getroffen: Adrineh Simonian

Die ehemalige Opernsängerin Adrineh Simonian produziert experimentelle und feministische Pornografie in Wien. Ich habe sie für Broadly. getroffen und mit ihr über Feminismus und ihre Arbeit gesprochen. 
Und auch darüber warum Frauen in meiner Generation endlich zu ihrer Lust stehen sollten.

Adrineh Simonian hat als Mezzo-Sopranistin an der Wiener Oper gesungen. Mit 42 kündigte sie ihren Job, um feministische Pornografie in Wien zu produzieren, weil sie fand, dass die Mainstream-Pornos nichts mit ihrer Sexualität zu tun hatten. Adrineh wollte Filme machen, die sie sich auch selbst gerne ansehen würde. Zu Beginn wusste sie nicht einmal, wie man eine Kamera einschaltet. Filmen und Bearbeitung lernte sie sich selbst. Heute produziert die ehemalige Opernsängerin hauptberuflich Clips wie „Blinddate“, wo zwei Menschen mit verbundenen Augen miteinander schlafen, die sich noch nie zuvor gesehen haben.

Adrineh Simonian

Liebe Adrineh, du hast 15 Jahre an der Wiener Oper als Mezzo-Sopranistin gesungen. Vor einem Jahr hast du dich dazu entschieden, feministische Pornos zu produzieren. Wie bist du darauf gekommen?

Adrineh Simonian: Eines Tages tranken wir in der Kantine einen Kaffee und neben uns saßen Leute, die sich über Pornografie unterhalten haben. Die Männer haben geprahlt und die Frauen haben gesagt: „Furchtbar, wir schauen doch keine Pornos”. Ich bekam ihr Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Dann habe ich begonnen zu recherchieren und bin auf die Filme von Petra Joy und Erika Lust gestoßen. Mich interessiert vor allem die Psychologie hinter der Sexualität. Dazu konnte ich keine Pornografie finden. Dann dachte ich mir, OK, sowas gibt es noch nicht, das könnte ich doch machen. Diese Gedanken habe ich dann mal ein paar Monate sacken lassen und mich mit Kameras und dem ganzen technischen Hickhack beschäftigt.

Ein heftiger Schwenk, oder?

Nein, finde ich gar nicht. Singen ist etwas sehr Körperbetontes. Um die Techniken zu lernen, brauchst du viele Jahre und musst deinen gesamten Körper einsetzen und kennen. Für mich als Sängerin war die Rolle, die ich gespielt habe, immer viel wichtiger als die Stimme. Ich wollte authentisch sein.

Wie haben deine Kollegen reagiert?

Ich habe nur gesagt, dass ich eine Firma gründe. Was ich genau mache, haben 99 Prozent nicht gewusst. Als Arthouse Vienna dann online ging, war ich schon von der Oper weg.

Wie arbeitest du genau? Nur mit Profis oder auch mit Amateuren?

Also mein Projekt „Blackbox“besteht zum Beispiel nur aus Amateuren. Der Mann in der „Lets-Fuck-Porn“-Reihe ist ein Pornodarsteller. Ich arbeite nicht mit Mainstream-Pornografen, sondern nur mit Darstellern, die auf feministische Pornografie oder andere alternative Richtungen spezialisiert sind.

Bilddate Arthouse Vienna

Wenn Menschen das erste Mal vor deiner Kamera stehen, haben sie dann Angst?

Ja, natürlich. Ihre Angst ist immer dieselbe, dass sie unästhetisch im Internet dargestellt werden. Mein ursprüngliches Ziel war es ja, Frauen in meinem Alter zu filmen. Aber genau meine Generation macht das nicht. Ich höre dann immer: ;Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht, darum ein paar Kilo zu viel, ich habe Cellulite, ich bin alt oder wer will mich schon sehen.’ Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass die Leute sie sehen wollen. Sie wollen ‚echte‘ Frauen sehen. Aber ich verstehe ihre Angst total.

Wie funktioniert deine Produktion, besprecht ihr, was im Film passiert?

Egal mit wem, wir schicken zuerst immer lange E-Mails hin und her. Dabei können sie mich alles fragen, was sie interessiert. Wenn die Leute später bei mir vor der Tür stehen, darf man sich nicht vorstellen, dass ich sage, ‚so und jetzt ausziehen und los.‘ Sondern man trinkt einen Kaffee, redet über Politik, Kunst und Gott und die Welt. Dann zeige ich ihnen alles, mache die Kameras an und sie ziehen sich um oder aus. Ich wünsche ihnen viel Spaß und gehe raus.

Du bist also nie dabei?

Nur bei Pärchen bin ich dabei. Da gibt es zu viel Bewegung beim Sex und ich muss selbst filmen. Ich habe bisher nur drei Paare aufgenommen, zwei davon sind noch online. Den dritten Film musste ich rausnehmen. Das Mädchen wollte unerkannt bleiben und eine Maske tragen. Sie wurde aber trotzdem erkannt, darauf angesprochen und geriet total in Panik. Das ist eine Frage der Ethik für mich. Ich kann nur Videos hochladen, bei denen die Menschen zu hundert Prozent dahinter stehen. Wenn sich jemand unwohl fühlt, auch nach einem Jahr, dann nehme ich das raus.

Arthouse Vienna Team

Kann man mit feministischer Pornografie Geld verdienen? 

Der österreichische Markt ist natürlich zu klein. Aber Deutschland, Schweiz und Österreich zusammen funktioniert gut. Die Leute zahlen gerne für die Filme, weil es so etwas noch nicht gibt. Es erstaunt mich auch sehr, dass auf unserer Seite vor allem Männer sind.

Warum ist das so?

In der Mainstream-Pornografie siehst du gar nichts von der weiblichen Lust, als würde sie gar nicht existieren. Ich glaube, dass meine Filme eine edukative Richtung angenommen haben. Männer sind interessiert an der weiblichen Sexualität. Sie wollen mehr erfahren und auch mehr können. Um ihre Partnerinnen „richtig“ zu berühren und ihnen zu geben, was ihnen guttut.

Du beschreibst deine Filme als ästhetisch. Geräusche und Flüssigkeiten beim Sex sind aber oft das Gegenteil.

Genau das will ich zeigen. Ästhetik bedeutet nicht, dass es etwas Schönes sein muss. Es gibt eine hässliche Ästhetik, aber auch eine schöne. Mein Film „Die Party“ fängt auch damit an, dass eine Frau orgiastisch und sexy Erdbeeren isst, endet aber damit, dass die beiden Körper voll mit Schokolade, Schlagsahne, Birnen und Bananen verschmiert sind. Das ist für mich aber auch eine Form der Ästhetik. In meinem ersten Video waren MadKate und Ganymed. Kate meinte zuvor, sie habe ihre Tage und ich antwortete ihr nur, es hätte nichts Besseres passieren können. In einem Teil des Filmes sieht man auch, wie er ihr ihren Tampon rauszieht und sein Körper später blutverschmiert ist. Mir war sehr wichtig, das zu zeigen.

Die Gesellschaft bläut uns schon als junge Mädchen ein, dass wir keinen Sex haben sollten, wenn wir unsere Tage haben. Auch wenn wir das möchten. Glaubst du, dass deine Filme uns zu selbstsicheren Frauen machen können?

Ich glaube, dass durch Filme, in denen Tabus gezeigt werden, eine Öffnung entstehen kann. Alles, ganz unabhängig von Pornografie, was neu ist, macht dem Menschen Angst. Wenn etwas Neues auf uns zukommt, müssen wir uns damit konfrontieren. Dann sieht man nämlich, dass es nichts Schlimmes ist.

Blinddate Arthouse Vienna

Manche Feministinnen sagen, dass Pornografie und Sexismus zwei Gegenpole sind, die nicht zusammengebracht werden können. Was siehst du das?

Das ist absoluter Blödsinn. Ich glaube, dass der Feminismus heute ein anderer ist. Idole wie Alice Schwarzer, Catharine MacKinnon oder Andrea Dworkin vertraten ja die Meinung, dass es in der Theorie Porno ist, in der Realität aber Vergewaltigung. Es gab sicherlich Produktionen, wo es schlimm zuging, aber das war nicht nur in der Pornografie der Fall. Durch den Feminismus haben die Frauen langsam begonnen, sich zu öffnen und sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Warum sollten wir unsere Sexualität tabuisieren? Das schadet nur uns selbst. Für mich geht Feminismus und Pornografie darum Hand in Hand. Petra Joy setzt in ihren Filmen zum Beispiel Dogmen. Du siehst nicht, dass ein Mann einer Frau ins Gesicht ejakuliert—mit der Begründung, das sei demütigend für die Frau. Es gibt Frauen, die das mögen. Und wenn ich ein Pärchen habe, das sagt, ‚wir wollen das machen, weil die Frau das mag‘, soll ich dann sagen‚ nein, das ist ja demütigend für sie‘? Für eine Frau ist es nur dann demütigend, wenn sie es nicht möchte und man es dennoch macht. Ja, das ist schlimm und auch illegal. Ich kann keine Dogmen für die Lust setzen, denn sie lässt sich nicht generalisieren. Ich sehe Pornografie und Feminismus als eine Hassliebe. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass sich die feministische Pornografie weiterentwickelt. Auch die Männer bemerken erst langsam, dass es weibliche Lust gibt. Es geht nicht nur um rein und raus.

