Wie ich gelernt habe, über meine Panikattacken zu sprechen

Mein Herz schlägt schneller. Immer schneller. Atmen fällt mir schwer. Als würde jemand auf meiner Brust sitzen oder seine Hand auf meinen Mund pressen. Ein Geschmack von Übelkeit klettert mir die Kehle hoch. Meine Zunge ist trocken. Nein, der ganze Mund. Ich ersticke und verdurste gleichzeitig, irgendwie. Währenddessen steigt Panik in mir auf. Es ist, als müsste ich sterben. Zumindest stell‘ ich es mir so vor. Mein Kopf lässt keine rationalen Gedanken mehr zu, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Für einen Moment glaube ich wirklich zu sterben. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Ich bin überzeugt, dass mein Körper diesen Schmerz für keine weitere Sekunde mehr ertragen kann.

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So fühlen sich Panikattacken an— jedenfalls für mich. Früher dachte ich, Panikattacken seien eine Art Krankheit, die man eben bekommt wie etwa Asthma oder Epilepsie. Eine Krankheit, die man medizinisch behandeln kann. Dann zum ersten Mal vor drei Jahren wurde mir beim Autofahren plötzlich total schlecht. Ich dachte mir nichts weiter. Tja, kann passieren. Als Kind kotzt man schließlich regelmäßig im Auto. Aber es kam immer wieder: im Zug, im Flugzeug, in Gondeln. Darum dachte ich, das muss wohl Platzangst sein. Ich mied enge Räume und Transportmittel. Plötzlich bekam ich es aber auch nachts im Bett. Nie in meinem eigenen, aber an fremden Orten. Fremde Orte, fremde Menschen, ja alles Fremde war plötzlich böse.

Lange dachte ich nicht an Panikattacken. Ich suchte das Problem in meinem Körper. Ging zum Arzt, ließ mich durchchecken. Der sagte nur: alles gut. Aber ich war nicht erleichtert. Ganz im Gegenteil. Das machte mir nur noch mehr Angst. Langsam erkannte ich nämlich, wenn nicht im Körper, dann musste es wohl psychisch sein.

Ab diesem Zeitpunkt versuchte ich mir einzureden, wenn es psychisch ist,  könne ich es auch mit Gedanken bekämpfen. Das machte es aber nur noch schlimmer. Ich hatte keine Lust mehr irgendwas zu unternehmen. Ich wollte nicht mehr reisen, denn ich hatte Angst vorm Flugzeug. Ich wollte nicht mehr ausgehen, denn ich hatte Angst vor der Taxifahrt. Ich wollte nicht mehr trinken, denn ich hatte Angst die Kontrolle zu verlieren. Ich begann Stück für Stück weniger mehr zu machen. Zog mich immer stärker zurück und blieb am liebsten zuhause, in meiner gewohnten Umgebung, unter gewohnten Menschen. Ich wurde zu einem unglücklichen Einsiedler.

An einem Donnerstag im Jänner, ich weiß es noch genau, es schneite gerade, da eskalierte es dann. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto. Anfangs saß ich vorne. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, ich konnte vor Übelkeit nicht mehr atmen. Ich bat meinen Vater, selbst zu fahren. Wir wechselten. Doch auch das Fahren half mir nicht. Mein Herz schlug immer schneller und schneller. Und ich bekam schreckliche Angst zu sterben, wie noch bei keiner Attacke zuvor. Ich fuhr an den Rand der Fahrbahn, zu einem Bushäuschen, und blieb einfach stehen. Stieg aus und kniete mich ins verschneite und nasse Gras. Mein ganzer Körper zitterte, er bebte regelrecht vor Angst.

An diesem Tag erlebten meine Eltern zum ersten Mal, wie meine Attacken wirklich aussahen und dass sie kein Hirngespinst waren, sondern ernst. Nach einigen Minuten in der Kälte beruhigte ich mich. Vertraute Menschen waren das beste Mittel gegen meine Attacken. Zuhause angekommen erklärte mir mein Vater, so könne es nicht weitergehen. Ich bräuchte Hilfe. Ich wusste, er hatte Recht. Nur wer könnte mir noch helfen?

Ich hatte das Glück, dass es eine Bekannte in der Familie gab, die zwar keine Therapeutin ist, aber mit der ich unglaublich gut sprechen konnte und der ich vertraute. Zu ihr ging ich dann und redete und redete. Über das Gefühl, die Angst, die Panik und die Panik, die ich durch die Panik bekam. Mit ihr gemeinsam fand ich  Wege mit den Attacken umzugehen, sie zeigte mir, wie mir Atmen helfen konnte und ich begab mich auf die Suche nach dem Grund dafür.

Eines der Hauptprobleme mit meinen Attacken war, dass ich dachte, ich wäre allein damit. Dass wiedermal nur ich diese Scheißattacken hätte. Ich, der Sonderfall. Je öfter ich aber darüber sprach, umso mehr Menschen erzählten mir von ähnlichen Erlebnissen. Auch wenn sich die Attacken meist durch andere Symptome äußern, so ist die unfassbare Panik und Angst dahinter die gleiche. Das Schlimme an Panikattacken ist nämlich nicht die Attacke selbst, sondern die Angst, dass sie niemand versteht.

Darum finde ich Reden wichtig. Darum ist dieser Artikel wichtig. Denn obwohl es heute ja irgendwie trendy ist, ein bisschen depressiv zu sein und zum Psychiater zu gehen, zumindest wird uns das in Filmen so vorgelebt, will seine psychischen Probleme im real Life niemand zugeben. Obwohl doch jeder von uns so seine Probleme mit sich selbst hat.

Ich schätze mich echt glücklich, dass ich heute nur mehr sehr selten Panikattacken habe und mittlerweile weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss. Aber niemand soll damit allein sein, denn die Psyche darf genauso mal krank werden wie der Körper. Und was ich daraus  gelernt habe: Auszeiten helfen. Für mich sind fünf Minuten am Tag, in denen ich so gar nichts tue, schon genug.

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