Ausgekriselt

Bist du Anfang bis Mitte 20, mit dem Studium gerade fertig oder am Fertigwerden und machst jetzt die ersten richtigen Joberfahrungen? Fühlst dich leer und ausgelaugt? Bist deprimiert und denkst, die Realität da draußen ist ganz schön heftig, ich pack‘ das nicht? Dann geht es dir genauso wie den Hauptdarstellerinnen der HBO Serie „Girls“. Willkommen in der ‚Quarterlife Crisis‘! Ich habe einen Jugendforscher gefragt, ob es diese Krise wirklich gibt oder ob wir nur hysterisch sind und an Depressionen leiden.

GIRLS

Sie liegt auf der Couch. Quer. Den Kopf nach unten. Ihre Beine hochgestellt und übereinander geschlagen. Tränen kullern über ihre Wangen. Alles sei so schwer, sagt sie. Das Studium wird immer härter und sie weiß nicht einmal, ob es das Richtige sei. Auf ihre Bewerbungen melde sich keiner. Die Leute auf der Uni seien zum Kotzen. Und am liebsten würde sie sich einfach in den nächsten Flieger ganz weit weg sitzen. Maskara verläuft unter ihren Augen. Die Situation wird immer melodramatischer und ich fühle mich, als wären wir gerade in Serie ‚Girls‘ gefangen. Sie sieht mich an und sagt: “Hilf mir, ich glaube, ich hab‘ die Quarterlife Crisis.“ Heulkrämpfe folgen.

Ich versuch‘ sie zu beruhigen. Mit Sätzen wie: „Alles ganz normal. In dem Alter geht es jedem so, das wird schon wieder, ganz bestimmt.“ Innerlich frag’ ich mich aber: Wird es wirklich wieder von allein? Ist es normal, dass man mit 20 einfach Depressionen bekommt?

Das Thema ‘Quarterlife Crisis’ ist in den Medien omnipräsent. Es soll eine biologisch bedingte Depression sein, die aus einem Cocktail von nostalgischen Gedanken an die sorglose Studentenzeit und der Konfrontation des harten Arbeitslebens und prekären Jobsituationen entsteht. Klingt alles logisch, die Zeiten sind schwer, logisch, dass es unserer Generation da nicht gut geht bei der Jobsuche. Depression vorprogrammiert. Aber was kann man dagegen tun?

Ähnliche Krise: Die ‚Midlife Crisis‘?

Eine ähnliche Krise, die ‚Midlife Crisis‘ zum Beispiel, gibt es ja schon lange. Ende vierzig drehen vor allem Männer durch und glauben in ihrem Leben etwas versäumt zu haben. Sie kaufen sich Porsches, Motorräder und legen sich junge Frauen zu. In der Midlife-Krise geht es aber um etwas anderes: um Versäumnisse in der Jugend, um das Sich-nicht-ausgelebt-haben. Außerdem wird die Midlife Crisis durch die Altersmarke 50 und durch Standard-Lebensläufe geprägt. Unsere Eltern hatten alle einen ähnlichen Lebenlauf: Ausbildung, Beruf, Hochzeit, Haus und Kinder. Und da sie ihr Leben alle gleich gestalteten, hatten sie anschließend auch ähnliche Krisen.

Bei uns Mittzwanzigern geht es aber um etwas ganz Anderes: Wir haben nicht Angst etwas versäumt zu haben, sondern Angst vorm Leben selbst. Eine vorbestimmte Krise kann es also nicht geben, da wir ja alle unterschiedliche Lebensläufe haben. Die einen studieren gleich nach der Matura, andere wechseln das Studium mehrmals und arbeiten dazwischen, andere arbeiten und studieren dann. Widerrum andere studieren gar nicht oder hören gleich wieder auf. Durch Quereinsteiger und individuelle Biografien ist es unwahrscheinlich, dass wir alle durch eine gemeinsame Krise gehen.

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„Absoluter Schwachsinn“, meint der Jugendforscher Philipp Ikrath , ist das mit der ‚Quarterlife Crisis‘. Er froscht täglich an den Werten und Einstellungen von jungen Menschen und sagt: „Es ist nicht sinnvoll, Krisen an einem bestimmten Zeitpunkt festzumachen. Die kann man mit 20 genauso wie mit 30 oder 40 haben. Man sollte dringend etwas dagegen tun, das sind Depressionen“.