 

Noch mehr zum Thema Feminismus und Pornografie, findest du auf Broadly. 

|Foto Credit Screenshots via Making of BLIND DATE von Arthouse Vienna |

getroffen: Gabriel Steiner

Während sich ein Großteil der Jugend nicht mehr als religiös bezeichnet oder sich für die Kirche interessiert, möchte der 22-Jährige Gabriel Priester werden. Ich habe ihn für ze.tt besucht und gefragt, warum er bereit ist, sein Leben Gott zu widmen.

Gabriel Steiner Priesterseminar Innsbruck

|erschienen auf ze.tt am 31.10 |

Mit etwa acht Jahren wollte Gabriel Steiner Ministrant werden. Er kam von der Schule nach Hause und erzählte seiner Mutter von seinem Wunsch. Sie sah ihn an und antwortet: „Sicher nicht! Du bist bereits bei den Pfadfindern, den Fischern und der Trachtengruppe, das wird dir zu viel.“ Mit dem Nein der Mutter war die Diskussion damals beendet, erinnert sich Gabriel heute. Gabriel kommt aus einer Mittelschicht-Familie, die nie besonders religiös war.

Sonntags besuchten sie meistens die Kirche. Wenn sie mal keine Zeit hatten, war das auch kein Problem. Mit etwa elf Jahren ging Gabriel nach der Messe zum Pfarrer in seiner Heimatgemeinde in Vorarlberg sagte: „Ich will auch einmal Pfarrer werden.“ Der Pfarrer sprach ihm gut zu, belächelte ihn jedoch für seine kindliche Naivität. Die Mesnerin hörte das Gespräch mit. Am nächsten Tag wusste das ganze Dorf Bescheid. Von da an war Gabriel für alle nur mehr der „Pfarrer“.

„Obwohl ich das nur einmal gesagt habe, sahen viele in mir nur mehr einen zukünftigen Pfarrer. Ich hab eigentlich keine Ahnung warum“, erzählt Gabriel. Heute ist er 22 Jahre alt, hat kurze braune Locken, ein rotes Porzellankreuz an einem Lederband um den Hals. Er lacht viel, während er mit starkem Vorarlberger Akzent erzählt. Wir sitzen im Wohnzimmer des Priesterseminars in Innsbruck auf grünen Sofas, die aus den 90ern stammen könnten. Gabriel trinkt Rotwein und freut sich über Besuch.

Seit eineinhalb Wochen studiere und lebe er jetzt im Priesterseminar in Innsbruck, erzählt er. Zuvor war er für das sogenannten Propädeutikum ein Jahr in Linz. In dieser Zeit sollen die Seminaristen die Entscheidung ihr Leben Gott zu widmen, hinterfragen und mit sich selbst ins Reine kommen. Gabriel wollte auch nach diesem Jahr noch Priester werden. Doch das war nicht immer so.

Gebetsbuch

Verlorenheit nach dem Abitur

„Nach dem Abitur fragen einen die Leute ja immer, was man machen will. Ich konnte diese Frage nicht mehr hören“, erzählt Gabriel. Denn er wusste nicht, was er werden wollte. Zu viele Interessen, zu viele unterschiedliche Ideen standen ihm im Weg. Er wollte etwas mit Musik machen, aber nicht Musik studieren. Etwas Soziales, aber kein Sozialarbeiter werden. Dann kam ihm der Einfall: Agrarökologie. Warum genau Agrarökologie, wusste er nicht. Er weiß es bis heute nicht.

Im Zivildienst nach seinem Abitur arbeitet er dann in einer Propstei, einem Begegnungszentrum des Klosters Einsiedeln. An einem seiner ersten Tage dort, kniete er mit einer Kollegin in einem Beet und jätete Unkraut. „Wir kannten uns noch überhaupt nicht und führten Smalltalk“, sagt Gabriel. Dann meinte sie plötzlich: „Warum wirst du eigentlich kein Pfarrer?“ Gabriel machte das wütend, ja fast zornig. Er zermarterte sich seit Monaten den Kopf und dann erklärte ihm eine unbekannte Person das, was er sich schon so lange überlegte. „Ich habe mich ständig gefragt, ob ich nur das in mir sehe, was die anderem sehen, oder ob es wirklich der richtige Weg für mich ist.“ Gabriel dachte lange darüber nach. Und dann entschied er sich. Er schrieb dem Regens eine E-Mail.

Der Regens ist in etwa so etwas wie der Direktor des Priesterseminars, nur dass er sich zusätzlich mit jedem einzelnen Seminaristen und dessen Ausbildung beschäftigt. Bevor Gabriel die E-Mail abschickte, zeigte er einem befreundeten Pfarrer den Brief. „Das war eine interessante Situation“, erinnert sich Gabriel. Der Pfarrer sah ihn an, sagte lange nichts und antwortete ihm dann ganz nüchtern: „Gabriel, allein der Weg ist es wert, dass du das machst.“

Am selben Abend schickte er die Mail ab, erzählte jedoch niemanden davon. „Als ich auf Senden gedrückt hatte, dachte ich mir schon: Gabriel, du bist verrückt.“ Denn die meisten hier im Priesterseminar hätten einen Grund: eine spezielle Begegnung, ein Erlebnis oder Faszination für Liturgie oder Sakramente. Irgendwas eben. Gabriel hat keinen Grund. Das sagt er immer wieder. Und trotzdem ist er sich sicher, dass er hier sein will.

Gänge Priesterseminar Innsbruck

Alte Zeiten im Priesterseminar

Nach dem Brief lud ihn der Regens zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Ich habe mich damals sehr über die Mail von Gabriel gefreut“, erinnert sich Regens Roland Buemberger. In den 60er Jahren lebten noch um die 100 Seminaristen im Priesterseminar in Innsbruck. Das sei heute mit vierzehn Seminaristen natürlich ganz anders. „Aber man darf nicht immer alles nur negativ sehen“, sagt Buemberger mit einem Grinsen auf den Lippen. „Dafür ist die Betreuung heute individueller. Ich kann mich jedem widmen“.

Nur weil es heute weniger Anwärter gäbe, würde trotzdem nicht jeder genommen werden, erklärt er. Im Gegenteil. Als zukünftiger Seelsorger habe man schließlich eine Verantwortung. Oft kämen Männer mit psychischen Problemen oder Menschen, die Macht ausüben wollen. „Denen muss ich natürlich ablehnen. Auch wenn jemand sagt, er will Priester werden, weil er Frauen und Familie hasst, dann muss man das kritisch sehen“, so der Regens. Bei Gabriel hatte er aber ein gutes Gefühl.

Im Sommer letzten Jahres ging Gabriel den Jakobsweg. Danach erzählte er seinen Eltern von seinem Plan Priester zu werden. „Meine Mama ist lange vor mir gesessen und hat gar nichts gesagt. Ich glaube, sie hätte sich gewünscht, dass ich ihr früher davon erzählt hätte“, so Gabriel. Aber seine Familie unterstütze ihn auf seinem neuen Weg. Im Herbst startete er das Propädeutikum. Heute, ein Jahr später hat Gabriel angefangen, Theologie zu studieren und wohnt im Priesterseminar in Innsbruck, das einem durchschnittlichen Studentenheim gar nicht so unähnlich ist. Jeder hat ein eigenes Zimmer und muss auf die anderen Rücksicht nehmen. Dreimal täglich wird gemeinsam gebetet und gegessenen: morgens, mittags und abends. „Man darf nicht vergessen, die ersten WGS, die es gab, waren schließlich die Klöster und die Priesterseminare. Dort wohnten schon vor hundert Jahren Männer gemeinsam“, so Buemberger.

