Warum uns das Einschlafen manchmal so schwer fällt

Schlafprobleme

Manchmal liege ich abends im Bett und kann einfach nicht einschlafen. Ich bin todmüde, mein Körper fühlt sich schwer an, meine Augen wollen lieber geschlossen sein und ich will eigentlich nichts mehr als schlafen. Und es geht einfach nicht. Gedanken schwirren in meinem Kopf herum. Keine schönen Gedanken, sondern Sorgen: To-Dos, Geburtstagsgeschenke, Stromrechnungen und Versprechungen. Ich denke darüber nach, wann ich das letzte Mal meine Tante oder Mama angerufen habe, was ich heute alles nicht erledigen konnte und was ich morgen nicht vergessen darf.

In der Schule in einem Fach namens „Soziales Lernen“ hat man mir gelernt, diese Gedanken mental in verschiedene Schubladen einzuordnen. Diese Methode sollte beim Abschalten helfen. Ähnlich wie Schäfchen zählen. Ich lege also jeden Gedanken in eine Schublade: To Do, Sorgen, gegen die ich sowieso nichts machen kann und Dinge, worüber man erst gar nicht nachdenken sollte et cetera. Diese Methode funktioniert kurz. Für einen Moment herrscht Ordnung in meinem Gehirn. Dann geht es wieder los. Chaos. Sogar das Schlucken fällt mir schwer, da ich einen bitterenen Geschmack in meinem Mund spüre:  Angst oder Panik oder Überforderung. Wie man es auch nennen mag, schön ist dieses Gefühl nicht.

Also wende ich die nächste Methode an: eine To-Do-List im Kalender. Dabei schreibe ich alles auf, um so ja nichts zu vergessen. Wieder folgt kurz ein Gefühl der Sicherheit. Ich habe alles im Griff. Aber nur kurz, denn die Gedanken kommen wieder. Es sind Gedanken, die, glaube ich, viele Menschen kennen. Sie bedeuten nicht unbedingt, dass ich ein psychisches Probleme habe, sondern dass in meinem Leben gerade einfach viel passiert und ich scheinbar zu viel Zeit zum Nachdenken habe.

„Gedanken sind einfach nur Gedanken“

„Menschen haben eben einen Katastrophenverstand“ erklärt der Psychotherapeut Andreas Knuf gegenüber der Hamburger Morgenpost. Grundsätzlich versuche der menschliche Verstand dabei nur den Tag zu analysieren und aus den Fehlern zu lernen. Dieser Vorgang wäre also eigentlich wichtig. Manchmal übertreibe aber das Gehirn. Zum Beispiel wenn der schiefe Blick des Chefs bis in kleinste Detail analysiert wird. Knuf hat gegen dieses nächtliche Gedankenkarussell einen recht simplen Trick: „Gedanken sind einfach nur Gedanken. Sie müssen nicht wahr sein. Das sollte man sich vorsagen.“

Mir persönlich hilft das direkt meist nicht weiter. Aber dafür eine Regel, die mir irgendwann in der Volksschule eingefallen war und danach wie die universelle Wahrheit im Leben vorkam. Haltet euch fest, hier kommen Gedanken aus meiner Kindheit.

Der gifitge Pilz und ich

Ich habe damals im Garten einen Pilz in die Hand genommen. Er wuchs da so schön im Rasen, war braun und herrlich groß. Ich wusste bereits, dass ich diese Pilze nicht angreifen durfte, sie waren giftig, laut meiner Mama. Und trotzdem hatte ich plötzlich den Pilz in der Hand. Ohne lang nachzudenken, warf ich ihn gleich wieder weg, über den Zaun in die Wiese vom Nachbarn. Danach wusch ich mir die Hände. Etwas später erkundete ich das Zimmer meiner Schwester, die gerade bei ihrem Freund war. Auch das durfte ich natürlich nicht. Ich spähte in ihre hellbraunen Schreibtischladen, ob dort etwas für mich—die 13 Jahre jüngere Schwester—vielleicht Interessantes zu finden war. Ich durchwühlte eine Lade, fand aber nichts.

Frau_schläft_pixabay

Abends im Bett begann sich bei mir das Gedankenkarussell zu drehen. Vielleicht waren meine Hände von dem Pilz noch giftig. Ich würde sterben. Das schien für mich irgendwie noch in Ordnung. Aber meine Schwester würde auch sterben, wenn sie zum Beispiel den Spitzer berühren würde, den auch ich zuvor in meinen Händen hatte. In mir breitete sich regelrechte Panik aus. Später träumte ich davon, dass meine Schwester wegen Pilz/Spitzer starb. Am nächsten Tag lief ich morgens zu ihr ins Zimmer, sie lebte noch.

Diese Angst, diese Gedanken und dieses Gefühl, nicht mehr rational denken zu können, vergaß ich mein Leben nicht mehr. Heute weiß ich nicht einmal, ob ich meiner Schwester je von dieser schlaflosen Nacht und den Todesängsten rund um sie erzählt habe.

Natürlich denke ich heute ein bisschen rationaler. Mir ist klar, dass keiner durch die Berührung einer berührten Sache von einem Pilz, der vielleicht giftig ist, sterben wird. Aber ab diesem Zeitpunkt fasste ich für mich diese Regel: Wovor man richtig Panik hat, das passiert im Leben meist gar nicht. Die wirklich schlimmen Dinge passieren eher aus dem Nichts. Und gerade wenn man sie nicht erwartet. So banal das auch klingen mag, diese Regel begleitet mich seither und bewahrheitete sich zig Male. Als geliebte Menschen starben, lag ich nicht zuvor im Bett und hatte Angst, dass es passieren könnte. Auch mit meinem ersten 5er (in Deutsch) rechnete ich nicht.

Darum versuche ich abends, wenn die Gedanken auf mich einstürzen, an diesen Pilz von damals zu denken. Und daran, dass es meiner Schwester heute zum Glück gut geht und auch, dass hinter all dieser Panik wohl etwas anderes steckte, nicht der Tod etwa, sondern viel mehr meine Schuldgefühle, sich dem Verbot widersetzt zu haben. Darum macht es für mich heute mehr Sinn, nach den Hintergründen der Angst zu suchen und wenn es keinen gibt, sie in eine Schublade zu stecken und diese zu verschließen. Außerdem hat die großen Probleme im Leben wohl selten jemand beim Einschlafen lösen können.

 

| Credit Header: Foto via via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0

Credit im Fließtext: Foto via Pixabay |

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