Generation Praktikum: Vor dem Bachelor ist nach dem Bachelor

So, da steh ich also. Mit einem frischen Bachelor in der Tasche. Nach drei Jahren FH Wien und zahlreichen Lehrveranstaltungen inklusive 75% Anwesenheitspflicht, öffentlichem Recht und BWL, einer Bachelorarbeit, die sauviel Arbeit war und einer Abschlussprüfung über die gesamten drei Jahre Stoff. Alles für den Bachelor. Für einen „g’scheiten Abschluss“, wie meine Mama sagen würde. Einen vernünftigen Titel. Damit man etwas Festes in der Hand hat. Doch was ist jetzt nach dem Bachelor anders?

gefangen in Generation Praktikum

Eigentlich nichts. Außer dass ich jetzt genau weiß, wie das Zwiebelmodell im Journalismus aussieht und wer Michael Haller ist. Und ich mich irgendwie noch ahnungsloser fühle als zuvor. Geholfen hat mir dieser Titel bisher wenig. Mittlerweile frage ich mich, ob ich nicht einfach drauf scheißen hätte sollen und besser arbeiten gegangen wäre. Learning by doing statt Studium. Das Schlimmste, was passieren hätte können, ist, dass ich nach drei Jahren Arbeiten wieder vor derselben Situation stehen würde wie jetzt: Jobs sind rar (oder überhaupt nicht da), also am besten gratis arbeiten, dazu flexibel sein und zu Überstunden bereit sein.

Die Realität da draußen

Angeblich sollen junge Menschen nicht mehr gratis arbeiten müssen, da durch rechtliche Bestimmungen den gratis Praktika ein Riegel vorgeschoben wurde. Der Spiegel verlautbart gar ein Ende der Generation Praktikum in Deutschland. Mich macht es wütend, was ich so über die Generation Praktikum lese. Nach zahlreichen Praktika und unbezahlten Volontariaten kann ich sagen: Klar gibt es die Generation Praktikum noch, ich bin ein Teil davon und von angeblichen Veränderungen habe ich bisher nichts mitgekriegt. Seit geraumer Zeit dümple ich zwischen unbezahlten und echt schlecht bezahlten Praktika- und Volunteer-Stellen herum. Die Lage ist scheiße und das darf man auch ruhig einmal sagen.

Mir ist klar, die Medien befinden sich in einer Krise. In DER Krise schlechthin. Ja, der gesamte Journalismus im Allgemeinen zerbricht. Trotzdem verstehe ich Journalismus als eine Dienstleistung. Ich schreibe, um den Menschen von etwas zu erzählen, wovon sie vielleicht noch nichts gehört haben oder versuche etwas leichter verständlich für sie zu machen. Diese Dienstleistung ist für mich Journalismus. Ich will etwas für andere tun. Man könnte also sagen, ich mache etwas Ähnliches wie mein Installateur.

Mein Installateur und ich

Mein Installateur hat so etwas wie einen Ehrenstern bei uns in der Wohnung, weil er uns schon in so mancher Not den Arsch gerettet hat. Wenn es sein musste auch samstagabends. Er spritze sein Date, um uns aus der Patsche zu helfen (im wahrsten Sinne des Wortes). Nach der Lebensrettung zahlen wir ihm Geld. Logisch, seine Zeit kostet Geld. Etwas ganz Normales.

Nur im Journalismus ist das plötzlich nicht mehr normal. „Schreib mir hier bitte einen Artikel dazu, hierzu ein paar Zeilen und ein Video könntest du ja auch noch drüber machen“. Alles natürlich gratis, ist ja eine Chance für dich. Du willst dich ja gegen die anderen Bewerber durchsetzen. Oder?

Geistige Arbeit und geistiges Eigentum im Allgemeinen werden zu wenig geschätzt. Immer mehr Jobs finden im Dienstleistungssektor statt und trotzdem gelten viele Bereiche bis heute in den Köpfen vieler Menschen nicht als wirkliche Arbeit. Nicht nur im Journalismus, sondern auch in vielen anderen Bereichen: alles, was mit Medien zu tun hat (eh klar), aber genauso bei Models, Schauspielern, Autoren, Musikern und alle, die ich jetzt vergessen habe zu erwähnen.