Heute sei das Leben hier zudem viel lockerer. Früher, noch vor seiner Zeit hier, hatten die Seminaristen keine eigenen Schlüssel. „Um Punkt 19 Uhr wurden die Tore geschlossen und jeder musste da sein“, erzählt der Regens. Angeblich hätten aber die Seminaristen, die im Erdgeschoß wohnten, oft ein Fenster für die anderen offen gelassen. Der Regens schmunzelt, während er davon erzählt. „Jeder ist freiwillig hier und ich halte gar nichts von Angstmache“, sagt Buemberger. „Schließlich sollen die Seminaristen später ihre Gemeinden ja auch nicht durch Angst führen.“

Gemeinsames Essen Priesterseminar

„Na klar darf ich trinken und feiern gehen“

Jeder im Haus hat seine Aufgaben. Gabriel ist zum Beispiel dafür zuständig, dass die Bar immer voll ist. Ich bin neugierig und frage ihn, was er denn jetzt als werdender Priester nicht tun dürfe. „Ich darf eigentlich alles mit Maß und Ziel, auch Alkohol trinken.“ Wenn er am Wochenende zuhause ist, ginge er auch feiern. Ich sehe Bilder davon auf Facebook, wie er mit Freunden gemeinsam Bier oder Shots trinkt.

Das Thema Frauen sei schon schwieriger. Gabriel hatte noch nie eine richtige Freundin, eher eine „platonische“, wie er sagt. „Ich weiß letztendlich nicht, ob ich etwas verpasse. Aber ich kann es sowieso nicht erzwingen. Ich war immer offen für eine Beziehung und bin es auch jetzt noch“, so Gabriel. Das überrascht mich. Und was würde er dann tun, wenn er sich verlieben würde, frage ich ihn. „Naja, wenn ich mich wirklich verliebe, dann muss ich das mit dem Priesterplan wohl neu reflektieren“, sagt er ernst.

Auch für den Regens ist Liebe kein Tabu-Thema. „Wenn sich jemand verliebt, bekommt er Zeit, um die weiteren Entscheidungen für sich zu prüfen. Man kann sich beurlauben lassen, um zu sehen, wie sich die Beziehung entwickelt. Außerdem hoffe ich, dass in der Zukunft das Zölibat kein Zwang mehr sein wird“, so Buemberger. Man müsse sich immer fragen, was die Kirche dadurch verlieren würde. „Ich würde sagen: Gar nichts! Sie würde sehr talentierte Priester dazu gewinnen“, ist er sich sicher. Buemberger erzählt mir, dass es ihn manchmal richtig traurig mache, wenn er sehe, dass tolle Priester ihren Beruf aufgeben, weil sie eine Familie gründen wollen.

Junger Priester Orgel

Unverstaubte Orgel-Klänge

Seit er dreizehn Jahre alt ist, spielt Gabriel Orgel. Er öffnet das Holz über den Tasten, stellt ein paar Regler um und beginnt. Was er spielt, klingt so ganz anders, als ich es erwartet hatte. Es hat nichts mit den anstrengenden und tiefen Tönen zu tun, die ich aus der Kirche kenne. Es klingt eher nach Swing. Gabriel bewegt sich im Takt dazu, er genießt das Spielen. Dann spielt er noch ein Jazz-Stück. Ich sehe ihn nur verdutzt an und er lacht mich aus. Während er spielt, glitzert die Sonne durch die Kirchenfenster in der Kapelle. Bis auf die Musik ist es ganz leise.

Dann packt Gabriel seine Bibel ein, wir gehen zum Frühstück. In der Hand hält er sein eigenes Ovomaltine. Beim Frühstück kommen alle Seminaristen vor der Uni zusammen. Mich erinnert das Buffett und die Möbeln etwas an meinen Schul-Ski-Kurs. Am Freitag ist ihr Gemeinschaftsabend. Die Seminaristen und der Regens diskutieren über mögliche Filme. Andere reden über Lehrveranstaltungen und Anwesenheitspflicht. Über gute und schlechte Professoren. Sie reden eben wie ganz normale Studierende. Auch sie sind manchmal frustriert.

Jeder am Tisch ist interessiert an meinem Glauben. Warum ich nicht an Jesus glaube, wollen sie wissen. Manche hören zu, Gabriel will mit mir diskutieren, er versucht mich zu überzeugen. Sein Glaube ist für ihn wichtig. Auch was in der Bibel steht. Für Gabriel sind die biblischen Erzählungen und Gefühlswelten der Psalmen etwas, das nie an Aktualität verlieren wird und zum Menschen dazugehört.

Die jungen Männer im Priesterseminar haben sich für ein ganz anderes Leben entschieden. So ganz anders als ich und die meisten von uns. Sie leben für Gott, für Jesus. Ich hätte es nicht erwartet, aber dass diese jungen Menschen einmal Priester sein werden, gab mir etwas Hoffnung. Denn mit verstaubtem Orgelgesang und Engstirnigkeit hat mein Besuch in der Kirche so gar nichts zu tun.

| Fotos Credit: Eva Reisinger|

getroffen: 5 junge Frauen erklären, warum sie gerne masturbieren


Wir sind die Generation der Unverbindlichkeiten. Viele haben Nicht-Beziehungen, tindern sich durch die Nächte und setzen auf wechselnde Partner statt die große Liebe. Auf der Suche nach was? Unkompliziertem Sex. Gesellschaftlich ist das mittlerweile kein Tabu mehr. Aber wie steht es eigentlich um die reinste Form der puren Körperlichkeit? Masturbation ist schließlich nicht nur dann eine Alternative, wenn es gerade nicht matched. 

Schon die ägyptische Königin Kleopatra scheint vor 2000 Jahren auf diesen Trichter gekommen zu sein. Sie stimulierte ihre Klitoris mit einem Papyrussack voller Bienen. Im 19. Jahrhundert erfand dann der britische Arzt Joseph Mortimer Grandville einen Vibrator, um die Verspannungen seiner männlichen Patienten zu lösen. Später wurde mit den damit ausgelösten Orgasmen auch die „weibliche Hysterie“ behandelt. Diese ominöse Modekrankheit wurde von der Gebärmutter ausgelöst und ließ Frauen scheinbar verrückt werden. Das einzige was ihnen zu helfen schien war Selbstbefriedigung. 

 Masturbation ist kein neues Thema und wurde von Dr. Sommer schon in allen erdenklichen Facetten offenbart. Sado Maso, feministische Pornos, Fetische und variable Geschlechter-Konstellationen: In Sachen Sex scheint alles erlaubt zu sein. Aber die Liebe zu uns selbst bleibt die ewige Nebenrolle. Ich habe fünf junge Frauen gefragt, warum unverbindlicher Sex mit uns selbst mehr als eine heiße Affäre ist.

Masturbation

|erschienen im BLONDE Magazine| BASIC ISSUE

Zeynep*, 26

Sich selbst anzufassen oder einfach nur zu streicheln steigert das Selbstgefühl. Das muss auch gar nicht sexuell sein. Für mich war Selbstbefriedigung immer ein Weg Kontakt zu meinem Körper herzustellen und herauszufinden, was mir gefällt. Ich finde das sollte jeder machen, bevor man überhaupt an Sex denkt. Ich brauche lange, um Vertrauen zu einer Person aufzubauen und habe darum keine One-Night-Stands. Außerdem bin ich ein ziemlicher Hypochonder. Ich habe andauernd Angst schwanger zu werden oder eine Geschlechtskrankheit zu bekommen, darum kommt Casual Sex mit irgendwem für mich nicht infrage. Deshalb muss ich mir da selbst helfen. Das kann schön und sinnlich sein, es ist aber mehr ein Solo-Date und kein Ersatz für Sex. Meistens denke ich dabei an Sex mit Menschen, der tatsächlich stattgefunden hat und den ich schön fand. Oder an Menschen, die ich süß finde, mit denen ich nichts hatte – aber keine Stars. Naja wobei: Jan Böhmermann hab ich mir letztens mal vorgestellt. Dazu käme es im realen Leben wohl eher nicht.

Sara*, 24

Es kommt oft vor, dass ich wirklich Lust auf Sex habe, aber grade einfach niemand verfügbar ist, und dann will ich nicht warten, sondern sofort einen Orgasmus haben. Ich mache es mir gerne selbst, weil ich so von keinem Typen abhängig bin. Ich allein kann bestimmen, wann ich es mache und auch wie oft ich kommen will. Diesen Luxus habe ich beim Sex meistens nicht. Zudem kann da auch nichts schiefgehen. Es ist mir schon öfters passiert, dass ein Typ beim Sex die Stellung gewechselt hat, kurz bevor ich gekommen bin und das war’s dann für mich. Ich bin Single und manchmal frustrieren mich die Männer einfach nur. Bevor ich irgendjemanden mitnachhause nehme, lege ich lieber selbst Hand an. Ich befriedige mich ausschließlich mit der Hand, weil ich so mehr spüre. Für mich ist Selbstbefriedigung wichtig. Ein Orgasmus entspannt mich zudem total. Ich kann mich dann wieder relaxter auf die Suche nach Sex machen. Ich spreche ungerne darüber. Obwohl ich meinen Freundinnen von jedem One-Night-Stand oder Sexabenteuer erzähle, habe ich irgendwie eine Hemmung ihnen von meiner Selbstbefriedigung zu berichten.

