Wahida -Eindrücke aus Traiskirchen

Wenn man sie in die Höhe schupft oder kitzelt, dann lacht sie. Ein Lachen voller Lebensfreude, das so herrlich ist, dass man selbst mitlachen muss. Sie ist sieben Monate alt und viel zu klein für ihr Alter. Hat einen braunen Zopf, der mit rosa Haargummi mitten am Kopf in die Höhe steht. Sie sieht ein bisschen aus wie das kleine Mädchen Agnes aus dem Zeichentrickfilm „Ich – einfach unverbesserlich“. So süß, dass man es fast nicht ertragen kann.

Während ich Jeans auf einem Stapel im Bazar für die Caritas ordne, strahlen mir ihre Augen von gegenüber entgegen. Sie greift sofort mit ihren Armen in meine Richtung. Obwohl sie mich nicht kennt, will sie zu mir. Riesige braune Augen schauen mich an und sie berührt mich immer wieder mit ihren kleinen Händen auf den Backen und im Gesicht. Sie scheint Körperkontakt zu mögen und quietscht vergnügt, wenn man sie kitzelt. Wahida wirkt im ersten Moment nicht anders als mein Neffe oder meine Nichte.

Vor ein paar Monaten kam sie mit ihren Eltern und ihrer Familie aus Syrien nach Traiskirchen. Ihre Eltern können leider keine Sprache, die ich verstehe, dafür spricht aber die Großmutter der Familie Englisch. Wie sie genau hergekommen sind, will sie mir nicht verraten, nur, dass sie sehr lange unterwegs waren und froh sind, jetzt hier zu sein.

Seitdem ich Wahida gehalten habe, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Diese fünf Minuten haben sich in mein Hirn eingebrannt. Wie sie mich angelacht und berührt hat. Es ist für mich unvorstellbar, wie ein Kind, das während dem Bürgerkrieg und der Schreckensherrschaft des IS in Syrien auf die Welt kommt und eine monatelange Flucht hinter sich hat, so fröhlich sein kann.

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Helfer der Caritas beim Bazar in Traiskirchen ©Caritas

Für mich hat das Thema ,Asyl und Flüchtlinge’ zum ersten Mal ein konkretes Gesicht bekommen. Ein konkretes Lachen. Ein konkreter kleiner Mensch, den ich in meinen Armen gehalten habe. Der Gedanke, dass Wahida vermutlich auch eine Tante hat und von jemandem die Nichte ist, dass sie auch zu einer Familie gehört, die sich nicht von meiner unterscheidet, außer dem nicht unwesentlichen Umstand in einem Kriegsgebiet geboren worden zu sein, wurde mir in diesen fünf Minuten zum ersten Mal richtig bewusst.

Wenn ich in der Zeitung von Babys lese, die mit sechs Monaten im Gras in Traiskirchen schlafen müssen, dann denke ich an Wahida. Wenn ich über Schmarotzer und Wirtschaftsflüchtlinge lese, dann denke ich an sie. Es ist für mich unbegreiflich, warum an der derzeitigen Flüchtlingspolitik in Österreich nichts geändert wird.

Wenn wir über Flüchtlinge sprechen, dann sprechen wir über Menschen. Menschen wie du und ich. Erwachsene, Jugendliche, Kinder und auch Babys, Babys wie Wahida, die nichts dafür können, dass in ihrem Land seit Jahren ein Bürgerkrieg wütet und der Islamische Staat sein Unwesen treibt. Sie können auch nichts dafür, in einem Land gelandet zu sein, in dem Wahlen bevorstehen, Politiker Angst vor der FPÖ haben und Wähler sich von Populismus einlullen lassen anstatt selbst zu denken. Sie können nichts dafür, aber wir können etwas dagegen tun.

Wir haben als Wähler und mündige Bürger eine Macht, die wir einsetzen müssen. Bereits bevor ich selbst in Traiskirchen war, dachte ich mir, es ist ein Armutszeugnis für Österreich, dass Flüchtlinge aus Kriegsgebieten hier in Zelten schlafen müssen. Heute kenne ich viele Gesichter und Geschichten von betroffenen Menschen. Jeder, der nach wie vor glaubt, es handelt sich hier um Wirtschaftsflüchtlinge und Schmarotzer, der soll sich selbst ein Bild von der Situation in Traiskirchen machen. Auch die Asylstatistiken bestätigen klar, dass die Hälfte der Flüchtlingsanträge seit Jahresbeginn aus Syrien, Afghanistan und Irak kommen. Also eindeutig aus (ex)-Kriegsgebieten. Bereits 28.311 Menschen suchten seit Jahresbeginn um Asyl in Österreich an, das sind mehr als im gesamten letzten Jahr.

Es geht hier nicht nur um gute oder schlechte Asylpolitik, auch nicht um Populismus und Wahlen, sondern um die Einhaltung von Menschenrechten. Die Menschen, die gerade in Traiskirchen in einem völlig überfüllten Lager leben, haben es sich verdient, dass wir sie menschenwürdig unterbringen. Es ist sogar unsere Pflicht als privilegierte Bürger eines friedlichen Staates wie Österreich. Diese Pflicht des Helfens betrifft nicht Flüchtling X und Flüchtling Y, sondern konkrete Schicksale wie das von Wahida, die unsere Nichte, Tochter oder Enkelin sein könnte.

 

Schuhe bei der Ausgabe der Caritas in Traiskirchen

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Caritas Bazar Traiskirchen Helfer

 

Jeder Helfer ist eine Hilfe. Wer Interesse hat, einfach auf der Caritas Facebook-Seite kurz nachfragen wo und wann und helfen.

Ⓒopyright aller Fotos des Artikels mit freundlicher Zustimmung der Caritas

 

 

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