Ein Plädoyer für die große Liebe

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„Gibt es die große Liebe?“ Vor kurzem stellte mir diese Frage jemand in einem Interview. Seither geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf und ich kann nicht mehr aufhören darüber nachzudenken. Die EINE große Liebe, das klingt irgendwie gefährlich, ja fast angsteinflößend. Es würde bedeuten, dass jeder eben nur einmal die Chance darauf hat, mit einer Person.

Zwischen Tinder und der angeblichen Generation ‚Unabhängig‘ fällt es schwer, ernsthaft über die große Liebe nachzudenken oder gar zu sprechen. An sie zu glauben, wäre irgendwie naiv, von gestern, ja sogar ein bisschen dumm, fast unemanzipiert. Wer braucht schon die große Liebe? Der einfachere Weg ist natürlich, zu sagen, die große Liebe gebe es nicht. Punkt, aus und fertig—gerade wenn man selbst keinen Partner hat.

Zu dieser Einstellung passt ein Trend, der sich immer stärker ausbreitet. Dabei machen Paare alles, was auch klassische Paare machen, nur sind sie eben nie offiziell zusammen. Darüber wurde schon wild unter dem Begriff „Mingle“ (Single+ Mixed) diskutiert. Es ist ein bisschen wie eine offene Beziehung, nur eben nicht ganz. Nennen wir sie lieber die „Mikrowellen-Beziehungen“. Sie schlafen über Monate miteinander, lernen die Eltern des anderen kennen, schauen sonntags gemeinsam Tatort und bleiben von einer Party auch mal zuhause, um lieber gemeinsam Netflix zu schauen, oder so.

Nennen wir sie lieber die „Mikrowellen-Beziehungen“.

Sie machen also all die Sachen, wie auch das Durchschnittspaar XY,  irgendwie aber auch wieder nicht, denn offiziell sind sie nie zusammen. So eine Phase kann zu Beginn wunderschön sein. Wenn man jemanden neu kennen lernt, ist alles so aufregend, ist nichts fix und unglaublich spannend. Dazu gehört, stundenlang Gespräche mit der besten Freundin darüber zu führen, ob der andere nun auch ähnlich denkt oder sich vielleicht ebenfalls schon ein bisschen verliebt hat.

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Das ist eine tolle Phase, keine Frage. Jedes Paar hat sie nur einmal und darum ist sie total wertvoll. Dehnt man diese Phase aber ins Unendliche, dann wird aus der wunderbaren aufregenden Zeit eine Mikrowellen-Beziehung. Keiner ist sich sicher, was der andere eigentlich will, gleichzeitig wird man aber abhängig von einander, weil man sich an den anderen ja doch gewöhnt.

Dazu gehört, sich konstant unsicher zu fühlen, wenn sich der andere nicht meldet, schließlich hat man ja eigentlich keine Ahnung, was man machen soll. Letzendlich muss sich ja niemand melden, niemand ist zu irgendetwas verpflichtet. Je nachdem wie es einem gerade passt, wird die Beziehung also aufgewärmt oder abgekühlt.

Und genau darin sehe ich das Problem. Man nimmt sich alle schönen und gemütlichen Seiten aus einer Beziehung heraus und wirft den Rest, also die Verantwortung, Respekt und Zugeständnisse, einfach in den Mistkübel. Und schon ist man in so einer Mikrowellen-Beziehung und leider meist auch ziemlich schnell im Arsch.

In einer heilen Welt, in der die Ponys unter dem Regenbogen spielen,  ja in dieser Traumwelt wäre es natürlich als solches als ein neues Beziehungsmodell denkbar. Beide Partner einigen sich fair auf diese Art von Beziehung und beide sind damit zufrieden. Leider ist das Leben aber kein Ponyhof und meist wandelt sich dieses flexible Beziehungsmodel dahin, dass einer den anderen ausnützt oder verarscht.

Es mag ja grundsätzlich ein guter Gedanke sein, dass unsere Generation die Beziehungen revolutioniert, sie so anpasst, dass sie auch zu unseren Leben und Zielen passen. Ich glaube auch, dass Beziehungen, wie sie unsere Eltern führten, bei uns nicht mehr möglich sein werden. Das ist auch wichtig.

Was ich aber bisher in meinem Freundeskreis so beobachte, sind es keine unabhängigen und flexiblen Beziehungen, die sich da entwickeln, sondern eher extrem wage und Unsicherheit schürende Beziehungen, in denen fast immer jemand enttäuscht wird. Darum sollten wir den Glauben in die große Liebe nicht verlieren. Es wird kein Prinz am weißen Pferd oder Ryan Gosling angeritten kommen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn man die richtige Person trifft, man genau weiß, dass man mit ihr zusammen sein will. Und wenn nicht, dann ist es doch auch okay. Weniger okay ist nur, wenn man sich Liebe vormacht, wo keine ist.

 

| Credit Header: Foto via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0

Credit im Fließtext: Foto via flickr via k_tjaaa | Liebe! |

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2 Comments

  1. Danke liebe Eva für diesen tollen Artikel! Es ist schön ‚mal relativ wertfrei und nicht voll mit verletztem Frust über so ein Thema zu lesen. Schön und bildhaft beschreibst du, wie es sich in unserer Zeit und den komischen „nicht fix“ Beziehungen abspielt. Gerne werde ich deinen Blog weiterverfolgen.

    Alles Liebe,
    Dominique

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