Masturbation

Maria*, 25

Ich mach es mir fast jeden Tag selbst, obwohl ich in einer Beziehung bin. Ich liebe den Sex mit meinem Freund, aber ich will es nicht von ihm abhängig machen, wann ich einen Orgasmus habe oder nicht. Manchmal mache ich es mir auch nur aus Langeweile zuhause. Beim Lernen für die Uni hilft es mir auch als Belohnungsfaktor. Ich denk mir, diese Seiten lerne ich noch und dann belohne ich mich selbst mit einem Orgasmus dafür. Ich befriedige mich immer mit meinem Vibrator, den ich an mein Höschen halte. Dazu schau ich mir Pornos an. Am liebsten Lesben-Pornos, weil die nicht so entwürdigend für Frauen sind und ich nicht andauernd sehen will, wie Männer einen geblasen bekommen oder Frauen ins Gesicht gespritzt wird. Meinem Freund habe ich davon noch nie erzählt, für ihn wäre das eine Bedrohung für seine Männlichkeit und ich will ihn nicht kränken. Die Selbstbefriedigung mache ich nur für mich selbst und das hat nichts mit ihm oder unserem Sex zu tun. Außerdem ist es schön, so ein kleines Geheimnis zu haben.

Lisa*, 26

Für mich ist Selbstbefriedigung etwas ganz Normales, es gehört einfach zur Sexualität dazu. Leider sprechen wir viel zu wenig darüber. Auch ich selbst. Ich frage mich bei Leuten, die sagen, sie tuen es nicht, ob sie lügen weil es ihnen unangenehm ist oder wirklich nie machen. Manchmal befriedige ich mich eine Woche nicht und dann drei Mal am Tag. Ich mach es gerne mit der Hand und manchmal auch ganz Klischeehaft mit dem Duschkopf. Dabei denke ich an Männer, mit denen ich in diesem Moment gerne Sex hätte. Ich mache das aber nicht als Ersatz dafür. Bei der Selbstbefriedigung geht es mir nur um den Orgasmus, beim Sex um das Gemeinsame. Für mich sind das zwei unabhängige und wichtige Dinge.

Masturbation

Marina*, 24

Du hast alle Zeit der Welt, kannst die Musik hören, die dir gefällt und du musst dich um niemand anderen kümmern. Das kann hin und wieder sogar besser als Sex sein. Zudem kann ich in mich hineinhören und bekomme auch nach Jahren noch ein neues  Gespür für meinen Körper. Ich spreche mit engen Freundinnen gerne über Selbstbefriedigung. Es interessiert mich, wie sie damit umgehen. Aber das ist ein totaler Vertrauensbeweis, ich würde nicht mit jedem darüber sprechen. Es macht mir aber Spaß mit meinem Mitbewohner darüber zu quatschen, da er total neugierig ist und den weiblichen Körper besser verstehen will. In solchen Situationen kann es sogar befreiend und witzig sein, über Selbstbefriedigung zu sprechen. Indem ich mit andern darüber rede, reflektiere ich zugleich auch selbst und bemerke, was mir gut tut und was ich besonders hervorhebe. Ich lerne immer wieder etwas Neues über meine eigene Psyche dazu. Besonders dann, wenn mein Kopf Lust hat, mein Körper sich aber störrisch anstellt und einfach ein klares „Nö“ an mein Gehirn sendet. Woody Allen hat einmal gesagt: Masturbation ist Sex mit jemanden, den ich wirklich liebe. Ich finde, das ist ein treffendes Zitat, denn so sollte es im Idealfall sein. Auf allen Ebenen Spaß mit sich selbst zu haben ist eine hohe Kunst und leider insbesondere Frauen sind noch unsicher sich darüber selbstbewusst auszudrücken. Seit mein neuer (wasserfester)-Vibrator das erste Mal in Berührung mit Wasser kam, rumort er sehr laut und das ist ein dezenter Lustkiller, darum mache ich es mir derzeit weniger oft selbst. Eine Zeit lang habe ich auch versucht mich selbst beim Sex vorzustellen. Wenn ich schon Sex mit mir habe, dann finde ich, ist dies auch ein passender Gedanke.

 

*Namen geändert

|Credit Foto via unsplash.com Creative Commons Zero via Sokoloff Lingerie & Kira Ikonnikova|

Wie ich gelernt habe, über meine Panikattacken zu sprechen

Mein Herz schlägt schneller. Immer schneller. Atmen fällt mir schwer. Als würde jemand auf meiner Brust sitzen oder seine Hand auf meinen Mund pressen. Ein Geschmack von Übelkeit klettert mir die Kehle hoch. Meine Zunge ist trocken. Nein, der ganze Mund. Ich ersticke und verdurste gleichzeitig, irgendwie. Währenddessen steigt Panik in mir auf. Es ist, als müsste ich sterben. Zumindest stell‘ ich es mir so vor. Mein Kopf lässt keine rationalen Gedanken mehr zu, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Für einen Moment glaube ich wirklich zu sterben. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Ich bin überzeugt, dass mein Körper diesen Schmerz für keine weitere Sekunde mehr ertragen kann.

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So fühlen sich Panikattacken an— jedenfalls für mich. Früher dachte ich, Panikattacken seien eine Art Krankheit, die man eben bekommt wie etwa Asthma oder Epilepsie. Eine Krankheit, die man medizinisch behandeln kann. Dann zum ersten Mal vor drei Jahren wurde mir beim Autofahren plötzlich total schlecht. Ich dachte mir nichts weiter. Tja, kann passieren. Als Kind kotzt man schließlich regelmäßig im Auto. Aber es kam immer wieder: im Zug, im Flugzeug, in Gondeln. Darum dachte ich, das muss wohl Platzangst sein. Ich mied enge Räume und Transportmittel. Plötzlich bekam ich es aber auch nachts im Bett. Nie in meinem eigenen, aber an fremden Orten. Fremde Orte, fremde Menschen, ja alles Fremde war plötzlich böse.

Lange dachte ich nicht an Panikattacken. Ich suchte das Problem in meinem Körper. Ging zum Arzt, ließ mich durchchecken. Der sagte nur: alles gut. Aber ich war nicht erleichtert. Ganz im Gegenteil. Das machte mir nur noch mehr Angst. Langsam erkannte ich nämlich, wenn nicht im Körper, dann musste es wohl psychisch sein.

Ab diesem Zeitpunkt versuchte ich mir einzureden, wenn es psychisch ist,  könne ich es auch mit Gedanken bekämpfen. Das machte es aber nur noch schlimmer. Ich hatte keine Lust mehr irgendwas zu unternehmen. Ich wollte nicht mehr reisen, denn ich hatte Angst vorm Flugzeug. Ich wollte nicht mehr ausgehen, denn ich hatte Angst vor der Taxifahrt. Ich wollte nicht mehr trinken, denn ich hatte Angst die Kontrolle zu verlieren. Ich begann Stück für Stück weniger mehr zu machen. Zog mich immer stärker zurück und blieb am liebsten zuhause, in meiner gewohnten Umgebung, unter gewohnten Menschen. Ich wurde zu einem unglücklichen Einsiedler.

An einem Donnerstag im Jänner, ich weiß es noch genau, es schneite gerade, da eskalierte es dann. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto. Anfangs saß ich vorne. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, ich konnte vor Übelkeit nicht mehr atmen. Ich bat meinen Vater, selbst zu fahren. Wir wechselten. Doch auch das Fahren half mir nicht. Mein Herz schlug immer schneller und schneller. Und ich bekam schreckliche Angst zu sterben, wie noch bei keiner Attacke zuvor. Ich fuhr an den Rand der Fahrbahn, zu einem Bushäuschen, und blieb einfach stehen. Stieg aus und kniete mich ins verschneite und nasse Gras. Mein ganzer Körper zitterte, er bebte regelrecht vor Angst.

An diesem Tag erlebten meine Eltern zum ersten Mal, wie meine Attacken wirklich aussahen und dass sie kein Hirngespinst waren, sondern ernst. Nach einigen Minuten in der Kälte beruhigte ich mich. Vertraute Menschen waren das beste Mittel gegen meine Attacken. Zuhause angekommen erklärte mir mein Vater, so könne es nicht weitergehen. Ich bräuchte Hilfe. Ich wusste, er hatte Recht. Nur wer könnte mir noch helfen?

