Warum wir weniger Religion brauchen

Freitag zehn Uhr abends. Endlich Feierabend. Keine Arbeit mehr, Freizeit beginnt. Ich trinke ein Glas Rotwein. Bin noch unschlüssig, was mir der Abend bringt. Zu viele Möglichkeiten: Ausgehen, Tanzen, auf eine Party, zu Freunden oder doch zuhause bleiben? Während ich meinen first world problems nachgehe, kommt die Nachricht. Zuerst auf orf.at. Dann von Standard per whatsapp. Es gibt wieder Anschläge in Paris. Schon wieder. 19 Tote.

Ich schalte benommen den Fernseher ein und zippe zum Fußballspiel. Es läuft noch. Die Stimmung wirkt gedämpft, aber es läuft. Zehn Minuten später, der Schlusspfiff. Plötzlich sprechen die Kommentatoren über Schüsse. Alle im Publikum blicken besorgt auf ihr Smartphone oder telefonieren. Das Knallen wird noch einmal eingeblendet. Zwei Mal. Ein dumpfes Knallen. Keine Knaller. Klingt wie eine Bombe.

Tote in Cafes, Bars und eine Geiselnahme in einem Konzertsaal. Die Zahl der Toten steigt an diesem Abend noch auf 129 an. Es fehlen mir die Worte. Ich kann eigentlich nichts sagen und denken als „schlimm, unfassbar schlimm“.

Heute habe ich die Worte wieder gefunden. Zwischen all den Postings auf Facebook, Instagram und Twitter denke ich mir, der Karikaturist von Charlie Hebdo hat so recht: #prayforpraris ist doch Bullshit. Wir brauchen nicht mehr beten, noch mehr Religion, noch mehr Glauben.  Wir brauchen reine Nächstenliebe und Verständnis für Menschlichkeit. Diese sollte nichts mit der Bibel oder dem Koran oder sonst einem Buch begründet werden, sondern mit ganz normalem menschlichem Mitgefühl.

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Dafür brauche ich keinen Gott und keinen Allah, nein, dafür muss ich nur ein Mensch sein. Einer, der sich in die Situation von anderen Menschen hineinfühlen kann. Dazu brauche ich nur ein Herz und keine scheiß Religion. Es soll in dieser Situation nicht um Pauschalisierungen gehen und es ist gut, wenn sich Muslime offiziell von diesem Fanatismus distanzieren. Aber was der IS mit dem Islam macht, ist ein starkes Zeichen dafür, dass Religion nie Macht bekommen darf. Und zwar keine. Denn egal wie liberal sie ausgelegt wird, sie kann immer missbraucht werden. Religion ersetzt das Denken. Oder beeinflusst es zumindest.

Und wenn es um andere Menschen geht, wie die Opfer des Attentats, die Angehörigen von ihnen oder Flüchtlingen, die genau vor so etwas flüchten, dann darf Religion keine Erklärung sein. Solidarität und Nächstenliebe fühlen Menschen ganz von allein. Auch wenn sie an nichts glauben.

Glauben kann etwas Schönes sein und hat auf jeden Fall seine Berechtigung. Diese will ich hier niemandem nehmen oder verleugnen, aber sie ist eine Privatsache. Sie darf uns nicht beeinflussen, wen wir wählen, wie wir handeln und wie wir andere Personen sehen. Sie hat nichts im Staat zu suchen, sonst geben wir dem Glauben eine Macht, die Diktatoren und Terror-Gruppen missbrauchen können.

Und zum Schluss noch eine Message an alle, die einen Zusammenhang zwischen den offenen Grenzen für die Flüchtlinge und diesem Terroranschlag argumentieren versuchen: Haltet das Maul und schämt euch. Das zeugt von unvergleichbarer Dummheit. Die Flüchtlinge, die gerade in unser Land kommen, flüchten nämlich genau vor diesem Terror. Vor dem IS. Vor Fundamentalismus und Scharia. Und Terror.

Auch wenn uns das Angst macht. Auch wenn uns Terroranschläge Angst machen. Wir dürfen dieser Angst keinen Raum lassen. Denn genau das will der IS bezwecken. Und wenn wir Angst haben und uns unseres Lebens nicht erfreuen, nicht mehr tanzen, lieben und trinken, wenn wir uns nicht mehr unserer Kultur erfreuen – Dann hat der IS gewonnen. Warum sonst hätte er die Studenten-Ausgehmeile für die Anschläge gewählt.

#ParisisaboutLife

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One Comment

  1. Sehr gut. In diese Richtung habe ich auch schon gedacht.

    Gebetet wird meist sowieso nur in Notsituationen, auch wenn man sonst nur einmal jährlich in die Kirche geht und die Schrift nicht kennt. Gott soll immer herhalten, wenn es scheiße läuft.

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