Heiraten 4.0 für 20 Somethings

Vorher waren da überall Hochzeitsfotos in meiner Timeline. Eine Hochzeit reihte sich an die nächste. Die Brautpaare waren so jung wie ich. Schulkollegen. Freunde und Bekannte. Facebook-Bekanntschaften. Jetzt im Winter reihen sich Babybauchfotos aneinander. Winzig kleine Schuhe mit Schriftzügen. „Wir freuen uns auf dich“ oder „Coming soon“ steht da. Aus den Brautpaaren werden Eltern. Und aus Töchtern Mütter.

Twilight_Hochzeit

Es sind Paare, die aus demselben Ort und derselben Schule kommen wie ich. Und jetzt Eltern werden. In einer so ganz anderen Lebensphase als ich es bin. Ich kriege bereits Panik bei dem Gedanken aus meiner Studenten-WG mal auszuziehen und in eine andere Stadt zu gehen. Während ich von Praktikum zu Praktikum gehe und so versuche meinem Traum von  Journalismus leben zu können näher zu kommen, kriegen andere Kinder, bauen ein Haus und heiraten.

Warum die einen Häusl baun

Denk‘ ich nur an Zusammenziehen, hab‘ ich schon Angst, etwas von meiner jugendlichen Freiheit aufgeben zu müssen und dass  verrückte Verliebtheit dem Alltag und dreckigem Geschirr weicht. Auch die meisten meiner Freunde denken gar nicht ans Erwachsenwerden im Sinne von Familiegründen und Häuslbaun. Eine Freundin, nennen wir sie Andrea, sagte vor kurzem zu mir: „Ich krieg‘ die Krise, wenn ich noch ein scheiß Hochzeitsfoto auf Facebook sehe oder noch zu einer Hochzeit gehen muss. Zum Glück ist endlich Herbst. Ich kann mich nicht mal für einen Tag entscheiden, was ich will, wie können die über ihr ganzes zukünftiges Leben entscheiden?“

Natürlich werden an diesem Punkt einige sagen, vielleicht waren es ungeplante Schwangerschaften. Das kann natürlich sein. Aber mein Eindruck ist ein ganz anderer. Heiraten ist wieder in. Mega romantisch. Umso jünger umso romantischer. Auch wenn wir nicht vor Religiosität strotzen, so wollen wir das Kleid, die Kirche und Blumen. Das volle romantische Klischee. Und jeder soll zuschauen oder es zumindest auf Facebook mitbekommen. Heriaten 4.0. Auch in Jugendliteratur und Filmen ist es wieder in. Die großen „Stars“ unserer Generation heiraten: Edward und Bella in ‚Twilight‘, Katniss und Peeta in ‚Tribute von Panem‘ (Sorry für den Spoiler). Es wird vorgelebt. Wer sich wild romantisch liebt, sollte das mit allen teilen. Ganz öffentlich „Ja“ sagen.

Ganz ehrlich, warum?

Natürlich ist für die meisten 20 Somethings Heiraten bei Weitem noch kein Thema. Ein kleiner Teil entscheidet sich aber dafür. Und macht das sehr öffentlich. Da stellt sich für mich schon die Frage: Warum? Warum mit Anfang 20 heiraten? Auch in Bezug auf die  lange Lebenserwartung, die wir alle haben. Wie kann man sich mit zwanzig Jahren so sicher sein, mit einer Person die nächsten sechzig Jahre verbringen zu wollen? Ich meine, sechzig Jahre, das ist verdammt lange.

Wir wissen auch, dass 40 Prozent der Ehen schief gehen und geschieden werden. Wenn man das durchdenkt, dann ist unsere Generation zu einem sehr hohen Prozentteil selbst mit geschiedenen Eltern aufgewachsen. Und trotzdem ist es jetzt wieder in? Oder vielleicht auch gerade deshalb?

Variable über Variable

Wir leben in einer Welt voller Unsicherheiten. Von unserem Job bis hin zu unseren Steuern bis hin zur Pension ist nichts fix. Alles variabel, flexibel, veränderbar. Viele kommen aus Familien mit geschiedenen Eltern, Patchwork und Stiefgeschwistern. Zudem verlangen uns Ausbildung, Studium und Karriere immer mehr ab. Wir müssen viel geben um etwas zu erreichen. Überstunden machen, im Ausland arbeiten und überhaupt flexibel sein. Vielleicht suchen gerade wegen dieser instabilen Welt, in der alles flexibel ist und sein muss, einige Menschen wieder eine Konstante. Etwas mit Tradition und Klarheit. Ein Bekenntnis: Ich will dich und sonst niemanden mehr, bis an mein Lebensende.

Hört man es so, schlägt auch mein Mädchenherz höher. So romantisch. For ever and ever and ever. Und trotzdem sind da diese sechzig gemeinsamen Jahre. Diese verdammt lange Zeit. Und ich kann nicht anders als mir die Frage zu stellen: Bereut ihr das später nicht? Bereut ihr, nicht mehr ausprobiert zu haben? Frei gewesen zu sein und ganz eigene Erfahrungen gemacht zu haben?