Ich hatte das Glück, dass es eine Bekannte in der Familie gab, die zwar keine Therapeutin ist, aber mit der ich unglaublich gut sprechen konnte und der ich vertraute. Zu ihr ging ich dann und redete und redete. Über das Gefühl, die Angst, die Panik und die Panik, die ich durch die Panik bekam. Mit ihr gemeinsam fand ich  Wege mit den Attacken umzugehen, sie zeigte mir, wie mir Atmen helfen konnte und ich begab mich auf die Suche nach dem Grund dafür.

Eines der Hauptprobleme mit meinen Attacken war, dass ich dachte, ich wäre allein damit. Dass wiedermal nur ich diese Scheißattacken hätte. Ich, der Sonderfall. Je öfter ich aber darüber sprach, umso mehr Menschen erzählten mir von ähnlichen Erlebnissen. Auch wenn sich die Attacken meist durch andere Symptome äußern, so ist die unfassbare Panik und Angst dahinter die gleiche. Das Schlimme an Panikattacken ist nämlich nicht die Attacke selbst, sondern die Angst, dass sie niemand versteht.

Darum finde ich Reden wichtig. Darum ist dieser Artikel wichtig. Denn obwohl es heute ja irgendwie trendy ist, ein bisschen depressiv zu sein und zum Psychiater zu gehen, zumindest wird uns das in Filmen so vorgelebt, will seine psychischen Probleme im real Life niemand zugeben. Obwohl doch jeder von uns so seine Probleme mit sich selbst hat.

Ich schätze mich echt glücklich, dass ich heute nur mehr sehr selten Panikattacken habe und mittlerweile weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss. Aber niemand soll damit allein sein, denn die Psyche darf genauso mal krank werden wie der Körper. Und was ich daraus  gelernt habe: Auszeiten helfen. Für mich sind fünf Minuten am Tag, in denen ich so gar nichts tue, schon genug.

Ein Plädoyer für die Laster im Leben

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„Er war eben so,
war völlig daneben.
Er hat nie geraucht,
ging nie einen heben.
Statt Vinho und Gambas,
Vollmilch und Brot,
und was hat er davon?
Denn nun ist er tot…“

sang Udo Jürgens 2001. Und recht hatte er damit. Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken um ein Laster: das Rauchen. Ganz ehrlich, ich liebe Rauchen. So ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Ich liebe es mir eine neue Zigarette anzuzünden, den ersten Zug zu inhalieren und gegen Ende die Zigarette befriedigt wegzuschnipsen. Zweifelsohne für viele ist Rauchen das Ekeligste der Welt.  Je mehr Zigaretten man raucht, desto ekeliger wird es und desto schlimmer fühlt sich der Geschmack am nächsten Morgen an.

Für mich ist es trotzdem ein Genuss. Eine zu rauchen bedeutet für mich automatisch mir etwas zu gönnen, etwas Gutes zu tun, auch wenn ich natürlich weiß, dass es nicht gut für mich ist. Für mich ist ’ne Zigarette wie ein Stück Schokolade. Und trotzdem geht es mir oft schlecht dadurch. Wir führen eine Hassliebe sozusagen. Ich kann durchs Rauchen weniger weit joggen, bekomme öfter Halsschmerzen, Cellulite am Po, Pickel im Gesicht und klar mit jeder Zigarette steigt auch mein Krebsrisiko.

Mein erster Freund rauchte unglaublich viel. Für seine Sucht und fehlende Stärke damit aufzuhören habe ich ihn verachtet. So wie es mir meine Eltern gelernt haben, rauchen ist böse. Punkt. Kaum war die Beziehung zu Ende, begann ich zu rauchen, welch eine Ironie, ja. Seitdem rauche ich mit einigen Pausen und Aufhörversuchen immer wieder. Ich bin eine klassische Fortgeh- und Nachtraucherin. Niemals käme ich auf die Idee, mir morgens nach dem Aufstehen eine anzuzünden. Aber abends bei Bier oder Wein gehört es für mich manchmal einfach dazu. Seit längerem versuche ich mit diesem Gelegenheitsrauchen endlich ganz aufzuhören, doch so wirklich will das nicht klappen.

Für mich steht dahinter mittlerweile eine viel größere Frage: Bin ich eine konsequente oder inkonsequente Person? Wie will ich sein? Wenn es um Diäten, mehr Sport oder das Rauchen geht, dann bin ich definitiv komplett inkonsequent. Meine Vorsätze, die ich mir zur Motivation meist sogar noch irgendwo hinkritzle, werfe ich nach ein paar Tagen wieder über Bord. Wenn mich dann jemand fragt, ob ich ein Stück Kuchen oder eben ’ne Zigarette möchte, geht mir ein „Nein“ einfach nicht über die Lippen und ich denke mir, warum eigentlich nicht. Und das war’s dann mit den guten Vorsätzen.

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Ich bewundere Menschen, die es schaffen keinen Zucker zu essen, keinen Alkohol zu trinken oder eben wirklich mit dem Rauchen aufhören. Zumindest nach außen hin scheinen die ihr Leben im Griff zu haben. Manchmal wünsche ich mir auch so zu sein. Endlich diszipliniert zu leben. Wie es in all den Frauenmagazinen gepredigt wird: „bewusst leben“ und „bewusst essen“.

Für mich gibt es da nur ein Problem: Spaß macht das keinen. Sich ab und zu eine Fertigpizza reinzustopfen, mit der besten Freundin eine ganze Packung Eiscreme aufzuessen oder eben eine zu rauchen, ist manchmal einfach herrlich. Für mich ist dieses Ausbrechen aus diesem ganzen „Bewusstseins-Lifestyle“ wie Balsam für die Seele. Schließlich wird eh in jeder Hinsicht von einem erwartet zu funktionieren: im Job, in der Beziehung, in der Familie und und und. Bei den 20-Somethings laufen mittlerweile viele kleine Wanna-Be-Erwachsene herum, die alles im Griff zu haben scheinen und immer diszipliniert sind. So wirklich Rock’n’roll ist ja unsere Generation schon lange nicht mehr. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Aber irgendwelche Laster darf man wohl doch noch haben.

Schließlich könnte eines Morgens mich ein Auto überfahren und dann würde ich mir wünschen dieses eine Eis, Glas Wein oder Zigarette noch genossen zu haben. Zu 100 Prozent vernünftig können wir auch später noch sein. Oder wie Udo Jürgens sagen würde:

„Es lebe das Laster,
denn wer brav ist,
wird nirgendwo vermisst.
Erst recht, wenn er daran gestorben ist.“

 

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Was ist eigentlich mit den Österreichern los?

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Seit ich in Deutschland lebe, wird mir eine Frage immer wieder gestellt: „Sag mal, was ist da eigentlich los bei euch in Österreich?“ Ich stammle dann meist nur: „Ja, äh, ist echt schlimm dieser Rechtsruck.“ Sehr viel mehr fällt mir meist nicht ein. Denn es fällt mir schwer zu erklären, was da gerade abgeht. Und noch viel schwerer fällt es mir, das zu begreifen. In Wien werden Flüchtlinge mit Blut beworfen, im Burgenland tauchen „Heil-Hofer“-Schmierereien und Hakenkreuze auf und wir stehen haarscharf vor einem blauen Bundespräsidenten.

Was ist mit meinem Land nur los? Ein Erklärungsversuch.

Ein gängiges Vorurteil gegenüber jungen Menschen ist ja, sie würden sich nicht mehr für die Politik interessieren. Zumindest das kann man in der derzeitigen politischen Situation in Österreich klar verneinen. Kaum jemand hatte keine Meinung zu dieser Wahl. Durch die intensive Wahlberichterstattung wurde es auch geradezu unmöglich sich dem zu entziehen. Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath erklärt das so: „Politikinteresse kann man sehr schwer an einer Generation festmachen. Das Interesse ist dann groß, wenn viel los ist. Spätestens seit dem letzten Jahr mit Flüchtlingskrise und der Finanzkrise zuvor stieg das Politikinteresse klar an. Viele junge Menschen sind aber politikverdrossen.“

Viel los ist in Österreich auf jeden Fall. Im ersten Wahlgang der Bundespräsidentschaftswahl kamen die beiden Vertreter der Großparteien ÖVP und SPÖ gemeinsam nicht einmal auf 22,3 Prozent. Die ersten drei Plätze belegten ausnahmslos Oppositionsparteien oder Unabhängige. So etwas gab es in Österreich bisher noch nie. Seitdem wird viel über mögliche Neuwahlen und den Zerfall der Mitte gesprochen. Seitdem spukt das Gespenst einer möglichen blauen Regierung und eines blauen Bundespräsidenten umher und verbreitet Angst und Schrecken. Auch bei mir. Die Message des Volkes an die Regierungsparteien war eindeutig: Wir wollen euch nicht mehr. Danach blieb nur die Frage offen, ja was wollt ihr denn dann?

