 

4935073416_eee4ff6e01_o

Ich fühle den Beat in mir. Er ist laut. Mein Herz bebt, mein Körper muss sich bewegen. Er kann nicht anders. Ich schaue zu meiner Freundin. Sie lacht. Sie streicht sich ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht. Es klebt roter Lippenstift daran. Sie lacht wieder.

Der DJ grölt irgendetwas in das Mikrofon. Put your Hands up in the Air. Meine Hände gehen in die Höhe. Mein Kopf ist leer. Frei. Ich verschütte Gin-Tonic. Auf mein Kleid. Ich spüre die Nässe auf meiner Haut. Es ist mir egal. Mein Körper bewegt sich im Beat. Mein Herz schlägt im selben Rhythmus.

Alle Sorgen sind weg. Was machst du? Wie willst du davon leben? Sieht dieses Kleid gut aus? Alles ist weg. Raus aus meinem Kopf. Nur mehr leise Stimmen. Ganz weit weg, irgendwo im Off. Ich kann sie abdrehen. Nur mehr Beat und Gin. Dieser Moment, das ist er. Ich bin mir sicher. Sicher mit mir selbst. Alles ist ok. Ich bin schwerelos. Bald schwebe ich davon. In diesem Moment gehört mir die ganze Welt. Es gibt nichts, was ich nicht kann. Und meine Sorgen erscheinen mir in diesem Beat lächerlich. Das Leben ist gut zu mir. Alles was zählt, ist heute Nacht.

Ich höre den Geschirrspüler in der Küche. Mein Kopf brummt. Ich setze mich auf. Mein Haar stinkt nach Rauch. Der Beat ist weg. Und er hat das Gefühl mitgenommen. Die Welt gehört mir nicht mehr. Ich hab sie beim Schlafengehen abgegeben. Eingetauscht gegen Kopfschmerzen. Toll.

Ich reibe mir die Stirn und lasse mich wieder in den Polster fallen. Schließe die Augen. Ich spüre den Beat, sehe meine Freundin tanzen und ich fühle es wieder. Zumindest ein Hauch: Weltherrschaft. Selbstsicherheit.

RAUSCH

|Credit:Fotos Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz|

Wie ich gelernt habe, über meine Panikattacken zu sprechen

Mein Herz schlägt schneller. Immer schneller. Atmen fällt mir schwer. Als würde jemand auf meiner Brust sitzen oder seine Hand auf meinen Mund pressen. Ein Geschmack von Übelkeit klettert mir die Kehle hoch. Meine Zunge ist trocken. Nein, der ganze Mund. Ich ersticke und verdurste gleichzeitig, irgendwie. Währenddessen steigt Panik in mir auf. Es ist, als müsste ich sterben. Zumindest stell‘ ich es mir so vor. Mein Kopf lässt keine rationalen Gedanken mehr zu, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Für einen Moment glaube ich wirklich zu sterben. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Ich bin überzeugt, dass mein Körper diesen Schmerz für keine weitere Sekunde mehr ertragen kann.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

So fühlen sich Panikattacken an— jedenfalls für mich. Früher dachte ich, Panikattacken seien eine Art Krankheit, die man eben bekommt wie etwa Asthma oder Epilepsie. Eine Krankheit, die man medizinisch behandeln kann. Dann zum ersten Mal vor drei Jahren wurde mir beim Autofahren plötzlich total schlecht. Ich dachte mir nichts weiter. Tja, kann passieren. Als Kind kotzt man schließlich regelmäßig im Auto. Aber es kam immer wieder: im Zug, im Flugzeug, in Gondeln. Darum dachte ich, das muss wohl Platzangst sein. Ich mied enge Räume und Transportmittel. Plötzlich bekam ich es aber auch nachts im Bett. Nie in meinem eigenen, aber an fremden Orten. Fremde Orte, fremde Menschen, ja alles Fremde war plötzlich böse.

Lange dachte ich nicht an Panikattacken. Ich suchte das Problem in meinem Körper. Ging zum Arzt, ließ mich durchchecken. Der sagte nur: alles gut. Aber ich war nicht erleichtert. Ganz im Gegenteil. Das machte mir nur noch mehr Angst. Langsam erkannte ich nämlich, wenn nicht im Körper, dann musste es wohl psychisch sein.

Ab diesem Zeitpunkt versuchte ich mir einzureden, wenn es psychisch ist,  könne ich es auch mit Gedanken bekämpfen. Das machte es aber nur noch schlimmer. Ich hatte keine Lust mehr irgendwas zu unternehmen. Ich wollte nicht mehr reisen, denn ich hatte Angst vorm Flugzeug. Ich wollte nicht mehr ausgehen, denn ich hatte Angst vor der Taxifahrt. Ich wollte nicht mehr trinken, denn ich hatte Angst die Kontrolle zu verlieren. Ich begann Stück für Stück weniger mehr zu machen. Zog mich immer stärker zurück und blieb am liebsten zuhause, in meiner gewohnten Umgebung, unter gewohnten Menschen. Ich wurde zu einem unglücklichen Einsiedler.

An einem Donnerstag im Jänner, ich weiß es noch genau, es schneite gerade, da eskalierte es dann. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto. Anfangs saß ich vorne. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, ich konnte vor Übelkeit nicht mehr atmen. Ich bat meinen Vater, selbst zu fahren. Wir wechselten. Doch auch das Fahren half mir nicht. Mein Herz schlug immer schneller und schneller. Und ich bekam schreckliche Angst zu sterben, wie noch bei keiner Attacke zuvor. Ich fuhr an den Rand der Fahrbahn, zu einem Bushäuschen, und blieb einfach stehen. Stieg aus und kniete mich ins verschneite und nasse Gras. Mein ganzer Körper zitterte, er bebte regelrecht vor Angst.

An diesem Tag erlebten meine Eltern zum ersten Mal, wie meine Attacken wirklich aussahen und dass sie kein Hirngespinst waren, sondern ernst. Nach einigen Minuten in der Kälte beruhigte ich mich. Vertraute Menschen waren das beste Mittel gegen meine Attacken. Zuhause angekommen erklärte mir mein Vater, so könne es nicht weitergehen. Ich bräuchte Hilfe. Ich wusste, er hatte Recht. Nur wer könnte mir noch helfen?

Ich hatte das Glück, dass es eine Bekannte in der Familie gab, die zwar keine Therapeutin ist, aber mit der ich unglaublich gut sprechen konnte und der ich vertraute. Zu ihr ging ich dann und redete und redete. Über das Gefühl, die Angst, die Panik und die Panik, die ich durch die Panik bekam. Mit ihr gemeinsam fand ich  Wege mit den Attacken umzugehen, sie zeigte mir, wie mir Atmen helfen konnte und ich begab mich auf die Suche nach dem Grund dafür.

Eines der Hauptprobleme mit meinen Attacken war, dass ich dachte, ich wäre allein damit. Dass wiedermal nur ich diese Scheißattacken hätte. Ich, der Sonderfall. Je öfter ich aber darüber sprach, umso mehr Menschen erzählten mir von ähnlichen Erlebnissen. Auch wenn sich die Attacken meist durch andere Symptome äußern, so ist die unfassbare Panik und Angst dahinter die gleiche. Das Schlimme an Panikattacken ist nämlich nicht die Attacke selbst, sondern die Angst, dass sie niemand versteht.

Darum finde ich Reden wichtig. Darum ist dieser Artikel wichtig. Denn obwohl es heute ja irgendwie trendy ist, ein bisschen depressiv zu sein und zum Psychiater zu gehen, zumindest wird uns das in Filmen so vorgelebt, will seine psychischen Probleme im real Life niemand zugeben. Obwohl doch jeder von uns so seine Probleme mit sich selbst hat.

Ich schätze mich echt glücklich, dass ich heute nur mehr sehr selten Panikattacken habe und mittlerweile weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss. Aber niemand soll damit allein sein, denn die Psyche darf genauso mal krank werden wie der Körper. Und was ich daraus  gelernt habe: Auszeiten helfen. Für mich sind fünf Minuten am Tag, in denen ich so gar nichts tue, schon genug.

Was ist eigentlich mit den Österreichern los?

24535305854_929b54f04b_h Kopie

Seit ich in Deutschland lebe, wird mir eine Frage immer wieder gestellt: „Sag mal, was ist da eigentlich los bei euch in Österreich?“ Ich stammle dann meist nur: „Ja, äh, ist echt schlimm dieser Rechtsruck.“ Sehr viel mehr fällt mir meist nicht ein. Denn es fällt mir schwer zu erklären, was da gerade abgeht. Und noch viel schwerer fällt es mir, das zu begreifen. In Wien werden Flüchtlinge mit Blut beworfen, im Burgenland tauchen „Heil-Hofer“-Schmierereien und Hakenkreuze auf und wir stehen haarscharf vor einem blauen Bundespräsidenten.

Was ist mit meinem Land nur los? Ein Erklärungsversuch.

Ein gängiges Vorurteil gegenüber jungen Menschen ist ja, sie würden sich nicht mehr für die Politik interessieren. Zumindest das kann man in der derzeitigen politischen Situation in Österreich klar verneinen. Kaum jemand hatte keine Meinung zu dieser Wahl. Durch die intensive Wahlberichterstattung wurde es auch geradezu unmöglich sich dem zu entziehen. Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath erklärt das so: „Politikinteresse kann man sehr schwer an einer Generation festmachen. Das Interesse ist dann groß, wenn viel los ist. Spätestens seit dem letzten Jahr mit Flüchtlingskrise und der Finanzkrise zuvor stieg das Politikinteresse klar an. Viele junge Menschen sind aber politikverdrossen.“

Viel los ist in Österreich auf jeden Fall. Im ersten Wahlgang der Bundespräsidentschaftswahl kamen die beiden Vertreter der Großparteien ÖVP und SPÖ gemeinsam nicht einmal auf 22,3 Prozent. Die ersten drei Plätze belegten ausnahmslos Oppositionsparteien oder Unabhängige. So etwas gab es in Österreich bisher noch nie. Seitdem wird viel über mögliche Neuwahlen und den Zerfall der Mitte gesprochen. Seitdem spukt das Gespenst einer möglichen blauen Regierung und eines blauen Bundespräsidenten umher und verbreitet Angst und Schrecken. Auch bei mir. Die Message des Volkes an die Regierungsparteien war eindeutig: Wir wollen euch nicht mehr. Danach blieb nur die Frage offen, ja was wollt ihr denn dann?

Es geht nicht um Protest

Die Zentrumsparteien zerfallen, versagen und enttäuschen ihre Wähler. Darum interpretieren viele Blauwählen als eine Art Protest. Dieser Vergleich hinkt laut dem Forscher Ikrath aber immens: „Die Leute hätten theoretisch auch Richard Lugner wählen können, wenn es ihnen darum gehen würde, wirklich aus Protest zu wählen. Wenn Menschen eine Partei wählen, die in den Umfragen über 30 Prozent hatte, dann hat das nichts mehr mit Protest zu tun, dann stehen die Leute hinter dem, was sie wählen. Oder vorsichtiger ausgedrückt, sie haben zumindest kein Problem mit rechtem Gedankengut und Ausländerfeindlichkeit.“ Diese Einschätzung passt gut zu dem Trend, dass rechts zu sein und rechts zu wählen in den letzten Jahren immer gesellschaftlich legitimer wurde.