By the way: unbezahlte Praktika sind illegal

Wenn es um Bezahlung im Journalismus geht, ist das nicht nur eine moralische Entscheidung des Arbeitgebers, sondern auch eine rechtliche. Denn laut Journalisten-Kollektivvertrag muss jedes Medienunternehmen ihren Praktikanten mindestens 700 Euro im Monat bezahlen. Mal davon abgesehen, dass man in Wien von 700 Euro auch nur schwer leben kann, habe ich von diesen 700 Euro bisher wenig gesehen. Mehr als 500 Euro sind noch nie wo gesprungen. Auch nicht bei großen Medienunternehmen.

Zum Teil bin ich selbst an der Misere schuld. Ich hab mich nie widersetzt, aufgemuckt oder mehr gefordert. Nein ganz im Gegenteil, meistens hab‘ ich auch noch genickt und mich brav bedankt. Meist aus Angst, den Job sonst zu verlieren, oder weil ich überhaupt froh war, einen ergattert zu haben.

Klar, die Konkurrenz ist groß, es wird immer jemanden geben, der die Arbeit noch günstiger oder gar umsonst macht. Es wird immer Medienunternehmen geben, die diese bevorzugen, aber in Ordnung ist es trotzdem nicht und illegal noch dazu. Es reicht aber nicht, sich nur aufzuregen und zu jammern (auch wenn es gut tut), in Zukunft werde ich NEIN sagen zu un- oder echt schlecht bezahlten Jobs. Wer das gesamte Package von Bachelor, Berufserfahrung und Engagement will, muss dafür bezahlen. Ich will genauso bezahlt werden, wie ich meinen Installateur bezahle. Denn Journalismus ist nicht mein Hobby, sondern mein Beruf. Und wer das nächste Mal sagt „Wir vergeben nur unbezahlte Praktika“, soll doch mal dasselbe bei seinem Installateur versuchen. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, hat er ja schließlich Eltern oder kann nebenbei noch ein bisschen PR machen oder zusätzlich einfach Halbzeit Lehrer werden.

wordpressadmin

3 Comments

  1. Hallo Eva,

    du hast einen Interessanten Artikel geschrieben. Die Kernaussage ist, dass wir trotz Uni- oder FH-Abschluss schlecht bezahlte Praktika machen (müssen), statt richtig zu arbeiten, weil voll bezahlte Jobs für uns Mangelware sind. Ist das richtig erfasst?

    Nun der Grund dafür scheint mit der Folgende: Der Praktikant ist Frischfleisch – ein Noob – dem man alles im Namen der Karrierechance erzählen kann, nachdem seine bisherigen Leistungen negiert, der Mensch gebrochen und neu aufgebaut wurde. (Diese Aussage entbehrt nicht einer leichten Übertreibung.)
    Meines Erachtens ist diese Form der Praktika ein Ausdruck der mörderischen Konkurrenz, die auf dem Arbeitsmarkt vorherrscht. Jeder, der in einem Job mit solchen Bedingungen arbeitet, arbeitet in einem Extremzustand und verausgabt sich jeden Tag um 101%. Jedoch können sich diejenigen nur um 100% wieder davon erholen. In der Folge bluten sie unweigerlich langsam aber stetig aus. Der Praktikant, der unter solchen Bedingungen „Vollzeit“ arbeitet und „flexibel einsetzbar“ ist, begibt sich auf diesen langen und qualvollen Todesmarsch.
    Ich selbst absolviere z.Z. ein Praktikum zu Orientierung im Bereich PR/Eventmanagement und studiert habe ich Geschichte und Sozialwissenschaften (B.A). Mit diesem Abschluss sieht es schlecht aus einen guten Job zu bekommen. Daher mache ich nun Praktika, um Berufserfahrung zu bekommen und gucke was im weitesten Sinn für mich in Frage kommt. Denn ohne Berufserfahrung wird man nirgends eingestellt. Wir brauchen guten Referenzen, um einen (festen) Job zu bekommen.
    Die Arbeitsbedingungen kamen/kommen mir nicht entgegen. Das „Team“ existiert für mich nicht, es gibt nur „sie“ und „ich“ im Büro – ein friss oder stirb. Wirklich Willkommen habe ich mich nie gefühlt, weshalb ich mich auch nicht recht in die Zusammenarbeit eingliedern konnte. Ich fühle mich unwohl dort und das hat massive negative Auswirkungen auf meine Arbeit. Im Grunde will ich einfach nur weg von dort. Die entsprechende Quittung werde ich erhalten; und den schwarzen Peter dafür, dass ich mich nicht ins Team integrieren konnte, da bin ich ziemlich sicher. Die entsprechende Quittung werde ich nach Ablauf der nächsten Woche bekommen. Zur Bezahlung: Hier in Deutschland ist es zulässig, dass der Praktikant bis 3 Monaten Praktikumszeit nichts bekommen muss. Ich bekommt tatsächlich 160€/Monat als Aufwandsentschädigung bei 30 Stunden/Woche.
    Solche Zustände wird es auch weiterhin geben, weil studentische Erfolge oft ungenügend sind, erst recht auf Bachelor-Niveau. Wenn jemand sich nicht durchsetzten kann, verliert er. Wenn er nicht in der „Normalität“ der extremen Arbeitswelt hart genug ist, ist er wertlos.

