„Sei einfach du selbst!“ – Ernsthaft?

„Sei einfach du selbst!“- Eine sinnlose Aussage. Eine Worthülse. Es ist okay, wenn die eigenen Eltern so auf Probleme oder Sorgen antworten, was sollten sie auch sonst sagen. Bei jedem anderen ist es nicht in Ordnung. „Sei einfach du!“ oder „Bleib wie du bist!“ macht weder auf Geburtstagskarten noch im Leben Sinn. Vorallem in unserer getriebenen Selbstverwirklichungs-Gesellschaft. Denn wer weiß schon, wer er ist.

Selbstbild

Ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken: „ Das bist nicht du“. Ich würde anders reagieren. Ich würde das nicht sagen. Das nicht tragen. Das nicht tun. Woher kommt mein Selbstbild, von außen oder erschaffe ich es doch selbst? Ich schaue mich um: Jeder wirkt so selbstbewusst. Jeder scheint zu wissen, wer er ist, was er will und wie er nicht sein will. Ich hingegen weiß nicht einmal genau, was ich mit meinem Leben anfangen soll, geschweige denn, wer ich sein will. Ich glaube, es ist ein Anfang, zu entscheiden, wie man nicht sein will. Ähnlich wie bei einer Essensbestellung: zuerst entscheiden, was will ich auf keinen Fall.

Ich will auf keinen Fall mich selbst verraten. Oh wow, die nächste Floskel. Aber diese ist wahr. Dinge zu tun, die Bauchschmerzen erzeugen zum Beispiel. Ich will zu meinen Freunden sein, wie ich es mir von ihnen erwarte und meine Eltern behandeln, wie ich es mir von ihnen wünsche.

Aber definierte ich mich auf diese Weise, würde ich ja nur mein eigenes Umfeld reflektieren. Ich habe eigene Werte. Nur welche? Und wie lebe ich diese aus?

Vermutlich wird diese Selbstquälerei à la „Wer bin ich, was will ich?“ nie aufhören. Dazu gehören auch Krisen und Selbstzweifel. Vermutlich weiß ich auch mit 50 immer noch keine hundertprozentige Antwort auf diese Fragen. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Wüsste ich schon jetzt eine genaue Antwort, dann würde ich mich bis ans Ende meines Lebens nicht mehr verändern. Es gäbe auch keinen wirklichen Sinn im Leben. Ein perfektes Selbstbild zu haben ist unmenschlich. Müsste ich nicht mehr reflektieren, dann wäre ich ja ein Roboter. Selbstzweifel sind nicht geil, aber nötig.

Sei so wie du bist und dann verändere dich, bitte

Neben dem „Sei einfach du!“, etabliert sich auch eine „Entwickle dich“-Gesellschaft. Abgesehen davon, dass es furchtbar schwer ist, sich selbst zu finden, genügt das allein ja noch nicht mal. Die Rede ist von lebenslanger Aus- und Weiterbildung. Immer besser, gescheiter und schöner. Wir leben in einer getriebenen Gesellschaft, die immer noch mehr will und immer noch mehr erwartet. Kaum ist ein Ziel erreicht, muss es schon das nächste geben. In dieser Welt gibt es keinen Platz für Selbstfindung, denn wichtig ist nur die Entwicklung. Die konstante Bewegung. Am besten nach oben. Denn so wie du bist, passt es ohnehin nicht. „Du darfst nie zufrieden mit deiner Situation sein. In dieser Gesellschaft musst du immer mehr wollen. Würde jemand zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch sagen: ‚Ich scheiß auf lebenslanges Lernen und Entwicklung, ich finde mich gut, so wie ich gerade bin‘, so kann sich jeder vorstellen, wie das ausgehen würde“, sagt der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath. Er machte dieses Jahr mit seiner Neuerscheinung „Die Hipster. Trendsetter und Neo-Spießer“ auf sich aufmerksam.

Ich habe den Eindruck, wir müssen uns selbst reflektieren und uns fragen, wer wir sein wollen, aber gleichzeitig dürfen wir uns von der Gesellschaft nicht einbläuen lassen, nicht perfekt genug zu seien. Wir müssen uns aller erst einmal selbst akzeptieren und uns das Recht herausnehmen, mit uns selbst zufrieden zu sein. Ziele sind ja schön  und gut, aber ein rastloses Streben nach mehr, kann nur unglücklich machen.

Auch wenn wir immer noch nicht zu hundert Prozent wissen, wer wir sein wollen. Wir sind schon ok so.

 

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