Warum die Leute Angst haben wollen

Es heißt, die Blau-Wähler hätten Angst und darum müsse man sie endlich ernst nehmen. Clemens Setz schrieb in der ‚Zeit‘, dass Menschen die FPÖ eben genau wählen würden, weil sie Angst behalten möchten. Sie würden sich bewusst für den Weg entscheiden, auf dem die Angst erhalten bleibt. Auch Ikrath sieht das ähnlich: „Jetzt gerade kann man in Deutschland ja eine Debatte mitverfolgen, die wir in den letzten 20 Jahren in Österreich hatten. Es heißt, die Menschen hätten Angst und würden darum AfD wählen. In Wahrheit geht es aber viel mehr um Paranoia, in Österreich genauso wie in Deutschland. Die Leute haben den Glauben an die Politik und die da oben total verloren und flüchten sich stattdessen in die totale Paranoia.“

Die Menschen glauben also nicht mehr an Eliten oder Politiker. Man muss erwähnen, dass dieser Glaubensverlust keinesfalls aus dem Nichts gekommen ist. „Diese Theorien sind zwar Mist, aber sie sind nicht aus dem Mist gewachsen“, so Ikrath. Seit Jahren lässt die Politik die Menschen allein und die Koalition in Österreich ist praktisch erstarrt. Darum ist die FPÖ auch so erfolgreich. Sie prangt alles an, was gerade nicht funktioniert: Der Wohnraum ist zu teuer, es kommen zu viele Flüchtlinge und die Regierung scheitert. Wirklich verneinen können diese Punkte auch Linke nicht. Die große Herausforderung im Umgang mit der FPÖ ist, dass das ja durchaus stimmt, was sie sagt. Wir haben all diese Probleme, die sie anspricht. Nur dass auch die FPÖ keine Lösungskonzepte dafür hat, übersehen ihre Wähler.

„Der Faschismus versucht die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren. (…) Er sieht sein Heil darin, sie zu einem Ausdruck, aber beileibe nicht zu ihrem Recht kommen zu lassen“, schrieb der deutsche Philosoph Walter Benjamin bereits Anfang der 90er.  Es sind komplizierte Worte, doch je mehr ich über sie nachdenke, desto besser beschreiben sie, finde ich, auch die heutige Situation.

Wir sollten wieder über wirkliche Politik reden (und warum das nicht geht)

Ein weiteres Problem ist der generelle Umgang mit Politik in Österreich. Jeder will Aktion, Spektakel, Skandal. Keiner spricht mehr über wirkliche politische Inhalte. Vielleicht auch, weil es diese heute zu selten gibt. Politik, genauso wie Medien, haben das Gefühl, sie müssen alles an die Spitze treiben, sonst interessiert es keinen. „Wir müssten uns wieder an langweilige bodenständige Politik gewöhnen. Das wäre wichtig“, meint auch Ikrath.

Man muss leider sagen, egal wie die Bundespräsidentschaftswahl ausgeht, das Land bleibt gespalten. So oder so. Es gibt jetzt diese beiden Seiten links und rechts, die einander so gar nicht verstehen können und das vielleicht auch gar nicht wollen. Ich glaube aber, dass uns jetzt nur mehr eins übrig bleibt: miteinander reden. Auch wenn viele nur auf Skandal und Konfrontation aus sind, wieder andere paranoid und weitere ausländerfeindlich sind, wir haben keine andere Option mehr als zu reden.

Denn die Situation unseres Landes ist düster. Düster, aber noch nicht verloren.

 

|Credit Foto via flickr via Karsten H.68 |

Die Akte Ex und was passiert, wenn man sie öffnet

Ex-Freunde

Ein brauner Schuhkarton mit einem roten Häkchen drauf. Er ist verstaubt. Lange wurde er nicht geöffnet. Durch meinen Umzug halte ich ihn plötzlich wieder in meinen Händen. Ich weiß genau, was sich darin befindet. Nicht wie in dem anderen Nike-Karton, in dem ich meine einzelnen Socken aufbewahre, in der Hoffnung, irgendwann doch noch den dazugehörigen zu finden.

Ich setze mich auf die Couch und öffne ihn vorsichtig. Es durchschleicht mich fast ein Gefühl des Betrugs, als dürfte ich das gerade gar nicht machen. Derweilen ist der Inhalt per se nicht mal spannend: Kristall-Ohrringe, Kinotickets, ein Band aus der Pratersauna und einige Fotos. Das Problem mit so einem Karton sind nicht die Sachen darin, sondern die Gedanken, die durch ihn entstehen. Gedanken an eine Beziehung, die vorüber ist. Die Gefühle sind weg, die Gegenstände aber geblieben. In diesem verstaubten Nike-Karton, der immer stumm unter meinem Bett lag.

Beziehungen können schlimm ausgehen, fast immer tut das Schluss-machen unfassbar weh. Und trotzdem will man die Gegenstände und Erinnerungen des Ex meist nicht wegwerfen. In diesen Momenten musste ich immer an eine Folge bei Gilmore Girls denken, als Rory und Dean schlussmachen und Rory ihre Mutter bittet, den Karton mit seinen Sachen für sie wegzuwerfen. Ihre Mutter tut es nicht, sie verstaut ihn im Schrank. Irgendwann findet Rory ihn und ein Streit bricht aus. IhrevMutter erklärt ihr, dass sie selbst einen Mord begehen würde, um ihre Kartons mit den Erinnerungen an ihre Verflossenen zurückzubekommen.

In weiser Vorsicht also habe auch ich meine Kartons nie weggeworfen. Eine andere, vom Inhalt recht ähnliche Box, steht in meinem Zimmer bei meinen Eltern zuhause. Es ist kein Schuhkarton, sondern eine Ikea- Box aus Plastik. Und noch dazu durchsichtig. Eine richtige Angeber- Ex-Freund-Box, die einen verhöhnt, wenn man sie sieht. Aber auch diese werde ich nie wegwerfen.

Was sagen also diese Akten Ex über uns aus?

Die Akte Ex gibt es auch ganz ohne verstaubte Schuhkartons. Denn auch wer diese Inhalte nicht wie ich hortet, trägt sie trotzdem zweifellos mit sich herum. Die Akte Ex sind nicht löschbar, auch wenn man sich das manchmal wünscht. Eine Freundin hat mir vor Kurzem davon erzählt, dass ihr neuer Freund ihr einfach nichts über seine Vergangenheit erzählen will. Kein Sterbenswörtchen verliert er. Auch nachdem sie seine Ex zufällig auf der Straße trafen und er zumindest zugeben musste, wer sie war, rückte er immer noch nichts heraus.

Sie akzeptiert sein Schweigen nicht und das kann ich gut verstehen. Auch wenn wir es nicht gerne hören, die Akte-Ex sagen so einiges über uns aus. Sie bestimmen sicherlich nicht, wer wir sind, aber sie prägen uns. Natürlich gibt es Zeiten, da verflucht man seine Ex und dessen Akte. Gerade nach einer Trennung ist es manchmal unerträglich, dass es da diese eine Person gibt, die so viel weiß, die für einen so viel war und nun einfach nicht mehr im eigenen Leben vorkommt.

Es gab Zeiten, da dachte ich mir, wie schön wäre es, alle Ex einfach auf eine einsame Insel ganz weit weg zu verbannen. Weg aus der Stadt, weg aus dem Sinn. Wie schön wäre das. Im zweiten Gedankengang wurde mir natürlich klar, dass in diesem Gedankenspiel auch ich auf diese Insel müsste, da natürlich auch ich die Ex von jemandem bin und auch für immer sein werde.

Exe sind selten ein leichtes Thema und auch in neuen Beziehungen spuken sie herum. Diese Geister möchte man am liebsten direkt auf diese Insel verbannen. In Wahrheit sind die Vergangenheit von einem Menschen und die Akte Ex aber auch für die neuen Beziehungen unglaublich wichtig. Denn sie erzählen viel über eine Person.

Auch wenn ich mir manchmal wünschte, erst gar keine Akte Ex zu besitzen – ein unbeschriebenes Blatt zu sein – mag ich meine Kartons heute irgendwie trotzdem. Und darum entschied ich mich auch bei diesem Umzug dagegen, sie zu entsorgen. Schließlich würde die Vergangenheit ja trotzdem bleiben, auch wenn der verstaubte Karton im Müllcontainer landet. Und irgendwann stelle ich diese Kisten einmal gestapelt vor meiner Tochter hin und sag‘, schau her, so ist das Leben.

|Credit Foto via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0 |

Warum weggehen so schwer fällt

Vor einiger Zeit habe ich mich selbst dazu entschieden nach Hamburg zu gehen um bei NEON ein Praktikum zu machen. Auch wenn ich damals noch überzeugt davon war, dass das vermutlich sowieso nichts werden würde kam plötzlich eine Zusage und für mich war klar, ich muss dahin. Und obwohl es seit jeher mein absoluter Traum ist für NEON zu arbeiten, hatte ich in den letzten Tagen Zweifel.

Meine Tante verabschiedete meinen Freund und mich zu Ostern gleich mit den Worten: „Ist doch schön, wenn du jetzt solo bist oder?“ und ich dachte mir nur: „SOLO???!! Niemand ist hier solo.“

Plötzlich war es wirklich soweit und ich musste mich von meinem Freund verabschieden, meiner Nichte erklären, warum ich jetzt drei Monate nicht da bin und endlich richtig Hochdeutsch lernen, da mich sonst in Hamburg niemand verstehen wird. Man sollte meinen, dass mich diese Gedanken in den letzten Monaten schon länger beschäftigt hätten, aber so war es nicht. Ich habe mir in den letzten Jahren ein Muster zugelegt, dass ich bei Veränderungen immer anwende. Wenn es also zum Beispiel ums Weggehen geht, dann bin ich zu Beginn super begeistert und denk mir bei jedem Zweifel, der mir in den Sinn kommt: „Ach das wird sich schon alles geben.“ Ich sehe alles überdurchschnittlich locker und versteife mich auf die positiven Aspekte.

Denn eines kann ich nämlich verdammt gut: Probleme verdrängen. Der Nachteil an dieser Philosophie ist leider, dass sie einen (fast) immer einholen. Denn dieses Verdrängen funktioniert nur so lange, bis es dann soweit ist. Und jetzt ist es soweit. Dafür habe ich mein WG-Zimmer geräumt, meine Wohnung gekündigt und tausche das alles gegen ein Zimmer in einem Studentenheim mit einem Bad und einer Küche, die ich mir mit zehn anderen teile.

Bildschirmfoto 2016-04-01 um 13.53.58

An einem Abend kurz bevor ich wegging, wurde ich dann richtig panisch, mein Herz begann wie wild zu klopfen und ich malte mir ein Horror-Szenario nach dem anderen aus: Was wenn ich ins Krankenhaus muss? Einen Nervenzusammenbruch habe oder das Alleinsein einfach nicht aushalte?

Ich hatte seit langem wieder einmal Existenzängste und mir fiel auf, wie behütet mein Leben hier in Wien eigentlich ist. Ich hab hier so viele Menschen, auf die ich mich verlassen kann und wenn es hart auf hart kommt und ich morgen obdachlos oder komplett pleite wäre, dann wüsste ich, dass meine Eltern mich nicht unter einer Brücke schlafen lassen würden. Und dann ist da noch diese wunderbare Gewohnheit. Ich mache natürlich nicht jeden Tag genau dasselbe, aber im Großen und Ganzen sind sich die Tage sehr ähnlich, sehr vertraut, sehr schön.

