Und wer pflegt unsere Eltern?

 

4.0.4

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Was Jahrhunderte lang als ganz normal galt, ist bei uns jungen Menschen heute nicht mehr zwingend üblich. Besonders deutlich wird das bei dem Thema Pflege. Über meinen persönlichen Konflikt zwischen Verantwortung und Egoismus.

Ein Zwicken im Bauch. Ein ungutes Gefühl. Es schleicht durch den ganzen Körper. Jeder kennt es. Ich kann mich noch gut an das erste Mal erinnern, als ich es spürte: Da tischte ich meiner besten Freundin im Kindergarten gerade eine Lüge auf. Nachdem ich ihr erklärte, warum ich sie heute doch nicht besuchen konnte und sie sich traurig abwandte, da zwickte es. Es zwickte im Bauch. Ich fühlte mich elendig und wusste nicht recht, woher es kam und was ich dagegen tun sollte. Erst irgendwann später begriff ich, dass dieses Zwicken sich schlechtes Gewissen nennt und im Leben noch öfters wieder kommen würde.

Vor Kurzem, da zwickte es wieder.

Meine Mutter sprach darüber, dass sie im Alter so lange wie möglich in unserem Haus am Land bleiben möchte. Sie hoffe, dass wir sie besuchen kämen und ihr mit dem Haus helfen würden. Da zwickte es wieder. Ganz heftig in meinem Bauch.

Was ist, wenn ich nicht da bin? Wenn ich in einem anderen Land oder gar auf einem anderen Kontinent lebe. Wer kümmert sich dann um meine Eltern? Das Haus?

Mich lässt der Gedanke nicht mehr los und auch die damit verknüpften Fragen: Ist es meine Aufgabe einmal meine Eltern zu pflegen? Oder sollte ich mich lieber auf mein eigenes Leben konzentrieren und die Pflege anderen überlassen? Es sind Fragen, die erst seit den letzten Generationen auftauchen.

Der Kreislauf der Generationen

Eltern opfern viel für ihre Kinder. Zeit, Geld, Geduld und Liebe. Irgendwann im Alter bekamen Eltern die Zeit von ihren Kindern dann zurück. Kinder wohnten mit ihren Eltern unter einem Dach und pflegten sie. So war das lange üblich. Es war etwas Selbstverständliches. Durch die Verantwortung schloss sich der Kreis zwischen den Generationen immer wieder. Das System funktionierte. Seit unserer Generation und auch der sogenannte Generation X zuvor bricht dieser Kreis auf. Es bröckelt gewaltig. Was Jahrhunderte lang als ganz normal galt, ist bei uns jungen Menschen heute nicht mehr zwingend üblich.

Einerseits weil wir heute unabhängigere und individuellere Leben führen können, andererseits weil Menschen heute auch viel älter werden als früher. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist durch den medizinischen Fortschritt so stark gestiegen, dass sich der Zeitraum, in dem wir uns um unsere Eltern kümmern müssten stark verlängert hat. Die Lebenserwartung liegt heute schon bei über 80 Jahren. 2005 waren es in Deutschland 2,1 Millionen Menschen, die der Pflege bedurften, bis 2030 sollen es bereits 3,4 Millionen sein.  Menschen werden immer älter und brauchen darum auch länger Pflege. Für mich stellt sich die Frage, wer wird sie pflegen?

Der alte und der neue Schlag

Meine Oma beispielsweise war vom alten Schlag. Für sie war es ein Leben lang wichtig, nicht im Altersheim leben zu müssen. Viele in ihrem Alter dachten ähnlich wie sie. Es war ein Armutszeugnis, wenn man ins Altersheim musste. Es bedeutete, dass die eigenen Kinder einen im Stich gelassen haben oder noch schlimmer, dass man erst gar niemanden hatte. Neben all den Horrorgeschichten, welche unter den Freundinnen meiner Oma über das Altersheim kursierten, glaubte sie auch, dass das Altersheim der Platz zum Sterben war. Wenn man dorthin musste, war es Zeit zum Sterben. Darum wollte sie nie hin.

Was hat sich zwischen den Generationen meiner Mutter, ihrer Mutter und der gegenwärtigen generation Y verändert? Hat sich die Verantwortung zwischen den Generationen verschoben?

Ich persönlich sehe es nicht als meine Aufgabe, meine Eltern einmal zu pflegen. Schließlich gibt es heute viele neue Innovationen von mobiler Pflege bis hin zu guten Heimen. Und trotzdem zwickt es. Und spätestens seit dem Kindergarten weiß ich, dass dieses Zwicken nie umsonst kommt.

Vielleicht bin ich nicht die Einzige, die bei diesem Thema in einem Konflikt mit sich selbst steht. Wir sollten uns über die Verantwortung und Aufgaben unserer Generation dringend Gedanken machen.

Then one day baby, we’ll be old.

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