Ein Plädoyer für die Laster im Leben

download

„Er war eben so,
war völlig daneben.
Er hat nie geraucht,
ging nie einen heben.
Statt Vinho und Gambas,
Vollmilch und Brot,
und was hat er davon?
Denn nun ist er tot…“

sang Udo Jürgens 2001. Und recht hatte er damit. Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken um ein Laster: das Rauchen. Ganz ehrlich, ich liebe Rauchen. So ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Ich liebe es mir eine neue Zigarette anzuzünden, den ersten Zug zu inhalieren und gegen Ende die Zigarette befriedigt wegzuschnipsen. Zweifelsohne für viele ist Rauchen das Ekeligste der Welt.  Je mehr Zigaretten man raucht, desto ekeliger wird es und desto schlimmer fühlt sich der Geschmack am nächsten Morgen an.

Für mich ist es trotzdem ein Genuss. Eine zu rauchen bedeutet für mich automatisch mir etwas zu gönnen, etwas Gutes zu tun, auch wenn ich natürlich weiß, dass es nicht gut für mich ist. Für mich ist ’ne Zigarette wie ein Stück Schokolade. Und trotzdem geht es mir oft schlecht dadurch. Wir führen eine Hassliebe sozusagen. Ich kann durchs Rauchen weniger weit joggen, bekomme öfter Halsschmerzen, Cellulite am Po, Pickel im Gesicht und klar mit jeder Zigarette steigt auch mein Krebsrisiko.

Mein erster Freund rauchte unglaublich viel. Für seine Sucht und fehlende Stärke damit aufzuhören habe ich ihn verachtet. So wie es mir meine Eltern gelernt haben, rauchen ist böse. Punkt. Kaum war die Beziehung zu Ende, begann ich zu rauchen, welch eine Ironie, ja. Seitdem rauche ich mit einigen Pausen und Aufhörversuchen immer wieder. Ich bin eine klassische Fortgeh- und Nachtraucherin. Niemals käme ich auf die Idee, mir morgens nach dem Aufstehen eine anzuzünden. Aber abends bei Bier oder Wein gehört es für mich manchmal einfach dazu. Seit längerem versuche ich mit diesem Gelegenheitsrauchen endlich ganz aufzuhören, doch so wirklich will das nicht klappen.

Für mich steht dahinter mittlerweile eine viel größere Frage: Bin ich eine konsequente oder inkonsequente Person? Wie will ich sein? Wenn es um Diäten, mehr Sport oder das Rauchen geht, dann bin ich definitiv komplett inkonsequent. Meine Vorsätze, die ich mir zur Motivation meist sogar noch irgendwo hinkritzle, werfe ich nach ein paar Tagen wieder über Bord. Wenn mich dann jemand fragt, ob ich ein Stück Kuchen oder eben ’ne Zigarette möchte, geht mir ein „Nein“ einfach nicht über die Lippen und ich denke mir, warum eigentlich nicht. Und das war’s dann mit den guten Vorsätzen.

download

Ich bewundere Menschen, die es schaffen keinen Zucker zu essen, keinen Alkohol zu trinken oder eben wirklich mit dem Rauchen aufhören. Zumindest nach außen hin scheinen die ihr Leben im Griff zu haben. Manchmal wünsche ich mir auch so zu sein. Endlich diszipliniert zu leben. Wie es in all den Frauenmagazinen gepredigt wird: „bewusst leben“ und „bewusst essen“.

Für mich gibt es da nur ein Problem: Spaß macht das keinen. Sich ab und zu eine Fertigpizza reinzustopfen, mit der besten Freundin eine ganze Packung Eiscreme aufzuessen oder eben eine zu rauchen, ist manchmal einfach herrlich. Für mich ist dieses Ausbrechen aus diesem ganzen „Bewusstseins-Lifestyle“ wie Balsam für die Seele. Schließlich wird eh in jeder Hinsicht von einem erwartet zu funktionieren: im Job, in der Beziehung, in der Familie und und und. Bei den 20-Somethings laufen mittlerweile viele kleine Wanna-Be-Erwachsene herum, die alles im Griff zu haben scheinen und immer diszipliniert sind. So wirklich Rock’n’roll ist ja unsere Generation schon lange nicht mehr. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Aber irgendwelche Laster darf man wohl doch noch haben.

Schließlich könnte eines Morgens mich ein Auto überfahren und dann würde ich mir wünschen dieses eine Eis, Glas Wein oder Zigarette noch genossen zu haben. Zu 100 Prozent vernünftig können wir auch später noch sein. Oder wie Udo Jürgens sagen würde:

„Es lebe das Laster,
denn wer brav ist,
wird nirgendwo vermisst.
Erst recht, wenn er daran gestorben ist.“

 

|Credit Foto via unsplash via Christal Yuen & via Bart Scholliers

wordpressadmin

2 Comments

  1. Erstmal: Wie cool ist denn dein Blog bitte?! Bin immer ganz aus dem Häuschen, wenn ich zwischen den ganzen Beauty- und Modeblogs mal einen finde, auf dem es richtig gute Texte zu lesen gibt.
    Zum Thema Rauchen kann ich persönlich jetzt irgendwie nicht wirklich etwas besonders Konstruktives beitragen, außer, dass ich es auch eklig finde – ich rauche aber auch nicht. Das mit dem bisschen Rock’n Roll verstehe ich aber voll und ganz: Familien-Fertigpizza oder einen Eimer Eiscreme für sich alleine sorgen in unserer Spießerjugend ja sowieso schon für einen riesigen Aufschrei.
    Ganz liebe Grüße,
    ein neuer Fan 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*