Und jetzt diese Veränderung: Ein neuer Job und eine komplett neue Stadt kommen auf mich zu. Dabei wird mir wieder einmal bewusst, dass ich mit Veränderungen in meinem Leben etwa wie eine 80-jährige Oma umgehe: Ich kriege die Krise und ärgere mich, dass nicht einfach immer alles so bleiben kann, wie es war. Und noch etwas bemerke ich in dieser Situation: Wie unsicher ich selbst bin! Denn ganz ernsthaft und realistisch betrachtet, was soll schon passieren? Hamburg ist nicht aus der Welt und irgendjemand wird mich mit meinem Bauerndialekt auch dort verstehen. Und trotzdem, dieses komische Gefühl in meinem Bauch geht nicht weg. Ist das ein Vorstadium von Heimweh?

Ich wurde neugierig und begann zu recherchieren. Erstmals wurde das Krankheitsbild  Nostalgia 1688 von dem Arzt Johannes Hofer in Basel beschrieben. Ab dem 17. Jahrhundert war das Gefühl als „Schweizer Krankheit“ bekannt, da sich Schweizer Soldaten so sehr nach ihrem Zuhause sehnten, dass ihr Kampfeswille nachließ. Ihnen wurde sogar das Singen von bestimmten Liedern verboten, die das Heimweh noch verstärkt haben sollen. Lange Zeit glaubte man auch, dass Menschen an Heimweh sterben könnten.

anigif_enhanced-buzz-30642-1362437509-1_preview

Der Psychologe Karl Marbe stellte dann 1925 fest, dass Heimweh keine Krankheit ist: „Heimweh ist ein ganz normales Verhalten bestimmter, auch völlig gesunder Personen, das an bestimmte Bedingungen in der Umwelt geknüpft ist. Und es ist nicht zwingend ein Zeichen für einen beschränkten Horizont, es kann Gebildete, Ungebildetste, Alte und Junge erfassen“ so Marbe.

So widerlegte der Psychologe bereits in den 20ern das Klischee, dass nur Kinder an Heimweh leiden würden. In meiner Situation kann man vermutlich noch nicht mal von Heimweh sprechen, sondern eher von einer Pre-Heimweh-Angst. Darum beschloss ich, bereits im Vorhinein Doktor Google zu befragen. Der empfiehlt mir die unterschiedlichsten Dinge: homöopathische Globuli zu nehmen, Tagebuch zu führen oder Gegenstände in Erinnerungskisten zu sammeln.

Besonders bestätigt fühle ich mich, als ich die Aussage von Bernadett Greiwe, Hochschulpsychologin bei der Studienberatung der Universität Münster, lese: „Gerade für junge Studierende kann es belastend werden, wenn die Eltern auf einmal nicht mehr so greifbar sind.“

Ich bin also doch (relativ) normal und weder krank noch besonders psychisch labil, sondern derartige Gefühle scheinen also zum Erwachsenwerden dazuzugehören. „Wer gezielt ins Ausland geht, um Neues zu entdecken, tut sich leichter“, rät Ernestine Wohlfart, die Psychotherapeutin an der Berliner Universitätsklinik Charité ist. Also gut, dann geht’s also los – notfalls müssen eben Globuli oder ein Flugticket her. Oder diese speziellen Heimweh-Pillen, die mir meine Lehrerin im Skikurs bei Heimwehattacken gab und sich im Nachhinein als Tic-Tacs herausstellten.

 

anigif_enhanced-buzz-32150-1362438495-1

Warum Strache meine Freunde sicher nicht kriegt

Die Frage, wie man am besten mit Hass-Postings und ausländerfeindlichen Scheiß- Kommentaren umgeht, ist generell schwierig zu beantworten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann Postings melden, Facebook generell kritisieren, mit den Personen öffentlich diskutieren oder ihre Postings mit Kommentaren wie „so dumm“ weiter verbreiten.

Bildschirmfoto 2016-01-15 um 13.52.45Screenshot via Facebook

|Dieser Artikel ist am 6.01.2015 auf VICE.com erschienen|

Noch schwieriger wird es, wenn diese unreflektierten idiotischen Kommentare von deinen eigenen Freunde und Bekannten kommen. Wenn aus anonymen Idioten Sandkastenfreunde, Nachbarn oder Ex-Schulkollegen werden. Und wenn dadurch Postings plötzlich ein Gesicht und Charakter bekommen. Auf einmal wird dir klar, dass diese Menschen keine herzlosen Idioten sein müssen und trotz dem Scheiß, den sie verbreiten, auch liebenswerte Seiten haben können.

Diesen inneren Disput führe ich seit Jahren mit mir selbst. Meine Freunde huldigen „HC Strache“ auf Facebook, gehen zu seiner Clubnacht ins A1, zur Neujahrsrede ins Bierzelt, hetzen auf Facebook über faule Ausländer und die noch schlimmeren Linken. Ihre Einstellung finde ich absolut nicht in Ordnung und verurteile sie sogar. Mir schwirrte auch schon der Gedanke durch den Kopf, sie alle auf Facebook einfach zu entfreunden, damit ich es nicht mehr sehen muss. Wenn ich mich gegen diesen Dreck in meiner Timeline nicht wehre, bin ich dann nicht mitschuldig? Genau das ist doch Zivilcourage, oder?

Gleichzeitig fühle ich mich aber heuchlerisch, wenn ich von anderen Toleranz fordere und selbst andere Meinungen nicht akzeptieren kann. Das meiste sind keine verbotenen Inhalte und auch keine Wiederbetätigung, sondern einfach rechte Gedanken, die leider auch der Meinung eines immer größer werdenden Teils der Österreicher entsprechen. Immerhin hat 2015 auch gezeigt, dass die FPÖ immer mehr Zuspruch bekommt, egal ob in Wels, in Oberösterreich oder in Wien.

 

Bildschirmfoto 2016-01-15 um 13.52.29Screenshot via Facebook

Im realen Leben abseits von Facebook und Co. versuchen wir Politik so gut es geht auszuklammern. Kommt beim Vorglühen zum Beispiel doch das Thema Ausländer auf, dann entschärft es meist jemand in der Gruppe und wechselt schnell und unauffällig zu etwas anderem. Oder sie tun mich als die Linkslinke ab, mit der man sowieso nicht diskutieren kann. So oder so ist die Diskussion meist vorbei, bevor sie richtig beginnt. Sie halten mich für linker als ich eigentlich bin und ich halte sie für politisch unreflektiert und dumm, liebe sie aber trotzdem.

All die Erinnerungen und Erlebnisse, die ich mit ihnen verbinde, haben nichts mit Politik zu tun, sondern mit Freundschaft und dem gemeinsamen Aufwachsen. Unsere Freundschaften entstanden in einer Phase, in der Politik noch keine Rolle spielte. Ich bin mit lauter Burschen in einem Ort in Oberösterreich aufgewachsen und war meist das einzige Mädchen. Sie haben mich immer beim Fußball mitspielen lassen und mich später auch beim Fortgehen mitgenommen. Ich hab mit ihnen meinen ersten Tequila getrunken und sie haben mir danach die Haare gehalten. Ich konnte immer auf sie zählen und verdanke ihnen so einiges.

4633224743_746ce3a19f_zFlickr via Thomas Schlosser —Herzmalerei-8116

Dazu kommt, dass mein erster Freund auch FPÖ-Wähler war. Sein Dad ist Polizist und begleitete Flüchtlinge bei der Abschiebung im Flugzeug. Er wuchs mit einer schlimmen Vorstellung von Ausländern auf. Für mich war die Beziehung im Nachhinein ironischerweise das Beste, das mir passieren konnte.

Hätte ich damals niemandem wiedersprechen und mit niemandem diskutieren müssen, hätte ich mir meine Werte und Einstellungen vermutlich nicht schon mit 15 so genau überlegt. Die Beziehung ging in die Brüche—unter anderem eben, weil wir komplett unterschiedliche Weltanschauungen hatten. Heute weiß ich, dass zumindest die groben Werte im Leben ähnlich sein sollten, damit man zusammen sein kann.

Aber wenn es um meine Sandkastenfreunde aus Oberösterreich geht, mit denen ich nicht das Bett, sondern nur Social Media teile, dann will ich nicht akzeptieren, warum ich sie wegen Strache aufgeben sollte. Unsere Freundschaften waren schließlich auch schon vor Strache da.

Bildschirmfoto 2016-01-15 um 14.21.47

Ich stelle mir häufig die Frage: Kann ich ihre Einstellungen wirklich ausblenden? Oder bin ich eine zu politische Person, die das gar nicht mehr kann, auch wenn sie will? Freunde auf Facebook einfach zu löschen, ergibt für mich jedenfalls überhaupt keinen Sinn. Sie werden ihr Denken dadurch nicht eher reflektieren und ich würde höchstens ihre Ansichten über „diese intoleranten Linkslinken“ bestätigen.

Ich glaube, Freundschaften haben eine ziemliche Macht, etwas zu verändern. So wie ich darüber grüble, warum sie auf Strache stehen, denken vermutlich auch sie darüber nach, warum ich es nicht tue. Für mich heißt Toleranz deswegen nicht, den Mund zu halten, wenn gehetzt wird. Ich werde meinen Mund bei diesen Themen nie halten. Aber ich will zumindest versuchen, grundsätzlich zu akzeptieren, dass jemand auch FPÖ wählen kann und respektvoll mit Fakten argumentieren, warum ich anders denke.

Auch, wenn Heinz-Christian Strache es schafft, sie aufzuhetzen und ihnen das Gefühl zu geben, sie zu verstehen, bleiben sie trotzdem ein Teil meiner Jugend und damit auch von mir. Tolerant zu sein heißt für mich, andere Einstellungen zu akzeptieren (so lange sie legal sind) und zu versuchen, die Ängste dahinter zu erkennen. Darum, liebe FPÖ, geh doch scheißen—meine Freunde überlasse ich dir sicher nicht so einfach.

Bildschirmfoto 2016-01-15 um 14.25.41

 

Fleisch und heiße Luft

Alle Jahre wieder heißt es für mich ,Coming Home for Christmas‘. Auch während des Jahres bin ich manchmal zu Besuch, aber dann nur für ein Wochenende. Zu Weihnachten gebe ich mir die vollen zwei Wochen und es geht schneller als man denkt, dass ich mich wieder wie 16 benehme und meine Eltern Sätze sagen wie „Heute gehst du aber nicht fort, weil du hast doch Halsweh“.

(c) www.altfg.com

Acht Dinge, die sich in Oberösterreich nie verändern werden:

1. Der Streit um das Auto

Wohnt man irgendwo in der Pampas, so wie wir in Oberösterreich, ist ein Auto das Nonplusultra. Mir geht es im Gegensatz zu den meisten Oberösterreichern (Oberösterreich ist ja intuitiv geschätzt das Bundesland mit der höchsten Autoproleten-Dichte)  nicht darum, ein Gefährt mit möglichst vielen Ps zu haben. Ich will weder proletieren, noch angeben, noch einen Audi. Ich will mich einfach von A nach B bewegen können.