    Diese Arbeitswelt, voll Konkurrenz (und „Vollzeit“, „Leistungsoptimierung“ usw.) hinterfrage ich stark. Ich gehöre zur Generation Y und nehme diese Welt nicht so hin, wie sie ist!

    Beste Grüße
    Hendrik

    PS: Dazu auch 2 der Gedichte, die ich in der letzten Zeit zu Papier gebracht habe und meine Gefühlslage zu dem Thema zu Ausdruck bringen:

    Da ist es wieder,
    Das Kind, das verstanden werden will
    In einer Welt ohne Verständnis;
    Das Kind, das beschimpft wird,
    Obwohl es stumm nach Hilfe schreit;
    Das Kind, das klar vieles falsch macht,
    Weil es spürt, dass in dieser Welt vieles falsch ist;
    Das Kind, dem gesagt wird, es solle sich anpassen
    Oder es werde nie etwas „Richtiges“ werden.
    Doch dieses Kind wird sich nicht ändern!
    Es wird diese Welt verlassen und sich eine neue bauen;
    Eine Welt nach seinem Bilde,
    Eine Welt, die Ihm gerecht ist,
    Eine Welt, wo man Verständnis übt.

    Wer sind sie denn, dass Sie mir sagen,
    ich hätte in meinem Leben noch nichts erreicht?
    – Karrieremenschen
    Wer sind sie denn, dass sie mich
    nur am Maß des Erwerbslebens messen?
    – Jünger des Calvin
    Und wer bin ich, dass ich auf sie hören muss,
    obwohl ihre Welt nie die meine sein wird?
    – ein Sklave
    Und was mache Ich nun, der Unterdrückung zu entfliehen?
    Was mache Ich nun, um mein eigenes Leben zu haben?
    – Revolution

  2. Hallo 🙂
    ich finde deinen Blog toll. Bin froh, dass ich darauf gestoßen bin.
    Ja die Journalismus-Branche ist im Umbruch (Stichwort: Digitalisierung).
    Vor ein paar Tagen hatten wir an der JvM-Academy Besuch von einem Philosophen. Er hat bei der FAZ als Reise- und Sportreporter gearbeitet und erzählte von wunderbaren Reisen rund um die Welt. Alles von der Zeitung finanziert. Damit ist leider schon lange Schluss. Doch ich glaube, es kommen wieder Zeiten, die besser sind. Einfach dran bleiben. Und verkauf dich ja nicht unter Wert 🙂 Alles Liebe Irina

    • Danke für die lieben Worte! 🙂 An das glaube ich auch ganz fest, es muss nach den Tief auch wieder bergauf gehen. Werde ich auf keinen Fall machen 😉 Dir auch alles Liebe!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*