Es geht nicht um Protest

Die Zentrumsparteien zerfallen, versagen und enttäuschen ihre Wähler. Darum interpretieren viele Blauwählen als eine Art Protest. Dieser Vergleich hinkt laut dem Forscher Ikrath aber immens: „Die Leute hätten theoretisch auch Richard Lugner wählen können, wenn es ihnen darum gehen würde, wirklich aus Protest zu wählen. Wenn Menschen eine Partei wählen, die in den Umfragen über 30 Prozent hatte, dann hat das nichts mehr mit Protest zu tun, dann stehen die Leute hinter dem, was sie wählen. Oder vorsichtiger ausgedrückt, sie haben zumindest kein Problem mit rechtem Gedankengut und Ausländerfeindlichkeit.“ Diese Einschätzung passt gut zu dem Trend, dass rechts zu sein und rechts zu wählen in den letzten Jahren immer gesellschaftlich legitimer wurde.

Warum die Leute Angst haben wollen

Es heißt, die Blau-Wähler hätten Angst und darum müsse man sie endlich ernst nehmen. Clemens Setz schrieb in der ‚Zeit‘, dass Menschen die FPÖ eben genau wählen würden, weil sie Angst behalten möchten. Sie würden sich bewusst für den Weg entscheiden, auf dem die Angst erhalten bleibt. Auch Ikrath sieht das ähnlich: „Jetzt gerade kann man in Deutschland ja eine Debatte mitverfolgen, die wir in den letzten 20 Jahren in Österreich hatten. Es heißt, die Menschen hätten Angst und würden darum AfD wählen. In Wahrheit geht es aber viel mehr um Paranoia, in Österreich genauso wie in Deutschland. Die Leute haben den Glauben an die Politik und die da oben total verloren und flüchten sich stattdessen in die totale Paranoia.“

Die Menschen glauben also nicht mehr an Eliten oder Politiker. Man muss erwähnen, dass dieser Glaubensverlust keinesfalls aus dem Nichts gekommen ist. „Diese Theorien sind zwar Mist, aber sie sind nicht aus dem Mist gewachsen“, so Ikrath. Seit Jahren lässt die Politik die Menschen allein und die Koalition in Österreich ist praktisch erstarrt. Darum ist die FPÖ auch so erfolgreich. Sie prangt alles an, was gerade nicht funktioniert: Der Wohnraum ist zu teuer, es kommen zu viele Flüchtlinge und die Regierung scheitert. Wirklich verneinen können diese Punkte auch Linke nicht. Die große Herausforderung im Umgang mit der FPÖ ist, dass das ja durchaus stimmt, was sie sagt. Wir haben all diese Probleme, die sie anspricht. Nur dass auch die FPÖ keine Lösungskonzepte dafür hat, übersehen ihre Wähler.

„Der Faschismus versucht die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren. (…) Er sieht sein Heil darin, sie zu einem Ausdruck, aber beileibe nicht zu ihrem Recht kommen zu lassen“, schrieb der deutsche Philosoph Walter Benjamin bereits Anfang der 90er.  Es sind komplizierte Worte, doch je mehr ich über sie nachdenke, desto besser beschreiben sie, finde ich, auch die heutige Situation.

Wir sollten wieder über wirkliche Politik reden (und warum das nicht geht)

Ein weiteres Problem ist der generelle Umgang mit Politik in Österreich. Jeder will Aktion, Spektakel, Skandal. Keiner spricht mehr über wirkliche politische Inhalte. Vielleicht auch, weil es diese heute zu selten gibt. Politik, genauso wie Medien, haben das Gefühl, sie müssen alles an die Spitze treiben, sonst interessiert es keinen. „Wir müssten uns wieder an langweilige bodenständige Politik gewöhnen. Das wäre wichtig“, meint auch Ikrath.

Man muss leider sagen, egal wie die Bundespräsidentschaftswahl ausgeht, das Land bleibt gespalten. So oder so. Es gibt jetzt diese beiden Seiten links und rechts, die einander so gar nicht verstehen können und das vielleicht auch gar nicht wollen. Ich glaube aber, dass uns jetzt nur mehr eins übrig bleibt: miteinander reden. Auch wenn viele nur auf Skandal und Konfrontation aus sind, wieder andere paranoid und weitere ausländerfeindlich sind, wir haben keine andere Option mehr als zu reden.

Denn die Situation unseres Landes ist düster. Düster, aber noch nicht verloren.

 

|Credit Foto via flickr via Karsten H.68 |

Die Akte Ex und was passiert, wenn man sie öffnet

Ex-Freunde

Ein brauner Schuhkarton mit einem roten Häkchen drauf. Er ist verstaubt. Lange wurde er nicht geöffnet. Durch meinen Umzug halte ich ihn plötzlich wieder in meinen Händen. Ich weiß genau, was sich darin befindet. Nicht wie in dem anderen Nike-Karton, in dem ich meine einzelnen Socken aufbewahre, in der Hoffnung, irgendwann doch noch den dazugehörigen zu finden.

Ich setze mich auf die Couch und öffne ihn vorsichtig. Es durchschleicht mich fast ein Gefühl des Betrugs, als dürfte ich das gerade gar nicht machen. Derweilen ist der Inhalt per se nicht mal spannend: Kristall-Ohrringe, Kinotickets, ein Band aus der Pratersauna und einige Fotos. Das Problem mit so einem Karton sind nicht die Sachen darin, sondern die Gedanken, die durch ihn entstehen. Gedanken an eine Beziehung, die vorüber ist. Die Gefühle sind weg, die Gegenstände aber geblieben. In diesem verstaubten Nike-Karton, der immer stumm unter meinem Bett lag.

Beziehungen können schlimm ausgehen, fast immer tut das Schluss-machen unfassbar weh. Und trotzdem will man die Gegenstände und Erinnerungen des Ex meist nicht wegwerfen. In diesen Momenten musste ich immer an eine Folge bei Gilmore Girls denken, als Rory und Dean schlussmachen und Rory ihre Mutter bittet, den Karton mit seinen Sachen für sie wegzuwerfen. Ihre Mutter tut es nicht, sie verstaut ihn im Schrank. Irgendwann findet Rory ihn und ein Streit bricht aus. IhrevMutter erklärt ihr, dass sie selbst einen Mord begehen würde, um ihre Kartons mit den Erinnerungen an ihre Verflossenen zurückzubekommen.

In weiser Vorsicht also habe auch ich meine Kartons nie weggeworfen. Eine andere, vom Inhalt recht ähnliche Box, steht in meinem Zimmer bei meinen Eltern zuhause. Es ist kein Schuhkarton, sondern eine Ikea- Box aus Plastik. Und noch dazu durchsichtig. Eine richtige Angeber- Ex-Freund-Box, die einen verhöhnt, wenn man sie sieht. Aber auch diese werde ich nie wegwerfen.

Was sagen also diese Akten Ex über uns aus?

Die Akte Ex gibt es auch ganz ohne verstaubte Schuhkartons. Denn auch wer diese Inhalte nicht wie ich hortet, trägt sie trotzdem zweifellos mit sich herum. Die Akte Ex sind nicht löschbar, auch wenn man sich das manchmal wünscht. Eine Freundin hat mir vor Kurzem davon erzählt, dass ihr neuer Freund ihr einfach nichts über seine Vergangenheit erzählen will. Kein Sterbenswörtchen verliert er. Auch nachdem sie seine Ex zufällig auf der Straße trafen und er zumindest zugeben musste, wer sie war, rückte er immer noch nichts heraus.

Sie akzeptiert sein Schweigen nicht und das kann ich gut verstehen. Auch wenn wir es nicht gerne hören, die Akte-Ex sagen so einiges über uns aus. Sie bestimmen sicherlich nicht, wer wir sind, aber sie prägen uns. Natürlich gibt es Zeiten, da verflucht man seine Ex und dessen Akte. Gerade nach einer Trennung ist es manchmal unerträglich, dass es da diese eine Person gibt, die so viel weiß, die für einen so viel war und nun einfach nicht mehr im eigenen Leben vorkommt.

Es gab Zeiten, da dachte ich mir, wie schön wäre es, alle Ex einfach auf eine einsame Insel ganz weit weg zu verbannen. Weg aus der Stadt, weg aus dem Sinn. Wie schön wäre das. Im zweiten Gedankengang wurde mir natürlich klar, dass in diesem Gedankenspiel auch ich auf diese Insel müsste, da natürlich auch ich die Ex von jemandem bin und auch für immer sein werde.