Rund um unser Haus gibt es nichts als Felder, Schweineställe und Pensionisten. Und das ist wirklich nicht übertrieben. Darum bin ich natürlich nicht die einzige, die flüchten will. Wer den Kampf verliert, muss bleiben. Und kann dann entweder Schweine streicheln gehen oder auf den Bus warten, der zumindest einmal am Tag hier im Dorf stehen bleibt.

2. Der Hunger nach Fleisch

Wenn ich in Wien bin, ess‘ ich so gut wie nie Fleisch. Einerseits weil ich zu faul bin und das meine Kochkünste haushoch überfordert und andererseits weil ich zwar auf Schnitzel stehe, aber kein rohes Fleisch angreifen mag. Sehr heuchlerisch, ja, haters gona hate. Hier in Oberösterreich ist das anders. Da kocht Mama und da gibt es zu Weihnachten Bratwürstel (eh klar, Oberösterreich), am 25. Dezember Hirsch, am 26. Truthan, danach wieder Würstel, dann Pizza (mit Schinken), dann Suppe (mit Speck!) und zu Silvester Schweinsbraten. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Körper auf einen Oberösterreichmodus wechseln kann und sich die ganzen Nährstoffe, Fette und Proteine speichern können, denn wenn nicht, ist es ein Wunder, dass ich nicht jedes neue Jahr mit Gicht starte.

3. Der Streit um den Fernseher und das Radio

In Wien habe ich keinen Fernseher. Nicht nur weil ich es mir nicht leisten kann, sondern auch weil ich es für eine Zeitverschwendung halte. Und trotzdem gehe ich in Oberösterreich dieser Zeitverschwendung plötzlich gerne nach. Nicht nur weil es nicht viel anderes zu tun gibt, sondern auch weil es ähnlich wie beim Auto auch hier einen Kampf gibt, den es zu gewinnen gilt. Hier treffen alle Generationen und Geschmäcker aufeinander und es endet meist mit einem Tatort oder Bergdoktor, den keiner sehen will und der Rest schon gesehen hat. Es wird dann aber ohnehin die ganze Zeit gequaselt. Ähnlich ist es auch beim Radio. Musik läuft bei uns in Dauerschleife und meist Klassik Radio FM. Dazwischen wird Radio Salzkamemrgut gehört, wo Edith Schiller die immer gleichen unlustigen Scherze bringt. Wer es wagt den Sender zu wechseln, muss es auf Streit abgesehen haben.

 4. Das Festnetztelefon

Etwas, das ich nie verstehen werde: Warum braucht man heute noch ein Festnetz? Und warum müssen drei Telefone im Haus so vernetzt sein, dass man bei Anrufen fast vom Sessel fällt und mehr das Gefühl hat, eine Sirene als einen Anruf zu hören. Es ist unglaublich laut dieses Läuten. Eine Erklärung dafür gibt es nicht wirklich, da meine Eltern noch gut hören und man die Lautstärke auch dimmen könnte. Und dann gibt es da natürlich noch die Spezialisten, die um halb 8 Uhr Sonntag morgens anrufen und es solange läuten lassen, bis jemand rangeht. Die denken sich vermutlich, warum denn auch nicht, um diese Zeit schläft man ja schließlich nicht mehr und macht sich ohnehin fertig für die Kir(c) devnicsmith.wordpress.com

5. Die (Nicht-) Gebrauchsgegenstände
Was Tisch und Polster bei mir zuhause gemeinsam haben? Sie sind da, aber man darf sie nicht benützen. Wir haben einen wunderschönen Bambus-Holz-Tisch im Esszimmer. Wirklich schön. Leider bekommt man ihn nie zu Gesicht, da er stets unter Tischdecken und Tischsets begraben wird. Bambus ist zwar traumhaft schön, jedes Wasserglas hinterlässt aber Spuren. Jetzt sind wir zwar noch nicht in der Serie „Die Nanny“, wo alles mit Plastik überzogen wird, vom Sofa bis hin zum Tisch, aber weit enfernt sind wir da nicht mehr. Dann gibt es auch diese schönen Weingläser, die man nur anschauen und nicht benützen darf, weil sie ja nicht in den Geschirrspüler passen. So läufts auch mit den Zierpölstern und dem Lilienporzelan und einer langen Liste von „Nicht-Gebrauchsgegenständen“.

6. Heißes Wasser

Fehlendes heißes Wasser kann in unserer Familie schon mal ganz schön heiße Luft produzieren. Kurz ein Szenario, wie ich es schon zigmal erlebt habe: Ich freue mich den ganzen Tag auf die Badewanne. Auch ein Luxusgut, das ich in Wien nicht habe. Da ich es nicht erwarten kann, lege ich mich schon bei ganz wenig Wasser in die Wanne. Das Wasser ist traumhaft heiß, die Luft dampft und plötzlich wird es kalt. Auch wenn man kurz abdreht und wartet, kein warmes Wasser mehr. Auch das wenige verbliebene heiße Wasser in der Wanne verdunstet und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Wanne zu verlassen. Ich schlinge mir schnell ein Handtuch um und tropfe trotzdem den ganzen Boden voll. Reiße die Türe auf und schreie durch das ganze Haus: „Papa, das Wasser ist kalt“. Meist kommt keine Antwort und ich brülle noch einmal, wie ein Berserker. Dann irgendwann geht Papa nachschauen in den Keller und dann kommt die Antwort: „Da hätten wir aufdrehen müssen“.  Und dieses „aufdrehen müssen“, das verheißt nichts Gutes. Das weiß ich schon seit Jahren. Denn wir heizen unser Wassser mit Solar, und gab es zu wenig Sonne, muss man dazuheizen. Eigentlich alles kein Problem, nur das dauert eben ein paar Stunden. Und die Luft ist heiß. Und das Wasser kalt.

bath-988502_960_720

7. Sharing is Caring, oder?

Bei uns gab es immer mehr als genug zu essen. Immer. Und trotzdem bin ich mit einem Futterneid aufgewachsen, der seinesgleichen sucht. Auf Sätze wie „Isst du das noch?“ oder „Darf ich einen Schluck von deinem Kaffee haben?“ bin ich heute noch allergisch. Denn diese Sätze endeten meist mit dem Resultat, dass ich eine leere Tasse oder einen leeren Teller zurückbekam. Darum wird bei uns beim Essen (also meist nur mein Vater und ich) aus Prinzip um das letzte Mohnflesserl gestritten. Auch wenn man schon pappsatt ist.

8. Wlan ausschalten

22:30. Ich scrolle mich gerade auf Facebook durch. Plötzlich „keine Verbindung“ mehr. Ich disconnecte das Wlan, doch auch danach findet mein PC kein Netz mehr. Ich verlasse mein kuscheliges Bett und mache mich auf den Weg zum Wlan-Rooter. Kein Leuchten, kein Blinken nichts. Er scheint tot. Ich schalte ihn wieder ein. Es dauert Ewigkeiten, bis er nicht mehr blau blinkt und endlich wieder funktioniert. Ich weiß auch, warum auf einmal alles aus ist: Bei uns zuhause wird das Wlan nachts meist ausgestaltet. Wegen den Strahlen.

 

Und sitze ich dann wieder in Wien in meiner Wohnung, wo es dauerhaft fließendes warmes Wasser gibt, ich die Musik hören kann, die ich will, mit der U-Bahn so gut wie überall hinkomme, meinen Tofu in den Salat schneide und mir niemand meinen Kaffee wegtrinkt, da vermisse ich meine Familie und Oberösterreich dann doch. Und all das, was sich nie verändern wird, fehlt mir plötzlich und mir wird klar, dass es perfekt ist, wie es ist.

Prinzessin auf der Erbse, steh auf!

Die Rede ist immerzu von Gleichberechtigung. Wir Frauen fordern sie im Job, im Freundeskreis, in der Familie, überall. Und trotzdem in einer Sache wollen wir es nicht: Am Morgen nach dem ersten Sex/ Date müssen sich die Männer melden. Die Frau wartet währenddesssen.

smartphone-friends-internet-connection-large

 

Vor kurzem erzählte eine Freundin in der Runde, dass er sich noch immer nicht gemeldet habe und warf die Frage in die Runde: „Soll ich mich melden?“. Im Chor ertönte ein lautes „NEIN!“ der anwesenden Mädels. Unter anderem entkam auch mir ein entschiedenes „Nein, auf keinen Fall“.

Später ließ mich die Frage nicht los, warum eigentlich nicht? Aktionen wie diese gehören genau jenem anmaßenden Feminismus an, den ich sonst verurteile und für heuchlerisch halte. Gleichzeitig ist es eine Frage des Stolzes, wer sich meldet. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr unschöne Gedanken kommen mir. Geht dieses ,der-Mann-muss-ja-dankbar für-diese-Nacht-sein-und-nun-um-mich-kämpfen-Ding‘ nicht auf eine Zeit zurück, in der Frauen nur den Männern zuliebe mit ihnen schliefen und keine eigenen Interessen verfolgten?

Zum Thema ‚Gleichberechtigung‘ gehört auch, diese selbst zu leben und nicht einen Tag lang vorm Handy zu sitzen und zu warten anstatt sich einfach selbst zu melden. Die Einstellung, er muss sich für mich entscheiden und ich sitze derweilen am Präsentierteller und hoffe, dass ich gut genug bin, ist dumm.

Durch das sich einfach selbst mal Melden könnten wir dem jahrhundertelangen passiven Beziehungsverhalten entkommen und endlich unseren eigenen Interessen nachgehen. Anstatt passiv zu warten, was ER macht. Natürlich gehört dazu auch die Gefahr, dass er nicht zurückschreibt oder sich ein Mädchen wünscht, das weiter wie eine Prinzessin auf der Erbse sitzt und wartet. Aber Männer, die nach dem Typus ,stummes Püppchen auf der Erbse‘ suchen, wollen wir sowieso nicht. Oder?


enhanced-buzz-19403-1383925887-4

Heiraten 4.0 für 20 Somethings

Vorher waren da überall Hochzeitsfotos in meiner Timeline. Eine Hochzeit reihte sich an die nächste. Die Brautpaare waren so jung wie ich. Schulkollegen. Freunde und Bekannte. Facebook-Bekanntschaften. Jetzt im Winter reihen sich Babybauchfotos aneinander. Winzig kleine Schuhe mit Schriftzügen. „Wir freuen uns auf dich“ oder „Coming soon“ steht da. Aus den Brautpaaren werden Eltern. Und aus Töchtern Mütter.

Twilight_Hochzeit

Es sind Paare, die aus demselben Ort und derselben Schule kommen wie ich. Und jetzt Eltern werden. In einer so ganz anderen Lebensphase als ich es bin. Ich kriege bereits Panik bei dem Gedanken aus meiner Studenten-WG mal auszuziehen und in eine andere Stadt zu gehen. Während ich von Praktikum zu Praktikum gehe und so versuche meinem Traum von  Journalismus leben zu können näher zu kommen, kriegen andere Kinder, bauen ein Haus und heiraten.