Ich bin gespannt, was unsere Kinder einmal über die Generation Y schreiben werden und wie sie das alles händeln. Und ob dann noch geheiratet wird?

wordpressadmin

5 Comments

  1. Hallo,
    ich habe deinen Post auf FB gesehen und hat mich neugierig gemacht. Ein schwieriges Thema und jeder ist und sieht das gleich oder anders. Wieso sollte man seine Freiheit aufgeben und warum sollen 60 Jahr Ehe mit einem Partner zu lange sein? Genauso könnte man umgekehrt fragen, ob du später es bereist keine dauerhafte Beziehung geführt zu haben, du viel erlebt hast aber alleine warst. Ich verstehe dich, versteh mich bitte nicht falsch, würde es auch nie verurteilen. Egal wie alt man ist, man weiß nie ob eine Beziehung ewig hält. Selbst bin ich mt 18 Jahre vor den Traualtar gegangen und habe vor 16 Jahren mein Jahwort dem Mann gegeben, der mir das Gefühlt der Gesamtheit gibt, gegeben. Ein Jahr darauf haben wir unsere wunderbare Tochter zur Welt gebracht und ich war noch keine 19 Jahre alt. Leicht war es nicht, ist es aber nie. Auch bereue ich nichts oder ätte das Gefühl ewas versäumt zu haben. Man ist nie zu alt, um das zu machen was man will. Oft muss man etwas warten, doch jeder bekommt seine Zeit. Und ja, wir sind noch immer glücklich verheiratet und ich kann mir ein Leben ohne meine zweite Hälfte des Herzens nicht vorstellen. Damals gab es kein Facebook und einzig Fotoauszüge sind unsere Zeugen, neben den eingeladenen Gästen.
    Egal wie man es haben möchte, heiraten früh oder nicht, Kinder ja oder nein, jeder hat seinen eigenen Zeitpunkt. Richtig ausgemacht und besprochen, muss man auf fast nichts verzichten, man muss nur etwas Geduld haben.
    Puh, sorry für die vielen Worte. Schöner Post der zum Nachdenken anregt.
    Liebe Grüße
    Tanja

    • Hallo Tanja, vielen Dank für deinen langen Post!! Ich finde es sehr spannend, wenn jemand seine Meinung dazu äußert, der selbst früh geheiratet hat, denn du weißt wovon du schreibst 😉 Ich kann in meinen Blogposts immer nur von mir selbst sprechen und ich war mit 18 Jahren ganz wo anders als heute und habe noch sehr anders gedacht…Darum bin ich persönlich sehr froh, damals noch nicht geheiratet zu haben. Aber ich finde es wunderschön, dass du dir damals bei deinem Partner schon so sicher warst, und dass es funktioniert hat!
      Alles Liebe, Eva 🙂

  2. Liebe Eva,
    ich teile deine Unsicherheit absolut und habe neulich selbst darüber geschrieben (http://life-unsettled.com/familie/). Ich glaube, dass viele wieder jünger heiraten, da sie wissen, dass nichts für immer ist. Sie können den Ring wieder abnehmen. Sie können sich scheiden lassen. Alles theoretisch möglich. Aber diese Erfahrung „Heirat“ zu verpassen, kommt keinem in die Tüte. Unter dem Motto „Wir sind nur einmal jung“ muss doch alles mitgenommen werden ^^ Ich würde auch nicht drauf verzichten wollen. Aber ohne Tüdelü-Big-Bang-Facebook-Scheiss.
    Liebe Grüße,
    Farina

    Ps.: Vielleicht magst du mal vorbeischauen? Wir schreiben über ähnliche Themen http://www.life-unsettled.com

    • Vielen Dank für den Tipp, werd gleich mal auf deinem Blog vorbei schauen 🙂 viele liebe Grüße, Eva

  3. Hallo,
    Ich bin durch Farina hier gelandet und habe mit Interesse deinen Artikel gelesen.

    Ich selbst habe mit 23 geheiratet. Ich hätte es auch schon früher getan, 18 oder 19, das wäre kein Unterschied gewesen. Der Unterschied macht jedoch derjenige, den man heiratet. Ich hatte gleich das Gefühl, es passt einfach. Herr Weltentdecker und Frau Weltentdeckerin. Fast zu schön um wahr zu sein. Wir haben extrem schnell geheiratet. Das war für mein Umfeld ein Schock. Ich habe dadurch viele Freundschaften verloren.
    Aber ich würde es immer wieder tun und sogar noch früher. Ich bin so glücklich, dass ich nicht meine Zeit damit verschwendet habe, bei anderen Männern nach Liebe zu suchen, mich in den Möglichkeiten zu verlieren, keine Beziehungen eingegangen bin, die letztendlich nichts zurücklassen außer Erinnerungen. Nicht Liebe mit Körperlichkeit verwechselt habe und ich um die Erfahrung bewahrt wurde, dass Männer einen ausnutzen. Klar, nicht jede Beziehung ist so negativ, aber wenn ich in meinem Umfeld schaue, wie Leichtfertig Beziehungen eingegangen werden und was davon zurückbleibt, dann sind das meist Tränen und Scherbenhaufen. Nach der X.ten Beziehung ist so mancher einfach ausgebrannt und desillusioniert von der Liebe.
    Klar ist eine Ehe nicht einfach, aber man muss auch dafür arbeiten. Eine Ehe ist viel mehr als ein Ende. Es ist ein Anfang voller Möglichkeiten, zu zweit. Es heißt nicht, dass das Leben vorbei ist, sondern dass man das Leben zusammen mit seinem liebsten Menschen teilt. Wenn eine Ehe ein Ende ist, dann liegt das daran, dass die Ehepartner wohl ein Problem haben einen passenden Lebensweg gemeinsam zu gestalten. Und wenn es uns so passt, dann ziehen wir Morgen nach Indonesien. Niemand hält uns davon ab, zu zweit unser Leben zu genießen.

    Aber ich lese aus deinem Beitrag noch etwas ganz anderes heraus, nämlich die Angst vor Entscheidungen. Das ist auch ein typisches Phänomen der Generation Y. Vertrauen, einfach Fallen lassen. Loslassen.
    Du wirst einfach wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist. Er ist bei jedem Menschen anders.

    Liebe Grüße, Anja

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