Fleisch und heiße Luft

Alle Jahre wieder heißt es für mich ,Coming Home for Christmas‘. Auch während des Jahres bin ich manchmal zu Besuch, aber dann nur für ein Wochenende. Zu Weihnachten gebe ich mir die vollen zwei Wochen und es geht schneller als man denkt, dass ich mich wieder wie 16 benehme und meine Eltern Sätze sagen wie „Heute gehst du aber nicht fort, weil du hast doch Halsweh“.

(c) www.altfg.com

Acht Dinge, die sich in Oberösterreich nie verändern werden:

1. Der Streit um das Auto

Wohnt man irgendwo in der Pampas, so wie wir in Oberösterreich, ist ein Auto das Nonplusultra. Mir geht es im Gegensatz zu den meisten Oberösterreichern (Oberösterreich ist ja intuitiv geschätzt das Bundesland mit der höchsten Autoproleten-Dichte)  nicht darum, ein Gefährt mit möglichst vielen Ps zu haben. Ich will weder proletieren, noch angeben, noch einen Audi. Ich will mich einfach von A nach B bewegen können.

Rund um unser Haus gibt es nichts als Felder, Schweineställe und Pensionisten. Und das ist wirklich nicht übertrieben. Darum bin ich natürlich nicht die einzige, die flüchten will. Wer den Kampf verliert, muss bleiben. Und kann dann entweder Schweine streicheln gehen oder auf den Bus warten, der zumindest einmal am Tag hier im Dorf stehen bleibt.

2. Der Hunger nach Fleisch

Wenn ich in Wien bin, ess‘ ich so gut wie nie Fleisch. Einerseits weil ich zu faul bin und das meine Kochkünste haushoch überfordert und andererseits weil ich zwar auf Schnitzel stehe, aber kein rohes Fleisch angreifen mag. Sehr heuchlerisch, ja, haters gona hate. Hier in Oberösterreich ist das anders. Da kocht Mama und da gibt es zu Weihnachten Bratwürstel (eh klar, Oberösterreich), am 25. Dezember Hirsch, am 26. Truthan, danach wieder Würstel, dann Pizza (mit Schinken), dann Suppe (mit Speck!) und zu Silvester Schweinsbraten. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Körper auf einen Oberösterreichmodus wechseln kann und sich die ganzen Nährstoffe, Fette und Proteine speichern können, denn wenn nicht, ist es ein Wunder, dass ich nicht jedes neue Jahr mit Gicht starte.

3. Der Streit um den Fernseher und das Radio

In Wien habe ich keinen Fernseher. Nicht nur weil ich es mir nicht leisten kann, sondern auch weil ich es für eine Zeitverschwendung halte. Und trotzdem gehe ich in Oberösterreich dieser Zeitverschwendung plötzlich gerne nach. Nicht nur weil es nicht viel anderes zu tun gibt, sondern auch weil es ähnlich wie beim Auto auch hier einen Kampf gibt, den es zu gewinnen gilt. Hier treffen alle Generationen und Geschmäcker aufeinander und es endet meist mit einem Tatort oder Bergdoktor, den keiner sehen will und der Rest schon gesehen hat. Es wird dann aber ohnehin die ganze Zeit gequaselt. Ähnlich ist es auch beim Radio. Musik läuft bei uns in Dauerschleife und meist Klassik Radio FM. Dazwischen wird Radio Salzkamemrgut gehört, wo Edith Schiller die immer gleichen unlustigen Scherze bringt. Wer es wagt den Sender zu wechseln, muss es auf Streit abgesehen haben.

 4. Das Festnetztelefon

Etwas, das ich nie verstehen werde: Warum braucht man heute noch ein Festnetz? Und warum müssen drei Telefone im Haus so vernetzt sein, dass man bei Anrufen fast vom Sessel fällt und mehr das Gefühl hat, eine Sirene als einen Anruf zu hören. Es ist unglaublich laut dieses Läuten. Eine Erklärung dafür gibt es nicht wirklich, da meine Eltern noch gut hören und man die Lautstärke auch dimmen könnte. Und dann gibt es da natürlich noch die Spezialisten, die um halb 8 Uhr Sonntag morgens anrufen und es solange läuten lassen, bis jemand rangeht. Die denken sich vermutlich, warum denn auch nicht, um diese Zeit schläft man ja schließlich nicht mehr und macht sich ohnehin fertig für die Kir(c) devnicsmith.wordpress.com

5. Die (Nicht-) Gebrauchsgegenstände
Was Tisch und Polster bei mir zuhause gemeinsam haben? Sie sind da, aber man darf sie nicht benützen. Wir haben einen wunderschönen Bambus-Holz-Tisch im Esszimmer. Wirklich schön. Leider bekommt man ihn nie zu Gesicht, da er stets unter Tischdecken und Tischsets begraben wird. Bambus ist zwar traumhaft schön, jedes Wasserglas hinterlässt aber Spuren. Jetzt sind wir zwar noch nicht in der Serie „Die Nanny“, wo alles mit Plastik überzogen wird, vom Sofa bis hin zum Tisch, aber weit enfernt sind wir da nicht mehr. Dann gibt es auch diese schönen Weingläser, die man nur anschauen und nicht benützen darf, weil sie ja nicht in den Geschirrspüler passen. So läufts auch mit den Zierpölstern und dem Lilienporzelan und einer langen Liste von „Nicht-Gebrauchsgegenständen“.