Warum die einen Häusl baun

Denk‘ ich nur an Zusammenziehen, hab‘ ich schon Angst, etwas von meiner jugendlichen Freiheit aufgeben zu müssen und dass  verrückte Verliebtheit dem Alltag und dreckigem Geschirr weicht. Auch die meisten meiner Freunde denken gar nicht ans Erwachsenwerden im Sinne von Familiegründen und Häuslbaun. Eine Freundin, nennen wir sie Andrea, sagte vor kurzem zu mir: „Ich krieg‘ die Krise, wenn ich noch ein scheiß Hochzeitsfoto auf Facebook sehe oder noch zu einer Hochzeit gehen muss. Zum Glück ist endlich Herbst. Ich kann mich nicht mal für einen Tag entscheiden, was ich will, wie können die über ihr ganzes zukünftiges Leben entscheiden?“

Natürlich werden an diesem Punkt einige sagen, vielleicht waren es ungeplante Schwangerschaften. Das kann natürlich sein. Aber mein Eindruck ist ein ganz anderer. Heiraten ist wieder in. Mega romantisch. Umso jünger umso romantischer. Auch wenn wir nicht vor Religiosität strotzen, so wollen wir das Kleid, die Kirche und Blumen. Das volle romantische Klischee. Und jeder soll zuschauen oder es zumindest auf Facebook mitbekommen. Heriaten 4.0. Auch in Jugendliteratur und Filmen ist es wieder in. Die großen „Stars“ unserer Generation heiraten: Edward und Bella in ‚Twilight‘, Katniss und Peeta in ‚Tribute von Panem‘ (Sorry für den Spoiler). Es wird vorgelebt. Wer sich wild romantisch liebt, sollte das mit allen teilen. Ganz öffentlich „Ja“ sagen.

Ganz ehrlich, warum?

Natürlich ist für die meisten 20 Somethings Heiraten bei Weitem noch kein Thema. Ein kleiner Teil entscheidet sich aber dafür. Und macht das sehr öffentlich. Da stellt sich für mich schon die Frage: Warum? Warum mit Anfang 20 heiraten? Auch in Bezug auf die  lange Lebenserwartung, die wir alle haben. Wie kann man sich mit zwanzig Jahren so sicher sein, mit einer Person die nächsten sechzig Jahre verbringen zu wollen? Ich meine, sechzig Jahre, das ist verdammt lange.

Wir wissen auch, dass 40 Prozent der Ehen schief gehen und geschieden werden. Wenn man das durchdenkt, dann ist unsere Generation zu einem sehr hohen Prozentteil selbst mit geschiedenen Eltern aufgewachsen. Und trotzdem ist es jetzt wieder in? Oder vielleicht auch gerade deshalb?

Variable über Variable

Wir leben in einer Welt voller Unsicherheiten. Von unserem Job bis hin zu unseren Steuern bis hin zur Pension ist nichts fix. Alles variabel, flexibel, veränderbar. Viele kommen aus Familien mit geschiedenen Eltern, Patchwork und Stiefgeschwistern. Zudem verlangen uns Ausbildung, Studium und Karriere immer mehr ab. Wir müssen viel geben um etwas zu erreichen. Überstunden machen, im Ausland arbeiten und überhaupt flexibel sein. Vielleicht suchen gerade wegen dieser instabilen Welt, in der alles flexibel ist und sein muss, einige Menschen wieder eine Konstante. Etwas mit Tradition und Klarheit. Ein Bekenntnis: Ich will dich und sonst niemanden mehr, bis an mein Lebensende.

Hört man es so, schlägt auch mein Mädchenherz höher. So romantisch. For ever and ever and ever. Und trotzdem sind da diese sechzig gemeinsamen Jahre. Diese verdammt lange Zeit. Und ich kann nicht anders als mir die Frage zu stellen: Bereut ihr das später nicht? Bereut ihr, nicht mehr ausprobiert zu haben? Frei gewesen zu sein und ganz eigene Erfahrungen gemacht zu haben?

Ich bin gespannt, was unsere Kinder einmal über die Generation Y schreiben werden und wie sie das alles händeln. Und ob dann noch geheiratet wird?

Hörst du mich, auch ohne Catcontent und Pornos?

Als Bloggrin frage ich mich selbst oft: Was wollt ihr lesen? Was interessiert euch? Und wie schaffe ich es, Themen, die ich wichtig finde, euch so zu verpacken, dass ihr euch dafür interessiert. Sie lest. Klickt und teilt?

iWbYGEfB
Klimawandel, Bildung, Flüchtlingsströme, Integration, Umweltschutz und Medienethik (bitte hör jetzt noch nicht auf zu lesen!) sind wichtig. Auch für mich. Um diese „Weltretter-Themen“ dreht sich die ganze Welt, sie sind leider aber auch super unsexy, teilweise langweilig und sperrig zu vermitteln. Klar kann man das Argument bringen: Die sich dafür interessieren, werden diese Themen trotzdem lesen. Ja, aber die Mehrheit erreiche ich so nicht. Und gerade die der jungen Menschen nicht.

Gestern im Mediencamp im Impacthub Vienna haben wir uns genau so mit dieser Problematik beschäftigt: Wie bringe ich diese großen, komplexen Themen an meine Leser. Es hat sich in den Medien so einiges verändert. Unsere Generation konsumiert Medien ganz anders als zum Beispiel unsere Eltern. Darum müssen sich Medien auch verändern. Damit Beiträge gelesen, geliked und geshared werden, müssen sie an die Leser angepasst werden. Ein Versuch dazu:

 

„Wie ich während meines Orgasmus die Flüchlingsproblematik gelöst habe“

„Wie ich durch meine Periode den Klimawandel bekämpfe“,

und „Katzenbaby- Livestream aus dem Tierheim in Döbling“

 

Würdest du diese Artikel anklicken? Sie lesen?

Vermutlich schon. Denn sie machen neugierig, du willst wissen, was dahinter steht und irgendwie sind sie auch peinlich. Das macht sie irgendwie interessant. Es sind natürlich Extrembeispiele, aber die Grundidee funktioniert: Verknüpfe wirklich wichtige Themen mit Themen, die geklickt werden. Und geklickt werden nun einmal: Babyfotos, Katzen, Katzenbabys, Unicorns und alles, was mit Sex oder Periode zu tun hat. Gerade junge Menschen wollen unterhalten werden. Schaut man sich derzeit erfolgreiche Medien an, dann lesen junge Menschen Formate wie bei Watson, Vice oder Buzzfeed.

catvertising-die-gruenen-europa

Die Entwicklung des Medienkonsums unserer Generation kann man natürlich bewerten. Man kann sie auch verurteilen. Faktum ist für mich aber, wenn ich will, dass sich meine Leser (Jaaaa ihr 🙂 ) sich mit meinen Themen auseinandersetzen, dann funktioniert das nur, wenn ich sie interessant aufbereite. Ein Weg dazu ist eben mit „Catcontent die Welt retten“. Mit einer ungewöhnlichen Kampagne versuchten zum Beispiel die Grünen in Deutschland 2013 Wähler für die Europawahlen zu mobilisieren. Die Plakatserie zeigt Katzen mit treuherzigem Blick und dem Text: „U no vote – are u kitten me?“.

fuckforforest

Auch Projekte wie „Fuck for Forest“beweisen, dass diese Strategie funktionieren kann. Sie verbinden ein wichtiges Thema mit sogenanntem „sexycontent“ : Also zum Beispiel Umweltschutz und Porno.  Bei „Fuck for Forest“ finanzieren Umweltaktivisten durch eigene Pornos ihr Umweltprojekt. Ähnlich versuchen auch die Aktivistinnen von Femen mit Nacktheit und Provokation die Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu konzentrieren. Auch das sind Extrem-Beispiele, bei welchen Feministinnen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Man mag davon halten, was man will. Aber es funktioniert. Die Aufmerksamkeit haben sie.

Durch „Catcontent und Sexycontent die Welt zu retten“ ist zumindest einen Gedanken wert. Es muss schließlich nicht immer Sex in die Geschichten gepackt werden, sondern es können auch andere Themen aus dem Alltag heraus funktionieren.

Zum Schluss noch ein Video, für alle Katzenliebhaber unter euch <3

getroffen: Adrineh Simonian

Die ehemalige Opernsängerin Adrineh Simonian produziert experimentelle und feministische Pornografie in Wien. Ich habe sie für Broadly. getroffen und mit ihr über Feminismus und ihre Arbeit gesprochen. 
Und auch darüber warum Frauen in meiner Generation endlich zu ihrer Lust stehen sollten.

Adrineh Simonian hat als Mezzo-Sopranistin an der Wiener Oper gesungen. Mit 42 kündigte sie ihren Job, um feministische Pornografie in Wien zu produzieren, weil sie fand, dass die Mainstream-Pornos nichts mit ihrer Sexualität zu tun hatten. Adrineh wollte Filme machen, die sie sich auch selbst gerne ansehen würde. Zu Beginn wusste sie nicht einmal, wie man eine Kamera einschaltet. Filmen und Bearbeitung lernte sie sich selbst. Heute produziert die ehemalige Opernsängerin hauptberuflich Clips wie „Blinddate“, wo zwei Menschen mit verbundenen Augen miteinander schlafen, die sich noch nie zuvor gesehen haben.

Adrineh Simonian

Liebe Adrineh, du hast 15 Jahre an der Wiener Oper als Mezzo-Sopranistin gesungen. Vor einem Jahr hast du dich dazu entschieden, feministische Pornos zu produzieren. Wie bist du darauf gekommen?

Adrineh Simonian: Eines Tages tranken wir in der Kantine einen Kaffee und neben uns saßen Leute, die sich über Pornografie unterhalten haben. Die Männer haben geprahlt und die Frauen haben gesagt: „Furchtbar, wir schauen doch keine Pornos”. Ich bekam ihr Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Dann habe ich begonnen zu recherchieren und bin auf die Filme von Petra Joy und Erika Lust gestoßen. Mich interessiert vor allem die Psychologie hinter der Sexualität. Dazu konnte ich keine Pornografie finden. Dann dachte ich mir, OK, sowas gibt es noch nicht, das könnte ich doch machen. Diese Gedanken habe ich dann mal ein paar Monate sacken lassen und mich mit Kameras und dem ganzen technischen Hickhack beschäftigt.

Ein heftiger Schwenk, oder?

Nein, finde ich gar nicht. Singen ist etwas sehr Körperbetontes. Um die Techniken zu lernen, brauchst du viele Jahre und musst deinen gesamten Körper einsetzen und kennen. Für mich als Sängerin war die Rolle, die ich gespielt habe, immer viel wichtiger als die Stimme. Ich wollte authentisch sein.

Wie haben deine Kollegen reagiert?

Ich habe nur gesagt, dass ich eine Firma gründe. Was ich genau mache, haben 99 Prozent nicht gewusst. Als Arthouse Vienna dann online ging, war ich schon von der Oper weg.

Wie arbeitest du genau? Nur mit Profis oder auch mit Amateuren?

Also mein Projekt „Blackbox“besteht zum Beispiel nur aus Amateuren. Der Mann in der „Lets-Fuck-Porn“-Reihe ist ein Pornodarsteller. Ich arbeite nicht mit Mainstream-Pornografen, sondern nur mit Darstellern, die auf feministische Pornografie oder andere alternative Richtungen spezialisiert sind.

Bilddate Arthouse Vienna

Wenn Menschen das erste Mal vor deiner Kamera stehen, haben sie dann Angst?