Illusion des perfekten Jobs

Ikrath sieht das Problem nicht in einer vorprogrammierten Krise, sondern in einer Illusion, in der wir jungen Menschen leben. „Jeder glaubt den perfekten Job zu finden. Sie lesen das in irgendwelchen Psychoratgebern und glauben daran“. Nicht jeder kann einen Job machen, in dem er sich selbst verwirklicht und der ihn glücklich macht. Jobs sind nämlich nur Jobs. Da unsere Generation vermehrt die Identifikation und Befriedigung in der Karriere sucht, kann sie eigentlich nur enttäuscht werden. Und diese Illusion vom geilen Start-up, das jeder von uns nullkommanix starten kann, wird der Realität auch nicht gerecht. Zum einen sind ganz viele Menschen total ungeeignet um selbständig zu werden, zum anderen idealisieren wir nur Erfolgsbeispiele. Keiner denkt an die 75 Prozent der Start-ups, die jedes Jahr den Bach runtergehen.

Der Jugendforscher, sagt zu mir, ich solle doch an die Bibel denken. An Eva und Adam. Beide werden bestraft, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Eva muss ein Kind gebären und Adam muss bis zum Schweiße seines Angesichts arbeiten. In der Bibel und lange Zeit danach war Arbeit etwas, das man zum Überleben brauchte. Etwas, das einfach sein musste. Würden wir jetzt in die Zeitmaschine steigen und  jemandem, der vor 100 Jahren gelebt hat, erklären, dass unsere Motivation hinter der Arbeit die Selbstverwirklichung ist, dann würde er uns vermutlich einfach nur auslachen.

Diese Ideologie macht uns krank

Wir heben die Arbeit auf ein Podest und hegen Erwartungen, denen keiner gerecht werden kann. Eine extrem „schädliche Ideologie“ nennt es Ikrath. „Den Menschen wird eingeredet, dass jeder in seinem Job glücklich sein kann, wenn er nur alles gibt. Sich bemüht und alles versucht. Ist er unglücklich, ist es automatisch seine schuld.” Darum ist unsere Generation auch müde. Müde von dem Versuch, dem gerecht zu werden. Das Gefährliche an Ideologien ist, dass sie keiner hinterfragt, sondern jeder einfach hinnimmt. Darum gibt es auch keine ‚Quarterlife Crisis‘. Sie ist nur ein Erklärungsversuch für Probleme, die wir haben und für die Selbsterwartungen, denen wir nicht entsprechen. Unsere Probleme stecken viel tiefer. Es ist der Scheiß, den wir uns über Karriere und Erfolg einreden lassen.

„Nehmt das ganze Gequatsche über Krisen nicht so ernst. Es ist ganz normal, dass man als junger Mensch bei diesem ständigen ,Entwickle dich noch mehr‘, ,Leiste noch mehr‘ überfordert ist“, meint Ikrath am Schluss unseres Gespräches als Rat und lacht. „Aber gegen Depressionen, Eva, muss man schon was tun, sag das deiner Freundin.“

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3 Comments

  1. Sehr treffender Artikel. Ich hatte meine „Krise“ als ich vor ein paar Jahren dreißig wurde. Nach Ausbildung und Studium ist es mir einfach nicht gelungen den ultimativen Traumjob zu finden, ja nicht mal einen Job, der mir Brot und Miete sichert und dann hört man überall von den super erfolgreichen Mitzwanzigern. Natürlich ist dies gelogen. Schließlich habe ich mit einer Freundin zusammen einen Blog gegründet, der sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzt, der die ganze Generation Y und ihre Problme umfasst.
    Viele Grüße

    http://stillerevolution.blogspot.de/

    • Super, das finde ich genial 🙂 ich werde mir euren Blog gleich mal ansehen. Und was ist aus deiner Krise geworden, hast du sie überwunden 😉 ?

  2. Sagen wir mal, ich habe mich arrangiert und akzeptiert, dass das Leben das ist, während man Pläne dafür macht. Ich denke, genau wie du, dass man im Leben öfter mal kleinere und größere Krisen durchmacht. Eigentlich ist es auch ganz normal und trägt ja auch zum inneren Wachstum bei. (Hoffe ich wenigstens.) Wir finden deinen Blog übrigens so super, dass wir ihn in unseren Blogroll aufgenommen haben. Du schreibst echt gut. 🙂

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