Exe sind selten ein leichtes Thema und auch in neuen Beziehungen spuken sie herum. Diese Geister möchte man am liebsten direkt auf diese Insel verbannen. In Wahrheit sind die Vergangenheit von einem Menschen und die Akte Ex aber auch für die neuen Beziehungen unglaublich wichtig. Denn sie erzählen viel über eine Person.

Auch wenn ich mir manchmal wünschte, erst gar keine Akte Ex zu besitzen – ein unbeschriebenes Blatt zu sein – mag ich meine Kartons heute irgendwie trotzdem. Und darum entschied ich mich auch bei diesem Umzug dagegen, sie zu entsorgen. Schließlich würde die Vergangenheit ja trotzdem bleiben, auch wenn der verstaubte Karton im Müllcontainer landet. Und irgendwann stelle ich diese Kisten einmal gestapelt vor meiner Tochter hin und sag‘, schau her, so ist das Leben.

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Ein Plädoyer für die große Liebe

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„Gibt es die große Liebe?“ Vor kurzem stellte mir diese Frage jemand in einem Interview. Seither geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf und ich kann nicht mehr aufhören darüber nachzudenken. Die EINE große Liebe, das klingt irgendwie gefährlich, ja fast angsteinflößend. Es würde bedeuten, dass jeder eben nur einmal die Chance darauf hat, mit einer Person.

Zwischen Tinder und der angeblichen Generation ‚Unabhängig‘ fällt es schwer, ernsthaft über die große Liebe nachzudenken oder gar zu sprechen. An sie zu glauben, wäre irgendwie naiv, von gestern, ja sogar ein bisschen dumm, fast unemanzipiert. Wer braucht schon die große Liebe? Der einfachere Weg ist natürlich, zu sagen, die große Liebe gebe es nicht. Punkt, aus und fertig—gerade wenn man selbst keinen Partner hat.

Zu dieser Einstellung passt ein Trend, der sich immer stärker ausbreitet. Dabei machen Paare alles, was auch klassische Paare machen, nur sind sie eben nie offiziell zusammen. Darüber wurde schon wild unter dem Begriff „Mingle“ (Single+ Mixed) diskutiert. Es ist ein bisschen wie eine offene Beziehung, nur eben nicht ganz. Nennen wir sie lieber die „Mikrowellen-Beziehungen“. Sie schlafen über Monate miteinander, lernen die Eltern des anderen kennen, schauen sonntags gemeinsam Tatort und bleiben von einer Party auch mal zuhause, um lieber gemeinsam Netflix zu schauen, oder so.

Nennen wir sie lieber die „Mikrowellen-Beziehungen“.

Sie machen also all die Sachen, wie auch das Durchschnittspaar XY,  irgendwie aber auch wieder nicht, denn offiziell sind sie nie zusammen. So eine Phase kann zu Beginn wunderschön sein. Wenn man jemanden neu kennen lernt, ist alles so aufregend, ist nichts fix und unglaublich spannend. Dazu gehört, stundenlang Gespräche mit der besten Freundin darüber zu führen, ob der andere nun auch ähnlich denkt oder sich vielleicht ebenfalls schon ein bisschen verliebt hat.

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Das ist eine tolle Phase, keine Frage. Jedes Paar hat sie nur einmal und darum ist sie total wertvoll. Dehnt man diese Phase aber ins Unendliche, dann wird aus der wunderbaren aufregenden Zeit eine Mikrowellen-Beziehung. Keiner ist sich sicher, was der andere eigentlich will, gleichzeitig wird man aber abhängig von einander, weil man sich an den anderen ja doch gewöhnt.

Dazu gehört, sich konstant unsicher zu fühlen, wenn sich der andere nicht meldet, schließlich hat man ja eigentlich keine Ahnung, was man machen soll. Letzendlich muss sich ja niemand melden, niemand ist zu irgendetwas verpflichtet. Je nachdem wie es einem gerade passt, wird die Beziehung also aufgewärmt oder abgekühlt.

Und genau darin sehe ich das Problem. Man nimmt sich alle schönen und gemütlichen Seiten aus einer Beziehung heraus und wirft den Rest, also die Verantwortung, Respekt und Zugeständnisse, einfach in den Mistkübel. Und schon ist man in so einer Mikrowellen-Beziehung und leider meist auch ziemlich schnell im Arsch.

In einer heilen Welt, in der die Ponys unter dem Regenbogen spielen,  ja in dieser Traumwelt wäre es natürlich als solches als ein neues Beziehungsmodell denkbar. Beide Partner einigen sich fair auf diese Art von Beziehung und beide sind damit zufrieden. Leider ist das Leben aber kein Ponyhof und meist wandelt sich dieses flexible Beziehungsmodel dahin, dass einer den anderen ausnützt oder verarscht.

Es mag ja grundsätzlich ein guter Gedanke sein, dass unsere Generation die Beziehungen revolutioniert, sie so anpasst, dass sie auch zu unseren Leben und Zielen passen. Ich glaube auch, dass Beziehungen, wie sie unsere Eltern führten, bei uns nicht mehr möglich sein werden. Das ist auch wichtig.

Was ich aber bisher in meinem Freundeskreis so beobachte, sind es keine unabhängigen und flexiblen Beziehungen, die sich da entwickeln, sondern eher extrem wage und Unsicherheit schürende Beziehungen, in denen fast immer jemand enttäuscht wird. Darum sollten wir den Glauben in die große Liebe nicht verlieren. Es wird kein Prinz am weißen Pferd oder Ryan Gosling angeritten kommen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn man die richtige Person trifft, man genau weiß, dass man mit ihr zusammen sein will. Und wenn nicht, dann ist es doch auch okay. Weniger okay ist nur, wenn man sich Liebe vormacht, wo keine ist.

 

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Warum uns das Einschlafen manchmal so schwer fällt

Schlafprobleme

Manchmal liege ich abends im Bett und kann einfach nicht einschlafen. Ich bin todmüde, mein Körper fühlt sich schwer an, meine Augen wollen lieber geschlossen sein und ich will eigentlich nichts mehr als schlafen. Und es geht einfach nicht. Gedanken schwirren in meinem Kopf herum. Keine schönen Gedanken, sondern Sorgen: To-Dos, Geburtstagsgeschenke, Stromrechnungen und Versprechungen. Ich denke darüber nach, wann ich das letzte Mal meine Tante oder Mama angerufen habe, was ich heute alles nicht erledigen konnte und was ich morgen nicht vergessen darf.

In der Schule in einem Fach namens „Soziales Lernen“ hat man mir gelernt, diese Gedanken mental in verschiedene Schubladen einzuordnen. Diese Methode sollte beim Abschalten helfen. Ähnlich wie Schäfchen zählen. Ich lege also jeden Gedanken in eine Schublade: To Do, Sorgen, gegen die ich sowieso nichts machen kann und Dinge, worüber man erst gar nicht nachdenken sollte et cetera. Diese Methode funktioniert kurz. Für einen Moment herrscht Ordnung in meinem Gehirn. Dann geht es wieder los. Chaos. Sogar das Schlucken fällt mir schwer, da ich einen bitterenen Geschmack in meinem Mund spüre:  Angst oder Panik oder Überforderung. Wie man es auch nennen mag, schön ist dieses Gefühl nicht.

Also wende ich die nächste Methode an: eine To-Do-List im Kalender. Dabei schreibe ich alles auf, um so ja nichts zu vergessen. Wieder folgt kurz ein Gefühl der Sicherheit. Ich habe alles im Griff. Aber nur kurz, denn die Gedanken kommen wieder. Es sind Gedanken, die, glaube ich, viele Menschen kennen. Sie bedeuten nicht unbedingt, dass ich ein psychisches Probleme habe, sondern dass in meinem Leben gerade einfach viel passiert und ich scheinbar zu viel Zeit zum Nachdenken habe.

„Gedanken sind einfach nur Gedanken“

„Menschen haben eben einen Katastrophenverstand“ erklärt der Psychotherapeut Andreas Knuf gegenüber der Hamburger Morgenpost. Grundsätzlich versuche der menschliche Verstand dabei nur den Tag zu analysieren und aus den Fehlern zu lernen. Dieser Vorgang wäre also eigentlich wichtig. Manchmal übertreibe aber das Gehirn. Zum Beispiel wenn der schiefe Blick des Chefs bis in kleinste Detail analysiert wird. Knuf hat gegen dieses nächtliche Gedankenkarussell einen recht simplen Trick: „Gedanken sind einfach nur Gedanken. Sie müssen nicht wahr sein. Das sollte man sich vorsagen.“

Mir persönlich hilft das direkt meist nicht weiter. Aber dafür eine Regel, die mir irgendwann in der Volksschule eingefallen war und danach wie die universelle Wahrheit im Leben vorkam. Haltet euch fest, hier kommen Gedanken aus meiner Kindheit.

