Die Akte Ex und was passiert, wenn man sie öffnet

Ex-Freunde

Ein brauner Schuhkarton mit einem roten Häkchen drauf. Er ist verstaubt. Lange wurde er nicht geöffnet. Durch meinen Umzug halte ich ihn plötzlich wieder in meinen Händen. Ich weiß genau, was sich darin befindet. Nicht wie in dem anderen Nike-Karton, in dem ich meine einzelnen Socken aufbewahre, in der Hoffnung, irgendwann doch noch den dazugehörigen zu finden.

Ich setze mich auf die Couch und öffne ihn vorsichtig. Es durchschleicht mich fast ein Gefühl des Betrugs, als dürfte ich das gerade gar nicht machen. Derweilen ist der Inhalt per se nicht mal spannend: Kristall-Ohrringe, Kinotickets, ein Band aus der Pratersauna und einige Fotos. Das Problem mit so einem Karton sind nicht die Sachen darin, sondern die Gedanken, die durch ihn entstehen. Gedanken an eine Beziehung, die vorüber ist. Die Gefühle sind weg, die Gegenstände aber geblieben. In diesem verstaubten Nike-Karton, der immer stumm unter meinem Bett lag.

Beziehungen können schlimm ausgehen, fast immer tut das Schluss-machen unfassbar weh. Und trotzdem will man die Gegenstände und Erinnerungen des Ex meist nicht wegwerfen. In diesen Momenten musste ich immer an eine Folge bei Gilmore Girls denken, als Rory und Dean schlussmachen und Rory ihre Mutter bittet, den Karton mit seinen Sachen für sie wegzuwerfen. Ihre Mutter tut es nicht, sie verstaut ihn im Schrank. Irgendwann findet Rory ihn und ein Streit bricht aus. IhrevMutter erklärt ihr, dass sie selbst einen Mord begehen würde, um ihre Kartons mit den Erinnerungen an ihre Verflossenen zurückzubekommen.

In weiser Vorsicht also habe auch ich meine Kartons nie weggeworfen. Eine andere, vom Inhalt recht ähnliche Box, steht in meinem Zimmer bei meinen Eltern zuhause. Es ist kein Schuhkarton, sondern eine Ikea- Box aus Plastik. Und noch dazu durchsichtig. Eine richtige Angeber- Ex-Freund-Box, die einen verhöhnt, wenn man sie sieht. Aber auch diese werde ich nie wegwerfen.

Was sagen also diese Akten Ex über uns aus?

Die Akte Ex gibt es auch ganz ohne verstaubte Schuhkartons. Denn auch wer diese Inhalte nicht wie ich hortet, trägt sie trotzdem zweifellos mit sich herum. Die Akte Ex sind nicht löschbar, auch wenn man sich das manchmal wünscht. Eine Freundin hat mir vor Kurzem davon erzählt, dass ihr neuer Freund ihr einfach nichts über seine Vergangenheit erzählen will. Kein Sterbenswörtchen verliert er. Auch nachdem sie seine Ex zufällig auf der Straße trafen und er zumindest zugeben musste, wer sie war, rückte er immer noch nichts heraus.

Sie akzeptiert sein Schweigen nicht und das kann ich gut verstehen. Auch wenn wir es nicht gerne hören, die Akte-Ex sagen so einiges über uns aus. Sie bestimmen sicherlich nicht, wer wir sind, aber sie prägen uns. Natürlich gibt es Zeiten, da verflucht man seine Ex und dessen Akte. Gerade nach einer Trennung ist es manchmal unerträglich, dass es da diese eine Person gibt, die so viel weiß, die für einen so viel war und nun einfach nicht mehr im eigenen Leben vorkommt.

Es gab Zeiten, da dachte ich mir, wie schön wäre es, alle Ex einfach auf eine einsame Insel ganz weit weg zu verbannen. Weg aus der Stadt, weg aus dem Sinn. Wie schön wäre das. Im zweiten Gedankengang wurde mir natürlich klar, dass in diesem Gedankenspiel auch ich auf diese Insel müsste, da natürlich auch ich die Ex von jemandem bin und auch für immer sein werde.

Exe sind selten ein leichtes Thema und auch in neuen Beziehungen spuken sie herum. Diese Geister möchte man am liebsten direkt auf diese Insel verbannen. In Wahrheit sind die Vergangenheit von einem Menschen und die Akte Ex aber auch für die neuen Beziehungen unglaublich wichtig. Denn sie erzählen viel über eine Person.

Auch wenn ich mir manchmal wünschte, erst gar keine Akte Ex zu besitzen – ein unbeschriebenes Blatt zu sein – mag ich meine Kartons heute irgendwie trotzdem. Und darum entschied ich mich auch bei diesem Umzug dagegen, sie zu entsorgen. Schließlich würde die Vergangenheit ja trotzdem bleiben, auch wenn der verstaubte Karton im Müllcontainer landet. Und irgendwann stelle ich diese Kisten einmal gestapelt vor meiner Tochter hin und sag‘, schau her, so ist das Leben.

|Credit Foto via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0 |

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