Warum ich meine Eltern brauche

Obwohl ich selbst längst erwachsen bin, kann ich mir ein Leben ohne meinen Eltern einfach nicht vorstellen. Bin ich zu wenig erwachsen?

Eva Reisinger Essay Elterndieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe der Welt der Frau erschienen

Egal, was in meinem Leben falsch läuft, wie es mir geht oder wo ich wohne, etwas bleibt immer: Die Tatsache, dass meine Eltern für mich da sind und die Gewissheit, dass sie meine Begleiter sind, – das ist wie Honig bei Halsschmerzen. Es lindert den Schmerz. Sie sind meine beständige Konstante im Chaos meines Lebens.

Auch mit 24 Jahren darf man seine Eltern noch brauchen

Natürlich gab es Phasen, in denen sie mir peinlich waren oder ich dachte, sie sind die schlimmsten Menschen auf Erden, weil ich nicht zweimal am Wochenende ausgehen durfte. Bis auf diese typischen Teenager-Phasen war unser Verhältnis immer gut. In schwierigen Zeiten ziehe ich mich heute noch gerne in meine heile Welt aufs Land zurück und suche zwischen den Pop-Musik-Postern und Andenken an meine Jugend Zuflucht vor der Gegenwart. Manche mögen meinen, ich sei ein verhätscheltes Nesthäkchen und nie erwachsen geworden, aber ich lebe mein eigenes Leben. Manchmal komme ich Monate lang nicht nach Hause, bin finanziell unabhängig, treffe meine eigenen Entscheidungen, wasche meine Wäsche selbst und ja, trotzdem brauche ich sie. Auch mit 24 Jahren darf man seine Eltern noch brauchen, finde ich.

Warum wir unsere Eltern mehr brauchen als sie uns

Manchmal fühlt sich mein Leben ziemlich instabil an. Als ich von einem Auslandsaufenthalt zurückkam, zwischen zwei Wohnungen keine Ahnung hatte, wohin mit meinem Zeug oder keinen Job bekam, da hielten meine Eltern gegen das Chaos. Sie hielten mich am Boden fest.

Ich glaube, dass viele meiner Generation nach so einer Stütze in instabilen Zeiten suchen. Manchmal fühlt sich mein Leben wie ein Sprung aus einem Flugzeug an. Ich falle, weiß nie, aus welcher Richtung der Wind kommt und wo es mich hintreibt. Eltern zu haben, gibt mir die Sicherheit eines Fallschirms. Um die Metapher abzukürzen, meine Eltern sind mir sehr wichtig, obwohl ich alt genug wäre, eine eigene Familie zu gründen. Ja manchmal habe ich das Gefühl, dass ich meine Eltern mehr brauche als sie mich.

Auch die Auswertungen der angesehenen SHARE-Studie zeigen, dass Eltern zwischen 50 und 75 ihre Kinder in einem höheren zeitlichen Ausmaß unterstützen als ihre Kinder sie. Eltern sind und bleiben also die zeitlichen Netto-Geber bis ins hohe Alter. Dass wir heute unsere Jugendphase hinauszögern, führt dazu, dass viele selbst in ihren 30ern noch von den Eltern überfürsorglich umsorgt und im Alltag sowie bei Entscheidungen unterstützt werden. Die Wichtigkeit unserer Eltern schwindet also nicht, sondern wächst.

Eva Reisinger Essay

Neue Lebensphase: Weder Mutter noch Tochter

Und noch etwas hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte verändert: Statistisch gesehen gründen wir immer später Familien. 1985 bekamen Frauen in Österreich im Schnitt mit 24 Jahren ihr erstes Kind. 2013 lag das durchschnittliche Gebäralter bereits bei 29 Jahren. Nach dieser Statistik hat sich in den letzten 20 Jahren eine neue Zwischenphase von mindestens fünf Jahren eröffnet, in der wir weder Kinder noch Mütter sind, sondern eben irgendwo dazwischen. In einem Zwischenraum. Weil es diese Phase bisher in dieser Form nicht gab, fällt uns die Definition und Rollenfindung besonders schwer. Unsere Leben werden zudem immer flexibler und bewegter, in jeder Hinsicht. Genau darum sehnen wir uns wieder nach unseren Eltern. Die Psychologie beschreibt diese Phase mit dem Begriff „Emerging Adulthood“.

Wie schwer es uns fällt einzugestehen, dass unsere Eltern nicht unsterblich sind, hängt zudem davon ab, wie wir erzogen wurden. Befunde der Helicopter-Parenting-Forschung zeigen, je schwerer es Eltern fällt, ihre Kinder in die Selbstständigkeit zu entlassen, umso schlechter können sich auch ihre Kinder emotional lösen. Einen kleinen Anteil von Mitverantwortung, dass wir nicht aus dem Nest rauskommen, tragen also auch unsere Eltern.

Der Generationsunterschied

Darüber streite ich manchmal auch mit meiner Schwester. Sie ist 37, hat einen Mann, zwei Kinder, ein Haus und ein geregeltes Einkommen. Im Grunde hat sie alles, was ich nicht habe. Man könnte sagen, unsere Einstellungen symbolisieren die unterschiedlichen Generationen. Sie schätzt unsere Eltern genauso sehr wie ich, aber vordergründig ist sie heute trotzdem Mutter und nicht mehr Tochter. Darum jagt ihr das Alter unserer Eltern keine Angst ein. Bei all diesen Gedanken wird mir zudem immer bewusster, dass ich nicht weiß, ob ich jemals das große Paket: Familie, Haus und Garage haben werde oder auch will.

Vielleicht werde ich nie mein Nest bauen und lieber weiter auf der Achse sein. Eines weiß ich aber mit Sicherheit, mein Leben wird in nächster Zeit weiterhin instabil bleiben, darum brauche ich meine Eltern so dringend als eine Konstante.

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Sie ist 37, hat einen Mann, zwei Kinder, ein Haus und ein geregeltes Einkommen. Im Grunde hat sie alles, was ich nicht habe.

Zu akzeptieren, dass unsere Eltern nicht für immer da sein werden, gehört nach Martina Beham-Rabanser grundsätzlich zum Prozess des Erwachsenwerdens dazu. Sie ist auf Eltern-Kind Beziehungen spezialisiert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Johannes Kepler Institut in Linz: „Die Angst seine Eltern zu verlieren ist zutiefst menschlich. Ich würde sagen, dass der Schmerz kein Zeichen des mangelnden Erwachsenseins, sondern vielmehr ein Ausdruck tiefster Verbundenheit zu den Eltern, ist.“ Geht es nach Beham-Rabanser, lernt man mit dem Alter besser damit umzugehen. In Wahrheit muss aber auch ich mir eingestehen, dass es einen Tag geben wird, an dem meine Eltern nicht mehr da sein werden, ob es mir nun passt oder nicht.

Diese Vorstellung darf traurig machen, Angst einjagen, aber erwachsen zu sein, bedeutet eben auch Verantwortung zu übernehmen. Dazu zählt das Altern der eigenen Eltern zu akzeptieren und vermehrt für sie da zu sein. Denn es ist an der Zeit etwas zurückzugeben, zu einer Konstanten ihres Lebens zu werden.

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