Ja, natürlich. Ihre Angst ist immer dieselbe, dass sie unästhetisch im Internet dargestellt werden. Mein ursprüngliches Ziel war es ja, Frauen in meinem Alter zu filmen. Aber genau meine Generation macht das nicht. Ich höre dann immer: ;Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht, darum ein paar Kilo zu viel, ich habe Cellulite, ich bin alt oder wer will mich schon sehen.’ Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass die Leute sie sehen wollen. Sie wollen ‚echte‘ Frauen sehen. Aber ich verstehe ihre Angst total.

Wie funktioniert deine Produktion, besprecht ihr, was im Film passiert?

Egal mit wem, wir schicken zuerst immer lange E-Mails hin und her. Dabei können sie mich alles fragen, was sie interessiert. Wenn die Leute später bei mir vor der Tür stehen, darf man sich nicht vorstellen, dass ich sage, ‚so und jetzt ausziehen und los.‘ Sondern man trinkt einen Kaffee, redet über Politik, Kunst und Gott und die Welt. Dann zeige ich ihnen alles, mache die Kameras an und sie ziehen sich um oder aus. Ich wünsche ihnen viel Spaß und gehe raus.

Du bist also nie dabei?

Nur bei Pärchen bin ich dabei. Da gibt es zu viel Bewegung beim Sex und ich muss selbst filmen. Ich habe bisher nur drei Paare aufgenommen, zwei davon sind noch online. Den dritten Film musste ich rausnehmen. Das Mädchen wollte unerkannt bleiben und eine Maske tragen. Sie wurde aber trotzdem erkannt, darauf angesprochen und geriet total in Panik. Das ist eine Frage der Ethik für mich. Ich kann nur Videos hochladen, bei denen die Menschen zu hundert Prozent dahinter stehen. Wenn sich jemand unwohl fühlt, auch nach einem Jahr, dann nehme ich das raus.

Arthouse Vienna Team

Kann man mit feministischer Pornografie Geld verdienen? 

Der österreichische Markt ist natürlich zu klein. Aber Deutschland, Schweiz und Österreich zusammen funktioniert gut. Die Leute zahlen gerne für die Filme, weil es so etwas noch nicht gibt. Es erstaunt mich auch sehr, dass auf unserer Seite vor allem Männer sind.

Warum ist das so?

In der Mainstream-Pornografie siehst du gar nichts von der weiblichen Lust, als würde sie gar nicht existieren. Ich glaube, dass meine Filme eine edukative Richtung angenommen haben. Männer sind interessiert an der weiblichen Sexualität. Sie wollen mehr erfahren und auch mehr können. Um ihre Partnerinnen „richtig“ zu berühren und ihnen zu geben, was ihnen guttut.

Du beschreibst deine Filme als ästhetisch. Geräusche und Flüssigkeiten beim Sex sind aber oft das Gegenteil.

Genau das will ich zeigen. Ästhetik bedeutet nicht, dass es etwas Schönes sein muss. Es gibt eine hässliche Ästhetik, aber auch eine schöne. Mein Film „Die Party“ fängt auch damit an, dass eine Frau orgiastisch und sexy Erdbeeren isst, endet aber damit, dass die beiden Körper voll mit Schokolade, Schlagsahne, Birnen und Bananen verschmiert sind. Das ist für mich aber auch eine Form der Ästhetik. In meinem ersten Video waren MadKate und Ganymed. Kate meinte zuvor, sie habe ihre Tage und ich antwortete ihr nur, es hätte nichts Besseres passieren können. In einem Teil des Filmes sieht man auch, wie er ihr ihren Tampon rauszieht und sein Körper später blutverschmiert ist. Mir war sehr wichtig, das zu zeigen.

Die Gesellschaft bläut uns schon als junge Mädchen ein, dass wir keinen Sex haben sollten, wenn wir unsere Tage haben. Auch wenn wir das möchten. Glaubst du, dass deine Filme uns zu selbstsicheren Frauen machen können?

Ich glaube, dass durch Filme, in denen Tabus gezeigt werden, eine Öffnung entstehen kann. Alles, ganz unabhängig von Pornografie, was neu ist, macht dem Menschen Angst. Wenn etwas Neues auf uns zukommt, müssen wir uns damit konfrontieren. Dann sieht man nämlich, dass es nichts Schlimmes ist.

Blinddate Arthouse Vienna

Manche Feministinnen sagen, dass Pornografie und Sexismus zwei Gegenpole sind, die nicht zusammengebracht werden können. Was siehst du das?

Das ist absoluter Blödsinn. Ich glaube, dass der Feminismus heute ein anderer ist. Idole wie Alice Schwarzer, Catharine MacKinnon oder Andrea Dworkin vertraten ja die Meinung, dass es in der Theorie Porno ist, in der Realität aber Vergewaltigung. Es gab sicherlich Produktionen, wo es schlimm zuging, aber das war nicht nur in der Pornografie der Fall. Durch den Feminismus haben die Frauen langsam begonnen, sich zu öffnen und sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Warum sollten wir unsere Sexualität tabuisieren? Das schadet nur uns selbst. Für mich geht Feminismus und Pornografie darum Hand in Hand. Petra Joy setzt in ihren Filmen zum Beispiel Dogmen. Du siehst nicht, dass ein Mann einer Frau ins Gesicht ejakuliert—mit der Begründung, das sei demütigend für die Frau. Es gibt Frauen, die das mögen. Und wenn ich ein Pärchen habe, das sagt, ‚wir wollen das machen, weil die Frau das mag‘, soll ich dann sagen, ‚nein, das ist ja demütigend für sie‘? Für eine Frau ist es nur dann demütigend, wenn sie es nicht möchte und man es dennoch macht. Ja, das ist schlimm und auch illegal. Ich kann keine Dogmen für die Lust setzen, denn sie lässt sich nicht generalisieren. Ich sehe Pornografie und Feminismus als eine Hassliebe. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass sich die feministische Pornografie weiterentwickelt. Auch die Männer bemerken erst langsam, dass es weibliche Lust gibt. Es geht nicht nur um rein und raus.

 

Noch mehr zum Thema Feminismus und Pornografie, findest du auf Broadly. 

|Foto Credit Screenshots via Making of BLIND DATE von Arthouse Vienna |

getroffen: Gabriel Steiner

Während sich ein Großteil der Jugend nicht mehr als religiös bezeichnet oder sich für die Kirche interessiert, möchte der 22-Jährige Gabriel Priester werden. Ich habe ihn für ze.tt besucht und gefragt, warum er bereit ist, sein Leben Gott zu widmen.

Gabriel Steiner Priesterseminar Innsbruck

|erschienen auf ze.tt am 31.10 |

Mit etwa acht Jahren wollte Gabriel Steiner Ministrant werden. Er kam von der Schule nach Hause und erzählte seiner Mutter von seinem Wunsch. Sie sah ihn an und antwortet: „Sicher nicht! Du bist bereits bei den Pfadfindern, den Fischern und der Trachtengruppe, das wird dir zu viel.“ Mit dem Nein der Mutter war die Diskussion damals beendet, erinnert sich Gabriel heute. Gabriel kommt aus einer Mittelschicht-Familie, die nie besonders religiös war.

Sonntags besuchten sie meistens die Kirche. Wenn sie mal keine Zeit hatten, war das auch kein Problem. Mit etwa elf Jahren ging Gabriel nach der Messe zum Pfarrer in seiner Heimatgemeinde in Vorarlberg sagte: „Ich will auch einmal Pfarrer werden.“ Der Pfarrer sprach ihm gut zu, belächelte ihn jedoch für seine kindliche Naivität. Die Mesnerin hörte das Gespräch mit. Am nächsten Tag wusste das ganze Dorf Bescheid. Von da an war Gabriel für alle nur mehr der „Pfarrer“.

„Obwohl ich das nur einmal gesagt habe, sahen viele in mir nur mehr einen zukünftigen Pfarrer. Ich hab eigentlich keine Ahnung warum“, erzählt Gabriel. Heute ist er 22 Jahre alt, hat kurze braune Locken, ein rotes Porzellankreuz an einem Lederband um den Hals. Er lacht viel, während er mit starkem Vorarlberger Akzent erzählt. Wir sitzen im Wohnzimmer des Priesterseminars in Innsbruck auf grünen Sofas, die aus den 90ern stammen könnten. Gabriel trinkt Rotwein und freut sich über Besuch.

Seit eineinhalb Wochen studiere und lebe er jetzt im Priesterseminar in Innsbruck, erzählt er. Zuvor war er für das sogenannten Propädeutikum ein Jahr in Linz. In dieser Zeit sollen die Seminaristen die Entscheidung ihr Leben Gott zu widmen, hinterfragen und mit sich selbst ins Reine kommen. Gabriel wollte auch nach diesem Jahr noch Priester werden. Doch das war nicht immer so.

Gebetsbuch

Verlorenheit nach dem Abitur

„Nach dem Abitur fragen einen die Leute ja immer, was man machen will. Ich konnte diese Frage nicht mehr hören“, erzählt Gabriel. Denn er wusste nicht, was er werden wollte. Zu viele Interessen, zu viele unterschiedliche Ideen standen ihm im Weg. Er wollte etwas mit Musik machen, aber nicht Musik studieren. Etwas Soziales, aber kein Sozialarbeiter werden. Dann kam ihm der Einfall: Agrarökologie. Warum genau Agrarökologie, wusste er nicht. Er weiß es bis heute nicht.

Im Zivildienst nach seinem Abitur arbeitet er dann in einer Propstei, einem Begegnungszentrum des Klosters Einsiedeln. An einem seiner ersten Tage dort, kniete er mit einer Kollegin in einem Beet und jätete Unkraut. „Wir kannten uns noch überhaupt nicht und führten Smalltalk“, sagt Gabriel. Dann meinte sie plötzlich: „Warum wirst du eigentlich kein Pfarrer?“ Gabriel machte das wütend, ja fast zornig. Er zermarterte sich seit Monaten den Kopf und dann erklärte ihm eine unbekannte Person das, was er sich schon so lange überlegte. „Ich habe mich ständig gefragt, ob ich nur das in mir sehe, was die anderem sehen, oder ob es wirklich der richtige Weg für mich ist.“ Gabriel dachte lange darüber nach. Und dann entschied er sich. Er schrieb dem Regens eine E-Mail.

Der Regens ist in etwa so etwas wie der Direktor des Priesterseminars, nur dass er sich zusätzlich mit jedem einzelnen Seminaristen und dessen Ausbildung beschäftigt. Bevor Gabriel die E-Mail abschickte, zeigte er einem befreundeten Pfarrer den Brief. „Das war eine interessante Situation“, erinnert sich Gabriel. Der Pfarrer sah ihn an, sagte lange nichts und antwortete ihm dann ganz nüchtern: „Gabriel, allein der Weg ist es wert, dass du das machst.“

Am selben Abend schickte er die Mail ab, erzählte jedoch niemanden davon. „Als ich auf Senden gedrückt hatte, dachte ich mir schon: Gabriel, du bist verrückt.“ Denn die meisten hier im Priesterseminar hätten einen Grund: eine spezielle Begegnung, ein Erlebnis oder Faszination für Liturgie oder Sakramente. Irgendwas eben. Gabriel hat keinen Grund. Das sagt er immer wieder. Und trotzdem ist er sich sicher, dass er hier sein will.