6. Heißes Wasser

Fehlendes heißes Wasser kann in unserer Familie schon mal ganz schön heiße Luft produzieren. Kurz ein Szenario, wie ich es schon zigmal erlebt habe: Ich freue mich den ganzen Tag auf die Badewanne. Auch ein Luxusgut, das ich in Wien nicht habe. Da ich es nicht erwarten kann, lege ich mich schon bei ganz wenig Wasser in die Wanne. Das Wasser ist traumhaft heiß, die Luft dampft und plötzlich wird es kalt. Auch wenn man kurz abdreht und wartet, kein warmes Wasser mehr. Auch das wenige verbliebene heiße Wasser in der Wanne verdunstet und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Wanne zu verlassen. Ich schlinge mir schnell ein Handtuch um und tropfe trotzdem den ganzen Boden voll. Reiße die Türe auf und schreie durch das ganze Haus: „Papa, das Wasser ist kalt“. Meist kommt keine Antwort und ich brülle noch einmal, wie ein Berserker. Dann irgendwann geht Papa nachschauen in den Keller und dann kommt die Antwort: „Da hätten wir aufdrehen müssen“.  Und dieses „aufdrehen müssen“, das verheißt nichts Gutes. Das weiß ich schon seit Jahren. Denn wir heizen unser Wassser mit Solar, und gab es zu wenig Sonne, muss man dazuheizen. Eigentlich alles kein Problem, nur das dauert eben ein paar Stunden. Und die Luft ist heiß. Und das Wasser kalt.

bath-988502_960_720

7. Sharing is Caring, oder?

Bei uns gab es immer mehr als genug zu essen. Immer. Und trotzdem bin ich mit einem Futterneid aufgewachsen, der seinesgleichen sucht. Auf Sätze wie „Isst du das noch?“ oder „Darf ich einen Schluck von deinem Kaffee haben?“ bin ich heute noch allergisch. Denn diese Sätze endeten meist mit dem Resultat, dass ich eine leere Tasse oder einen leeren Teller zurückbekam. Darum wird bei uns beim Essen (also meist nur mein Vater und ich) aus Prinzip um das letzte Mohnflesserl gestritten. Auch wenn man schon pappsatt ist.

8. Wlan ausschalten

22:30. Ich scrolle mich gerade auf Facebook durch. Plötzlich „keine Verbindung“ mehr. Ich disconnecte das Wlan, doch auch danach findet mein PC kein Netz mehr. Ich verlasse mein kuscheliges Bett und mache mich auf den Weg zum Wlan-Rooter. Kein Leuchten, kein Blinken nichts. Er scheint tot. Ich schalte ihn wieder ein. Es dauert Ewigkeiten, bis er nicht mehr blau blinkt und endlich wieder funktioniert. Ich weiß auch, warum auf einmal alles aus ist: Bei uns zuhause wird das Wlan nachts meist ausgestaltet. Wegen den Strahlen.

 

Und sitze ich dann wieder in Wien in meiner Wohnung, wo es dauerhaft fließendes warmes Wasser gibt, ich die Musik hören kann, die ich will, mit der U-Bahn so gut wie überall hinkomme, meinen Tofu in den Salat schneide und mir niemand meinen Kaffee wegtrinkt, da vermisse ich meine Familie und Oberösterreich dann doch. Und all das, was sich nie verändern wird, fehlt mir plötzlich und mir wird klar, dass es perfekt ist, wie es ist.

wordpressadmin

One Comment

  1. Erstmal frohes neues Jahr!
    Ich fühle mich gerade sehr an meine eigenen Eltern erinnert. Es scheint sich in anderen Familien wohl ähnliches abzuspielen. Nur auf das Festnetz würde ich freiwillig niemals verzichten wollen. Ich finde diese Entwicklung weg davon irgendwie total befremdlich. Was ist, wenn man das Handy verliert oder bestohlen wird? Dann ist alles weg! Heutzutage ist man eh in einem Maße vom Handy abhängig, was ich total unheimlich finde.
    Überhaupt höre ich mein Handy oft gar nicht, weil es irgendwo in meiner Handtasche vergraben ist. Wieviele Anrufe habe ich deshalb schon verpasst. Mein Festnetz steht, wie der Name schon sagt, an einer festen Stelle. Zudem trenne ich zwischen Festnetz und Handy. Meine Festnetznummer haben wirklich nur Leute, die mir wichtig sind, also Freunde und Familie, da ich die Klangübertragung oft besser finde, als übers Handy. Auf dem Handy hören sich die Stimmen oft so weit weg an. Meine Handynummer gebe ich Behörden, Arbeit und Bekannten weiter.
    Aber möglicherweise verliere ich jetzt schon, mit knapp über dreißig, den Anschluss an die Moderne. Manchmal kommt es mir wirklich schon so vor, weil ich, wie gesagt, diese krasse Abhängigkeit vom Handy nicht wirklich nachvollziehen kann und da auch keine Lust drauf habe. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*