Warum weggehen so schwer fällt

Vor einiger Zeit habe ich mich selbst dazu entschieden nach Hamburg zu gehen um bei NEON ein Praktikum zu machen. Auch wenn ich damals noch überzeugt davon war, dass das vermutlich sowieso nichts werden würde kam plötzlich eine Zusage und für mich war klar, ich muss dahin. Und obwohl es seit jeher mein absoluter Traum ist für NEON zu arbeiten, hatte ich in den letzten Tagen Zweifel.

Meine Tante verabschiedete meinen Freund und mich zu Ostern gleich mit den Worten: „Ist doch schön, wenn du jetzt solo bist oder?“ und ich dachte mir nur: „SOLO???!! Niemand ist hier solo.“

Plötzlich war es wirklich soweit und ich musste mich von meinem Freund verabschieden, meiner Nichte erklären, warum ich jetzt drei Monate nicht da bin und endlich richtig Hochdeutsch lernen, da mich sonst in Hamburg niemand verstehen wird. Man sollte meinen, dass mich diese Gedanken in den letzten Monaten schon länger beschäftigt hätten, aber so war es nicht. Ich habe mir in den letzten Jahren ein Muster zugelegt, dass ich bei Veränderungen immer anwende. Wenn es also zum Beispiel ums Weggehen geht, dann bin ich zu Beginn super begeistert und denk mir bei jedem Zweifel, der mir in den Sinn kommt: „Ach das wird sich schon alles geben.“ Ich sehe alles überdurchschnittlich locker und versteife mich auf die positiven Aspekte.

Denn eines kann ich nämlich verdammt gut: Probleme verdrängen. Der Nachteil an dieser Philosophie ist leider, dass sie einen (fast) immer einholen. Denn dieses Verdrängen funktioniert nur so lange, bis es dann soweit ist. Und jetzt ist es soweit. Dafür habe ich mein WG-Zimmer geräumt, meine Wohnung gekündigt und tausche das alles gegen ein Zimmer in einem Studentenheim mit einem Bad und einer Küche, die ich mir mit zehn anderen teile.

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An einem Abend kurz bevor ich wegging, wurde ich dann richtig panisch, mein Herz begann wie wild zu klopfen und ich malte mir ein Horror-Szenario nach dem anderen aus: Was wenn ich ins Krankenhaus muss? Einen Nervenzusammenbruch habe oder das Alleinsein einfach nicht aushalte?

Ich hatte seit langem wieder einmal Existenzängste und mir fiel auf, wie behütet mein Leben hier in Wien eigentlich ist. Ich hab hier so viele Menschen, auf die ich mich verlassen kann und wenn es hart auf hart kommt und ich morgen obdachlos oder komplett pleite wäre, dann wüsste ich, dass meine Eltern mich nicht unter einer Brücke schlafen lassen würden. Und dann ist da noch diese wunderbare Gewohnheit. Ich mache natürlich nicht jeden Tag genau dasselbe, aber im Großen und Ganzen sind sich die Tage sehr ähnlich, sehr vertraut, sehr schön.

Und jetzt diese Veränderung: Ein neuer Job und eine komplett neue Stadt kommen auf mich zu. Dabei wird mir wieder einmal bewusst, dass ich mit Veränderungen in meinem Leben etwa wie eine 80-jährige Oma umgehe: Ich kriege die Krise und ärgere mich, dass nicht einfach immer alles so bleiben kann, wie es war. Und noch etwas bemerke ich in dieser Situation: Wie unsicher ich selbst bin! Denn ganz ernsthaft und realistisch betrachtet, was soll schon passieren? Hamburg ist nicht aus der Welt und irgendjemand wird mich mit meinem Bauerndialekt auch dort verstehen. Und trotzdem, dieses komische Gefühl in meinem Bauch geht nicht weg. Ist das ein Vorstadium von Heimweh?

Ich wurde neugierig und begann zu recherchieren. Erstmals wurde das Krankheitsbild  Nostalgia 1688 von dem Arzt Johannes Hofer in Basel beschrieben. Ab dem 17. Jahrhundert war das Gefühl als „Schweizer Krankheit“ bekannt, da sich Schweizer Soldaten so sehr nach ihrem Zuhause sehnten, dass ihr Kampfeswille nachließ. Ihnen wurde sogar das Singen von bestimmten Liedern verboten, die das Heimweh noch verstärkt haben sollen. Lange Zeit glaubte man auch, dass Menschen an Heimweh sterben könnten.

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Der Psychologe Karl Marbe stellte dann 1925 fest, dass Heimweh keine Krankheit ist: „Heimweh ist ein ganz normales Verhalten bestimmter, auch völlig gesunder Personen, das an bestimmte Bedingungen in der Umwelt geknüpft ist. Und es ist nicht zwingend ein Zeichen für einen beschränkten Horizont, es kann Gebildete, Ungebildetste, Alte und Junge erfassen“ so Marbe.

So widerlegte der Psychologe bereits in den 20ern das Klischee, dass nur Kinder an Heimweh leiden würden. In meiner Situation kann man vermutlich noch nicht mal von Heimweh sprechen, sondern eher von einer Pre-Heimweh-Angst. Darum beschloss ich, bereits im Vorhinein Doktor Google zu befragen. Der empfiehlt mir die unterschiedlichsten Dinge: homöopathische Globuli zu nehmen, Tagebuch zu führen oder Gegenstände in Erinnerungskisten zu sammeln.

Besonders bestätigt fühle ich mich, als ich die Aussage von Bernadett Greiwe, Hochschulpsychologin bei der Studienberatung der Universität Münster, lese: „Gerade für junge Studierende kann es belastend werden, wenn die Eltern auf einmal nicht mehr so greifbar sind.“

Ich bin also doch (relativ) normal und weder krank noch besonders psychisch labil, sondern derartige Gefühle scheinen also zum Erwachsenwerden dazuzugehören. „Wer gezielt ins Ausland geht, um Neues zu entdecken, tut sich leichter“, rät Ernestine Wohlfart, die Psychotherapeutin an der Berliner Universitätsklinik Charité ist. Also gut, dann geht’s also los – notfalls müssen eben Globuli oder ein Flugticket her. Oder diese speziellen Heimweh-Pillen, die mir meine Lehrerin im Skikurs bei Heimwehattacken gab und sich im Nachhinein als Tic-Tacs herausstellten.

 

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