Gänge Priesterseminar Innsbruck

Alte Zeiten im Priesterseminar

Nach dem Brief lud ihn der Regens zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Ich habe mich damals sehr über die Mail von Gabriel gefreut“, erinnert sich Regens Roland Buemberger. In den 60er Jahren lebten noch um die 100 Seminaristen im Priesterseminar in Innsbruck. Das sei heute mit vierzehn Seminaristen natürlich ganz anders. „Aber man darf nicht immer alles nur negativ sehen“, sagt Buemberger mit einem Grinsen auf den Lippen. „Dafür ist die Betreuung heute individueller. Ich kann mich jedem widmen“.

Nur weil es heute weniger Anwärter gäbe, würde trotzdem nicht jeder genommen werden, erklärt er. Im Gegenteil. Als zukünftiger Seelsorger habe man schließlich eine Verantwortung. Oft kämen Männer mit psychischen Problemen oder Menschen, die Macht ausüben wollen. „Denen muss ich natürlich ablehnen. Auch wenn jemand sagt, er will Priester werden, weil er Frauen und Familie hasst, dann muss man das kritisch sehen“, so der Regens. Bei Gabriel hatte er aber ein gutes Gefühl.

Im Sommer letzten Jahres ging Gabriel den Jakobsweg. Danach erzählte er seinen Eltern von seinem Plan Priester zu werden. „Meine Mama ist lange vor mir gesessen und hat gar nichts gesagt. Ich glaube, sie hätte sich gewünscht, dass ich ihr früher davon erzählt hätte“, so Gabriel. Aber seine Familie unterstütze ihn auf seinem neuen Weg. Im Herbst startete er das Propädeutikum. Heute, ein Jahr später hat Gabriel angefangen, Theologie zu studieren und wohnt im Priesterseminar in Innsbruck, das einem durchschnittlichen Studentenheim gar nicht so unähnlich ist. Jeder hat ein eigenes Zimmer und muss auf die anderen Rücksicht nehmen. Dreimal täglich wird gemeinsam gebetet und gegessenen: morgens, mittags und abends. „Man darf nicht vergessen, die ersten WGS, die es gab, waren schließlich die Klöster und die Priesterseminare. Dort wohnten schon vor hundert Jahren Männer gemeinsam“, so Buemberger.

Heute sei das Leben hier zudem viel lockerer. Früher, noch vor seiner Zeit hier, hatten die Seminaristen keine eigenen Schlüssel. „Um Punkt 19 Uhr wurden die Tore geschlossen und jeder musste da sein“, erzählt der Regens. Angeblich hätten aber die Seminaristen, die im Erdgeschoß wohnten, oft ein Fenster für die anderen offen gelassen. Der Regens schmunzelt, während er davon erzählt. „Jeder ist freiwillig hier und ich halte gar nichts von Angstmache“, sagt Buemberger. „Schließlich sollen die Seminaristen später ihre Gemeinden ja auch nicht durch Angst führen.“

Gemeinsames Essen Priesterseminar

„Na klar darf ich trinken und feiern gehen“

Jeder im Haus hat seine Aufgaben. Gabriel ist zum Beispiel dafür zuständig, dass die Bar immer voll ist. Ich bin neugierig und frage ihn, was er denn jetzt als werdender Priester nicht tun dürfe. „Ich darf eigentlich alles mit Maß und Ziel, auch Alkohol trinken.“ Wenn er am Wochenende zuhause ist, ginge er auch feiern. Ich sehe Bilder davon auf Facebook, wie er mit Freunden gemeinsam Bier oder Shots trinkt.

Das Thema Frauen sei schon schwieriger. Gabriel hatte noch nie eine richtige Freundin, eher eine „platonische“, wie er sagt. „Ich weiß letztendlich nicht, ob ich etwas verpasse. Aber ich kann es sowieso nicht erzwingen. Ich war immer offen für eine Beziehung und bin es auch jetzt noch“, so Gabriel. Das überrascht mich. Und was würde er dann tun, wenn er sich verlieben würde, frage ich ihn. „Naja, wenn ich mich wirklich verliebe, dann muss ich das mit dem Priesterplan wohl neu reflektieren“, sagt er ernst.

Auch für den Regens ist Liebe kein Tabu-Thema. „Wenn sich jemand verliebt, bekommt er Zeit, um die weiteren Entscheidungen für sich zu prüfen. Man kann sich beurlauben lassen, um zu sehen, wie sich die Beziehung entwickelt. Außerdem hoffe ich, dass in der Zukunft das Zölibat kein Zwang mehr sein wird“, so Buemberger. Man müsse sich immer fragen, was die Kirche dadurch verlieren würde. „Ich würde sagen: Gar nichts! Sie würde sehr talentierte Priester dazu gewinnen“, ist er sich sicher. Buemberger erzählt mir, dass es ihn manchmal richtig traurig mache, wenn er sehe, dass tolle Priester ihren Beruf aufgeben, weil sie eine Familie gründen wollen.

Junger Priester Orgel

Unverstaubte Orgel-Klänge

Seit er dreizehn Jahre alt ist, spielt Gabriel Orgel. Er öffnet das Holz über den Tasten, stellt ein paar Regler um und beginnt. Was er spielt, klingt so ganz anders, als ich es erwartet hatte. Es hat nichts mit den anstrengenden und tiefen Tönen zu tun, die ich aus der Kirche kenne. Es klingt eher nach Swing. Gabriel bewegt sich im Takt dazu, er genießt das Spielen. Dann spielt er noch ein Jazz-Stück. Ich sehe ihn nur verdutzt an und er lacht mich aus. Während er spielt, glitzert die Sonne durch die Kirchenfenster in der Kapelle. Bis auf die Musik ist es ganz leise.

Dann packt Gabriel seine Bibel ein, wir gehen zum Frühstück. In der Hand hält er sein eigenes Ovomaltine. Beim Frühstück kommen alle Seminaristen vor der Uni zusammen. Mich erinnert das Buffett und die Möbeln etwas an meinen Schul-Ski-Kurs. Am Freitag ist ihr Gemeinschaftsabend. Die Seminaristen und der Regens diskutieren über mögliche Filme. Andere reden über Lehrveranstaltungen und Anwesenheitspflicht. Über gute und schlechte Professoren. Sie reden eben wie ganz normale Studierende. Auch sie sind manchmal frustriert.

Jeder am Tisch ist interessiert an meinem Glauben. Warum ich nicht an Jesus glaube, wollen sie wissen. Manche hören zu, Gabriel will mit mir diskutieren, er versucht mich zu überzeugen. Sein Glaube ist für ihn wichtig. Auch was in der Bibel steht. Für Gabriel sind die biblischen Erzählungen und Gefühlswelten der Psalmen etwas, das nie an Aktualität verlieren wird und zum Menschen dazugehört. Klemens Langeder, ein Seminarist im fünften Semester, erzählt mir von einer Hochzeit eines Freundes, die ohne Priester und mit selbst ausgedachten Ritualen gefeiert wurde. Jeder durfte eine Zutat in den Liebestrank auf der Hochzeit geben. Klemens fand das schön, man müsse offen für Neues sein, erzählt er mir. Bevor sich er entschied Priester zu werden, studierte er Produktion und Management.

Die jungen Männer im Priesterseminar haben sich für ein ganz anderes Leben entschieden. So ganz anders als ich und die meisten von uns. Sie leben für Gott, für Jesus. Ich hätte es nicht erwartet, aber dass diese jungen Menschen einmal Priester sein werden, gab mir etwas Hoffnung. Denn mit verstaubtem Orgelgesang und Engstirnigkeit hat mein Besuch in der Kirche so gar nichts zu tun.

| Fotos Credit: Eva Reisinger|

getroffen: 5 junge Frauen erklären, warum sie gerne masturbieren


Wir sind die Generation der Unverbindlichkeiten. Viele haben Nicht-Beziehungen, tindern sich durch die Nächte und setzen auf wechselnde Partner statt die große Liebe. Auf der Suche nach was? Unkompliziertem Sex. Gesellschaftlich ist das mittlerweile kein Tabu mehr. Aber wie steht es eigentlich um die reinste Form der puren Körperlichkeit? Masturbation ist schließlich nicht nur dann eine Alternative, wenn es gerade nicht matched. 

Schon die ägyptische Königin Kleopatra scheint vor 2000 Jahren auf diesen Trichter gekommen zu sein. Sie stimulierte ihre Klitoris mit einem Papyrussack voller Bienen. Im 19. Jahrhundert erfand dann der britische Arzt Joseph Mortimer Grandville einen Vibrator, um die Verspannungen seiner männlichen Patienten zu lösen. Später wurde mit den damit ausgelösten Orgasmen auch die „weibliche Hysterie“ behandelt. Diese ominöse Modekrankheit wurde von der Gebärmutter ausgelöst und ließ Frauen scheinbar verrückt werden. Das einzige was ihnen zu helfen schien war Selbstbefriedigung. 

 Masturbation ist kein neues Thema und wurde von Dr. Sommer schon in allen erdenklichen Facetten offenbart. Sado Maso, feministische Pornos, Fetische und variable Geschlechter-Konstellationen: In Sachen Sex scheint alles erlaubt zu sein. Aber die Liebe zu uns selbst bleibt die ewige Nebenrolle. Ich habe fünf junge Frauen gefragt, warum unverbindlicher Sex mit uns selbst mehr als eine heiße Affäre ist.

Masturbation

|erschienen im BLONDE Magazine| BASIC ISSUE

Zeynep*, 26

Sich selbst anzufassen oder einfach nur zu streicheln steigert das Selbstgefühl. Das muss auch gar nicht sexuell sein. Für mich war Selbstbefriedigung immer ein Weg Kontakt zu meinem Körper herzustellen und herauszufinden, was mir gefällt. Ich finde das sollte jeder machen, bevor man überhaupt an Sex denkt. Ich brauche lange, um Vertrauen zu einer Person aufzubauen und habe darum keine One-Night-Stands. Außerdem bin ich ein ziemlicher Hypochonder. Ich habe andauernd Angst schwanger zu werden oder eine Geschlechtskrankheit zu bekommen, darum kommt Casual Sex mit irgendwem für mich nicht infrage. Deshalb muss ich mir da selbst helfen. Das kann schön und sinnlich sein, es ist aber mehr ein Solo-Date und kein Ersatz für Sex. Meistens denke ich dabei an Sex mit Menschen, der tatsächlich stattgefunden hat und den ich schön fand. Oder an Menschen, die ich süß finde, mit denen ich nichts hatte – aber keine Stars. Naja wobei: Jan Böhmermann hab ich mir letztens mal vorgestellt. Dazu käme es im realen Leben wohl eher nicht.

Sara*, 24

Es kommt oft vor, dass ich wirklich Lust auf Sex habe, aber grade einfach niemand verfügbar ist, und dann will ich nicht warten, sondern sofort einen Orgasmus haben. Ich mache es mir gerne selbst, weil ich so von keinem Typen abhängig bin. Ich allein kann bestimmen, wann ich es mache und auch wie oft ich kommen will. Diesen Luxus habe ich beim Sex meistens nicht. Zudem kann da auch nichts schiefgehen. Es ist mir schon öfters passiert, dass ein Typ beim Sex die Stellung gewechselt hat, kurz bevor ich gekommen bin und das war’s dann für mich. Ich bin Single und manchmal frustrieren mich die Männer einfach nur. Bevor ich irgendjemanden mitnachhause nehme, lege ich lieber selbst Hand an. Ich befriedige mich ausschließlich mit der Hand, weil ich so mehr spüre. Für mich ist Selbstbefriedigung wichtig. Ein Orgasmus entspannt mich zudem total. Ich kann mich dann wieder relaxter auf die Suche nach Sex machen. Ich spreche ungerne darüber. Obwohl ich meinen Freundinnen von jedem One-Night-Stand oder Sexabenteuer erzähle, habe ich irgendwie eine Hemmung ihnen von meiner Selbstbefriedigung zu berichten.

