Der Morgen danach

Die große Liebe. Das perfekte Date. Er macht das Perfekte, sagt das Perfekte, trägt  das Perfekte. Er scheint ganz einfach perfekt. ENDLICH ein normaler Typ. Gleicht ja einem Wunder. Ohne pschotischer Ex-Freundin, Affaire oder Mutter. Zumindest bisher.

Der Tag nach einem tollen Date ist fast so toll wie das Date selbst. Man trägt so ein warmes Gefühl mit sich herum. Fühlt sich wie auf Drogen. Wie eine Woche die perfekte Frisur. Hoffnung in die Liebe würden es Psychologen vermutlich nennen. Den Deckel für den Topf doch finden zu können.

Während diesem Sulen in den Gedanken an die Nacht, dem wiederholten Lesen der Nachricht, die er danach geschrieben hat und dem Ausmalen, was du zur Hochzeit tragen könntest, gleitet dein Finger auf Tinder ab. Du willst dir sein Profil noch einmal ansehen, es deiner besten Freundin schicken. Die gemeinsamen Interessen. Das eine schöne Foto. Die erste Nachricht von ihm herzeigen – und dann siehst du es. Was da in roter Schrift steht und dich verachtet: VOR 2 MINUTEN ZUM LETZTEN MAL ONLINE.
Sex and the City

Oh Gott. Herzinfarkt. Was tut er da auf Tinder? Er braucht doch keine Datingapp mehr. Er hat ja jetzt mich. Und eine Hochzeit.  Zwischen Mord- und Hochzeitsgedanken läuft das Gehirn verrückt.

Während sich die Nicht-Digital-Natives, deren Dating noch nicht zwangsdigitalisiert wurde, am Tag nach dem Date gefahrlos den Gedanken und Schmetterlingen im Bauch widmen konnten, müssen wir uns schon am nächsten Morgen (!) der harten Realität stellen. Passiert es nicht auf Tinder, dann sehen wir eine Facebook-Markierung, einen Kommentar oder einen Post. Von möglichen Bitches, die einem den hart erkämpften (endlich normalen) Typen wegschnappen wollen. Dass diese mutmaßlichen Bitches vielleicht seine Schwester /Cousine / Sandkastenfreundin sein könnten (soll es ja auch geben), daran kann man in diesem Moment nicht denken. Auch nicht daran, dass er vielleicht auf Tinder war, mit keiner anderen Absicht als du selbst. Nein, die Eifersucht rast und der Typ wird gleich mal in die Kategorie „doch Arschloch“ eingereiht. Die Alarmglocken läuten in unserer Generation andauernd. Das macht Dating und Vertrauen schwierig.

Eh klar, ist der Typ ein Vollidiot, hätte das unsere Generation Oma ohne Smartphone, Handy und Internet später auch noch rausgefunden. Zudem ist diese Transparenz und die fehlende Privatsphäre ein Problem und kann viel kaputt machen. Es soll Beziehungen geben, die wegen dem gelesen-Hackerl auf Whatsapp in die Brüche gegangen sind und tolle Dates, die wir uns selbst durch Paranoia am Morgen danach, versaut haben.

Darum Handy ausschalten und genießen. Auch wenn wir glauben, unsere Stalking- Detektiv-Qualitäten seien die besten. Sie sind es nicht. Und auch unserer Generation wird nichts Anderes übrig bleiben, als es zu riskieren, jemanden kennen zu lernen und versuchen zu vertrauen. So wie es unsere Oma auch gemacht hat.

SATC

 

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2 Comments

  1. Toll geschrieben – eines finde ich gehört für all jene zu bedenken, die jetzt nicken und denken „ja, früher war alles schöner und romantischer und ehrlicher“: warum war man selbst auf Tinder am nächsten Tag, warum vergisst man selbst ab und an zurückzuschreiben oder noch besser warum gibt es dieses berechnende „nicht zurückschreiben“ damit der jene nicht glaubt man würde zu leicht zu haben sein.
    Ich bin überzeugt, es war früher nicht einfacher! Misstrauische Charaktere – und ich sage absichtlich nicht Frauen, denn Männer gibt es von dieser Sorte auch genug – hatten auch zu Omas Zeiten Probleme damit. Nur hat man sich die Erklärung / geglaubte Bestätigung eben aus anderen Kanälen geholt.
    Wir müssen einfach uns selbst und unserem Gefühl vertrauen – zu viel Zweifel macht alles kaputt, auch wenn es eigentlich perfekt gewesen wäre 😉

    • Vielen Dank für deine Gedanken dazu 🙂 Da hast du auf jeden Fall recht, damals war sicher nichts leichter! Aber ich denke es war auf jeden Fall anders… Und dieses „nicht zurückschreiben“ plus „gelesen haben“ bringt neue Herausforderungen mit sich und auch sehr viel Misstrauen..

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