An was glaubst du eigentlich?

Glaube Religion

Immer wieder schreibe ich über Religion oder über religiöse Menschen. Über einen 22-jährigen Priesterseminaristen, eine Hipster Pastorin oder eine Imamin, die eine feministische Moschee in Berlin eröffnet und nun unter Polizeischutz steht. In den Gesprächen versuche ich zu verstehen, an wen oder was diese Menschen glauben. Um nachvollziehen zu können, warum manche Menschen noch an einen Gott glauben, diesem ihr ganzes Leben widmen, obwohl viele von uns das Thema Religion doch längst abgeschrieben haben.

„Glaubst du an Jesus?“

Als Journalistin kann ich mich bei diesen Themen meist geschickt ausklammern. Ich beobachte, frage und schreibe. Mein eigener Glaube ist dabei zweitrangig. Bis ein Anfang 20-jähriger Priesterseminarist nicht locker ließ. Plötzlich drehte sich das Interview um und er stellte mir die Fragen.

„Glaubst du an Jesus?“

„Nein.“

„Also glaubst du an Nichts?“

„Naja, nicht an Nichts?“ „

„Ja, an was glaubst du denn?“

„Naja“

Und da war sie. Die Frage, auf die ich keine so wirkliche Antwort weiß. Und mich auch lieber vor ihr drücke. Religion spielte in meiner Kindheit immer eine automatische Rolle. Ich wurde getauft, später trug ich ein weißes Kleid und eine Kerze zur Erstkommunion und dann zu meiner Firmung neben einem fetten Pickel auf meiner Nase einen grausigen orangen Nadelstreifanzug. Wie man merkt, woran ich mich erinnern kann, sind meine Outfits, die Aufregung und Freude im Mittelpunkt meiner Familie zu stehen. An Gott aber eher weniger. Keine Offenbarungen.

Spätestens bei der Kirchensteuer stellt sich die Frage, an was man glaubt

Spätestens beim ersten eigenen Gehalt und dem damit verbundenen Brief der Kirchensteuer, stelle ich mir die Frage, in wie weit ich wirklich eine Verbindung zu Religion oder gar zur katholischen Kirche habe. Je mehr ich darüber nachdenke und auch darüber spreche, desto mehr wird mir klar, dass das niemand sonst macht.

Das Thema eignet sich nicht grade als Partythema und auch nicht zwischen den Sexgeschichten einer Freundin. Und selbst bei wirklich guten Freunden bin ich mir nicht sicher, an wen oder was sie glauben. So ganz ohne Ironie.

Maßgeblich dabei ist sicherlich, dass Glaube an sich ziemlich uncool geworden ist. Wenn jemand an Etwas glaubt, dann spricht er eher nicht darüber. Privatsache. Gleichzeitig spamen wir uns voll mit positiven Denk-Philosophien und Sätzen. Menschen zahlen viel Geld, um mit Mönchen in einem Kloster in Thailand zu leben oder kaufen sich Bücher von Yoga-Gurus, die nicht selten religionsähnliche Ansätze verkaufen. Ich hab lange darüber überlegt, ob ich dieses Thema in einem Text thematisiere. Ja doch irgendwie ziemlich intim. Eine Privatsache.

Glaube an sich verliert immer mehr an Stellung. Auch wenn man sich die Zahlen dazu anschaut. Etwa 23 Prozent der jungen Deutschen beschreiben sich selbst als religiös. Und trotzdem glauben wir doch alle an Schicksal, tun Gutes um Gutes zu erfahren, suchen einen tieferen Sinn im Leben oder sammeln Karma. Ich war mir sicher, nichts anderes wie Distanz zur katholischen Kirche zu wollen. Zu viele Diskrepanzen: LGBD Rights, Verhütung, die Herabwürdigung der Frau.

Am Ende des Tages tut es gut, an Etwas zu glauben

Gleichzeitig habe ich auch gesehen, dass in wirklich schweren Phasen im Leben, wenn Menschen krank werden oder sterben, es verdammt gut tut, am Ende des Tages an das Gute in der Welt zu glauben. Zumindest um es sich selbst einreden zu können, nicht allein damit zu sein.

Natürlich kann Religion genauso etwas sehr Gefährliches sein, missbraucht und instrumentalisiert werden. Oft wird der Glaube oder Gott als ein Totschlagargument verwendet, um Menschen zu unterdrücken oder das eigene Gehirn und die Verantwortung abzugeben.

Ja, vielleicht ist meine Einstellung zum Glauben eine feige, aber mir wurde klar, dass ich nicht an die Kirche oder das Testament oder den Papst glauben muss, um zu wissen, dass ich nicht allein bin. Ich bin mir sicher. Irgendeine Macht gibt es. Kirche, nein. Testament, nein. Und jetzt wird es kompliziert, denn kann man an einen Gott glauben, der nichts mit der Kirche, Jesus und dem Ave-Maria zu tun hat? Und genauso Allah sein kann?

Ich denke schon. Ja, mein Verhältnis zu Gott ist komplex. Ich glaube in einer sehr differenzierten Weise an ihn. Unser Beziehungsstatus: kompliziert.

Credit:Foto erik cid via Creative Commons Lizenz 

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