Masturbation

Maria*, 25

Ich mach es mir fast jeden Tag selbst, obwohl ich in einer Beziehung bin. Ich liebe den Sex mit meinem Freund, aber ich will es nicht von ihm abhängig machen, wann ich einen Orgasmus habe oder nicht. Manchmal mache ich es mir auch nur aus Langeweile zuhause. Beim Lernen für die Uni hilft es mir auch als Belohnungsfaktor. Ich denk mir, diese Seiten lerne ich noch und dann belohne ich mich selbst mit einem Orgasmus dafür. Ich befriedige mich immer mit meinem Vibrator, den ich an mein Höschen halte. Dazu schau ich mir Pornos an. Am liebsten Lesben-Pornos, weil die nicht so entwürdigend für Frauen sind und ich nicht andauernd sehen will, wie Männer einen geblasen bekommen oder Frauen ins Gesicht gespritzt wird. Meinem Freund habe ich davon noch nie erzählt, für ihn wäre das eine Bedrohung für seine Männlichkeit und ich will ihn nicht kränken. Die Selbstbefriedigung mache ich nur für mich selbst und das hat nichts mit ihm oder unserem Sex zu tun. Außerdem ist es schön, so ein kleines Geheimnis zu haben.

Lisa*, 26

Für mich ist Selbstbefriedigung etwas ganz Normales, es gehört einfach zur Sexualität dazu. Leider sprechen wir viel zu wenig darüber. Auch ich selbst. Ich frage mich bei Leuten, die sagen, sie tuen es nicht, ob sie lügen weil es ihnen unangenehm ist oder wirklich nie machen. Manchmal befriedige ich mich eine Woche nicht und dann drei Mal am Tag. Ich mach es gerne mit der Hand und manchmal auch ganz Klischeehaft mit dem Duschkopf. Dabei denke ich an Männer, mit denen ich in diesem Moment gerne Sex hätte. Ich mache das aber nicht als Ersatz dafür. Bei der Selbstbefriedigung geht es mir nur um den Orgasmus, beim Sex um das Gemeinsame. Für mich sind das zwei unabhängige und wichtige Dinge.

Masturbation

Marina*, 24

Du hast alle Zeit der Welt, kannst die Musik hören, die dir gefällt und du musst dich um niemand anderen kümmern. Das kann hin und wieder sogar besser als Sex sein. Zudem kann ich in mich hineinhören und bekomme auch nach Jahren noch ein neues  Gespür für meinen Körper. Ich spreche mit engen Freundinnen gerne über Selbstbefriedigung. Es interessiert mich, wie sie damit umgehen. Aber das ist ein totaler Vertrauensbeweis, ich würde nicht mit jedem darüber sprechen. Es macht mir aber Spaß mit meinem Mitbewohner darüber zu quatschen, da er total neugierig ist und den weiblichen Körper besser verstehen will. In solchen Situationen kann es sogar befreiend und witzig sein, über Selbstbefriedigung zu sprechen. Indem ich mit andern darüber rede, reflektiere ich zugleich auch selbst und bemerke, was mir gut tut und was ich besonders hervorhebe. Ich lerne immer wieder etwas Neues über meine eigene Psyche dazu. Besonders dann, wenn mein Kopf Lust hat, mein Körper sich aber störrisch anstellt und einfach ein klares „Nö“ an mein Gehirn sendet. Woody Allen hat einmal gesagt: Masturbation ist Sex mit jemanden, den ich wirklich liebe. Ich finde, das ist ein treffendes Zitat, denn so sollte es im Idealfall sein. Auf allen Ebenen Spaß mit sich selbst zu haben ist eine hohe Kunst und leider insbesondere Frauen sind noch unsicher sich darüber selbstbewusst auszudrücken. Seit mein neuer (wasserfester)-Vibrator das erste Mal in Berührung mit Wasser kam, rumort er sehr laut und das ist ein dezenter Lustkiller, darum mache ich es mir derzeit weniger oft selbst. Eine Zeit lang habe ich auch versucht mich selbst beim Sex vorzustellen. Wenn ich schon Sex mit mir habe, dann finde ich, ist dies auch ein passender Gedanke.

 

*Namen geändert

|Credit Foto via unsplash.com Creative Commons Zero via Sokoloff Lingerie & Kira Ikonnikova|

mein iPhone erzählt Geschichten: Sommer

14388816_1099420390126213_1831489062_n-kopie

Gerade prasselt Regen gegen mein Fenster. Ich kann den Herbst jeden Tag ein Stück mehr fühlen. Er kommt immer näher. Es ist an der Zeit sich noch einmal umzudrehen und auf den Sommer zurückzublicken: Es war herrlich. Auch wenn es in Polen und Hamburg andauernd regnete. Für mich war dieser Sommer ein ganz besonderer. Ich bin zurück aus Hamburg gekommen und alles war anders: neue Wohnung, neuer Job. Die Karten waren neu gemischt.

14388816_1099420390126213_1831489062_n-kopie-kopie

HAMBURG | BERLIN

sferv

  1. DANZIG

sfve

2. WARSCHAU

vrt3. KRAKAU

er

ZURÜCK NACH WIEN

Der Geruch nach Kartons, nach Ikea-Möbeln, nach Holz & Plastik. Ich beginne neu. Ganz neu, mit einem neuen Bett.

efcvc

BAD ISCHL

Als ich sah, wie mein Bruder seiner Frau in die Augen sah, wie er ihre Hände nahm und wie sie lachten, als wir Little Lion Man für sie spielten, da wusste ich, ja Liebe gibt es.

ciewhfre

BAD GASTEIN

 Auszeit vom Alltag.

dcwe

REGEN

Wenn ich an Hamburg zurückdenke, dann denke ich an Regen.

An das Geräusch, wenn Tropfen gegen das Fenster knallen und zerspringen.

An die stickige Luft in meinem Zimmer, weil ich das Fenster nicht öffnen kann.

An allergischen Hiphop, der vom Nebenzimmer durch meine Wand schallt.

Ich denke an Heimweh, Kälte und Freunde, die alles erwärmten. Ja, das mag kitschig klingen, aber so war das. Ich hatte niemanden, kannte niemanden. Aber von Tag zu Tag wurde der Regen weniger.

 

Ein Plädoyer für die Laster im Leben

download

„Er war eben so,
war völlig daneben.
Er hat nie geraucht,
ging nie einen heben.
Statt Vinho und Gambas,
Vollmilch und Brot,
und was hat er davon?
Denn nun ist er tot…“

sang Udo Jürgens 2001. Und recht hatte er damit. Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken um ein Laster: das Rauchen. Ganz ehrlich, ich liebe Rauchen. So ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Ich liebe es mir eine neue Zigarette anzuzünden, den ersten Zug zu inhalieren und gegen Ende die Zigarette befriedigt wegzuschnipsen. Zweifelsohne für viele ist Rauchen das Ekeligste der Welt.  Je mehr Zigaretten man raucht, desto ekeliger wird es und desto schlimmer fühlt sich der Geschmack am nächsten Morgen an.

Für mich ist es trotzdem ein Genuss. Eine zu rauchen bedeutet für mich automatisch mir etwas zu gönnen, etwas Gutes zu tun, auch wenn ich natürlich weiß, dass es nicht gut für mich ist. Für mich ist ’ne Zigarette wie ein Stück Schokolade. Und trotzdem geht es mir oft schlecht dadurch. Wir führen eine Hassliebe sozusagen. Ich kann durchs Rauchen weniger weit joggen, bekomme öfter Halsschmerzen, Cellulite am Po, Pickel im Gesicht und klar mit jeder Zigarette steigt auch mein Krebsrisiko.

Mein erster Freund rauchte unglaublich viel. Für seine Sucht und fehlende Stärke damit aufzuhören habe ich ihn verachtet. So wie es mir meine Eltern gelernt haben, rauchen ist böse. Punkt. Kaum war die Beziehung zu Ende, begann ich zu rauchen, welch eine Ironie, ja. Seitdem rauche ich mit einigen Pausen und Aufhörversuchen immer wieder. Ich bin eine klassische Fortgeh- und Nachtraucherin. Niemals käme ich auf die Idee, mir morgens nach dem Aufstehen eine anzuzünden. Aber abends bei Bier oder Wein gehört es für mich manchmal einfach dazu. Seit längerem versuche ich mit diesem Gelegenheitsrauchen endlich ganz aufzuhören, doch so wirklich will das nicht klappen.

Für mich steht dahinter mittlerweile eine viel größere Frage: Bin ich eine konsequente oder inkonsequente Person? Wie will ich sein? Wenn es um Diäten, mehr Sport oder das Rauchen geht, dann bin ich definitiv komplett inkonsequent. Meine Vorsätze, die ich mir zur Motivation meist sogar noch irgendwo hinkritzle, werfe ich nach ein paar Tagen wieder über Bord. Wenn mich dann jemand fragt, ob ich ein Stück Kuchen oder eben ’ne Zigarette möchte, geht mir ein „Nein“ einfach nicht über die Lippen und ich denke mir, warum eigentlich nicht. Und das war’s dann mit den guten Vorsätzen.

download

Ich bewundere Menschen, die es schaffen keinen Zucker zu essen, keinen Alkohol zu trinken oder eben wirklich mit dem Rauchen aufhören. Zumindest nach außen hin scheinen die ihr Leben im Griff zu haben. Manchmal wünsche ich mir auch so zu sein. Endlich diszipliniert zu leben. Wie es in all den Frauenmagazinen gepredigt wird: „bewusst leben“ und „bewusst essen“.

Für mich gibt es da nur ein Problem: Spaß macht das keinen. Sich ab und zu eine Fertigpizza reinzustopfen, mit der besten Freundin eine ganze Packung Eiscreme aufzuessen oder eben eine zu rauchen, ist manchmal einfach herrlich. Für mich ist dieses Ausbrechen aus diesem ganzen „Bewusstseins-Lifestyle“ wie Balsam für die Seele. Schließlich wird eh in jeder Hinsicht von einem erwartet zu funktionieren: im Job, in der Beziehung, in der Familie und und und. Bei den 20-Somethings laufen mittlerweile viele kleine Wanna-Be-Erwachsene herum, die alles im Griff zu haben scheinen und immer diszipliniert sind. So wirklich Rock’n’roll ist ja unsere Generation schon lange nicht mehr. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Aber irgendwelche Laster darf man wohl doch noch haben.

Schließlich könnte eines Morgens mich ein Auto überfahren und dann würde ich mir wünschen dieses eine Eis, Glas Wein oder Zigarette noch genossen zu haben. Zu 100 Prozent vernünftig können wir auch später noch sein. Oder wie Udo Jürgens sagen würde:

„Es lebe das Laster,
denn wer brav ist,
wird nirgendwo vermisst.
Erst recht, wenn er daran gestorben ist.“

 

|Credit Foto via unsplash via Christal Yuen & via Bart Scholliers