Der gifitge Pilz und ich

Ich habe damals im Garten einen Pilz in die Hand genommen. Er wuchs da so schön im Rasen, war braun und herrlich groß. Ich wusste bereits, dass ich diese Pilze nicht angreifen durfte, sie waren giftig, laut meiner Mama. Und trotzdem hatte ich plötzlich den Pilz in der Hand. Ohne lang nachzudenken, warf ich ihn gleich wieder weg, über den Zaun in die Wiese vom Nachbarn. Danach wusch ich mir die Hände. Etwas später erkundete ich das Zimmer meiner Schwester, die gerade bei ihrem Freund war. Auch das durfte ich natürlich nicht. Ich spähte in ihre hellbraunen Schreibtischladen, ob dort etwas für mich—die 13 Jahre jüngere Schwester—vielleicht Interessantes zu finden war. Ich durchwühlte eine Lade, fand aber nichts.

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Abends im Bett begann sich bei mir das Gedankenkarussell zu drehen. Vielleicht waren meine Hände von dem Pilz noch giftig. Ich würde sterben. Das schien für mich irgendwie noch in Ordnung. Aber meine Schwester würde auch sterben, wenn sie zum Beispiel den Spitzer berühren würde, den auch ich zuvor in meinen Händen hatte. In mir breitete sich regelrechte Panik aus. Später träumte ich davon, dass meine Schwester wegen Pilz/Spitzer starb. Am nächsten Tag lief ich morgens zu ihr ins Zimmer, sie lebte noch.

Diese Angst, diese Gedanken und dieses Gefühl, nicht mehr rational denken zu können, vergaß ich mein Leben nicht mehr. Heute weiß ich nicht einmal, ob ich meiner Schwester je von dieser schlaflosen Nacht und den Todesängsten rund um sie erzählt habe.

Natürlich denke ich heute ein bisschen rationaler. Mir ist klar, dass keiner durch die Berührung einer berührten Sache von einem Pilz, der vielleicht giftig ist, sterben wird. Aber ab diesem Zeitpunkt fasste ich für mich diese Regel: Wovor man richtig Panik hat, das passiert im Leben meist gar nicht. Die wirklich schlimmen Dinge passieren eher aus dem Nichts. Und gerade wenn man sie nicht erwartet. So banal das auch klingen mag, diese Regel begleitet mich seither und bewahrheitete sich zig Male. Als geliebte Menschen starben, lag ich nicht zuvor im Bett und hatte Angst, dass es passieren könnte. Auch mit meinem ersten 5er (in Deutsch) rechnete ich nicht.

Darum versuche ich abends, wenn die Gedanken auf mich einstürzen, an diesen Pilz von damals zu denken. Und daran, dass es meiner Schwester heute zum Glück gut geht und auch, dass hinter all dieser Panik wohl etwas anderes steckte, nicht der Tod etwa, sondern viel mehr meine Schuldgefühle, sich dem Verbot widersetzt zu haben. Darum macht es für mich heute mehr Sinn, nach den Hintergründen der Angst zu suchen und wenn es keinen gibt, sie in eine Schublade zu stecken und diese zu verschließen. Außerdem hat die großen Probleme im Leben wohl selten jemand beim Einschlafen lösen können.

 

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Credit im Fließtext: Foto via Pixabay |

​Warum mir auch Plus-Size-Models nicht das Gefühl geben können, dass mein Körper OK ist

Bildschirmfoto 2016-03-31 um 17.26.18Foto via Instagram | theashleygraham

✖Dieser Artikel ist zuerst auf VICE.com erschienen

An einem Wochenende im Dezember schaute ich mir gemeinsam mit meiner Familie zuhause in Oberösterreich alte Dias an—ganz altmodisch, mit Diaprojektor, Reihen wechseln und weiterklicken. Als wir gerade die letzten Fotos aus dem Kroatien-Urlaub durchklickten—damals war ich zirka 13 oder 14 Jahre alt—, kam ein Bild auf, das mich glücklich und braungebrannt am Pier stehend und in die Kamera grinsend zeigt.

Bei diesem Foto kam mir ein Gedanke, für den ich mich fast augenblicklich schämte. Ich dachte daran, wie toll ich meine damalige Figur gefunden und was für dünne Beine und eine zarte Taille ich gehabt hatte—nur, um gleich darauf zu bemerken, wie abartig das eigentlich war. Nüchtern betrachtet bin ich auch heute noch schlank, nur eben ein bisschen weniger als in meinen frühen Teenie-Jahren—und der logischste Grund für meine Figur damals genau wie heute ist einfach mein Alter. Trotzdem idealisierte ich meinen eigenen kindlichen Körper auf den Dias.

Heute trage ich Größe 36 und fühle mich regelmäßig nicht schlank genug.

Heute trage ich Größe 36 und fühle mich regelmäßig nicht schlank genug. Mein Bauch sollte flacher sein und auf meinem Arsch bekomme ich mittlerweile Cellulite. Manchmal bin ich ziemlich unzufrieden mit mir selbst. Für manche mag das mit einer gestörten Selbstwahrnehmung zu tun haben; und womöglich hat niemand mit Größe 36 das Recht auf diese Unzufriedenheit. Nur leider ändert das nichts an ihr.

Auch wenn ich mir vieles sicher selbst einrede, werde ich auch laufend von meiner Umwelt mit diesem Körperbild konfrontiert. Das beginnt bei meinen Verwandten, die mir besonders lustige Fragen stellen („Du gehst aber auch nicht mehr so oft ins Fitnessstudio wie früher, oder?“ oder „Jetzt kannst du auch nicht mehr alles essen, gell?“) und geht bis zu den erschreckend dünne Frauen in Werbungen, Filmen und auf Instagram, die mir mit ihren Magerkörpern täglich alles von Hygiene- bis zu Lifestyle-Produkten verkaufen wollen. Zu allem Überfluss sind auch noch einige meiner Freundinnen Models und damit natürlich viel dünner als ich. Obwohl ich natürlich weiß, dass alle Körper individuell verschieden sind, werde ich manchmal richtig neidisch.

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Foto via flickr | Butz.2013 | Bikini Figur — Abnehmen

Insofern sollte man wahrscheinlich meinen, dass ich den derzeitigen Trend zu mehr Plus-Size-Modelinien für eine willkommene Abwechslung halten müsste. Immerhin setzen immer mehr Modehäuser, wie zuletzt auch Forever 21, auf „Übergrößen“ und schaffen damit, zumindest in der Theorie, ein bisschen (Selbst-)Bewusstsein für eine Wirklichkeit abseits von Size Zero. Aber ganz so einfach ist die Sache leider nicht.

Das Problem beginnt, wenn wir uns fragen, welchen Zweck die Plus-Size-Kampagnen eigentlich erfüllen—sowohl für Konsumentinnen als auch für die jeweiligen Brands.

Die größte Gefahr bei Plus-Size-Linien ist, dass sie von der Werbeindustrie als bequeme Ausrede herangezogen werden könnten, wenn diese wegen ihrer Schönheitsideale wieder in der Kritik stehen. Solange Plus-Size aber genauso eine Nische ist wie Yoga- oder Schwangerschaftsmode und es nicht Yoga- und Schwangerschaftsmode genauso in Plus-Size gibt wie jede andere Form von Kleidung, bleibt eine solche Linie leider ein verlogenes und vor allem halbherziges Unterfangen.

Dass Plus Size-Linien keine Nische darstellen sollten, zeigt sich auch relativ schnell, wenn man sich die Durchschnittskörper der Österreicher genauer ansieht. Laut dem Ernährungsbericht 2012 sind 40 Prozent der 18- bis 64-Jährigen in Österreich übergewichtig und zwölf Prozent davon adipös. Wenn uns Werbeplakate und Modelinien also Magerkörper und Frauen in Größe 34 zeigen, dann sind das schlichtweg idealisierte Fake-Welten.

Eine Studie des deutschen Psychologen Lars-Eric Petersen 2005 zeigt, dass die wiederholte Inszenierung solcher Bilder und Körper bei Frauen eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und der eigenen Attraktivität auslöst. Zu dieser Erkenntnis kam der Forscher durch ein Experiment: Einer Kontrollgruppe zeigte er Inserate ohne Models und deren Zufriedenheit/Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper blieb gleich. Der anderen Gruppe zeigte der Forscher Inserate mit Models darauf und die Betrachterinnen gaben danach an, mit ihrem eigenen Körper unzufriedener zu sein also zuvor. Bei Männern beobachtete er dieses Phänomen im Übrigen nicht.

Natürlich sind Fake-Welten per se nichts Böses.

Diese Reaktion gehe dem Forscher zufolge darauf zurück, dass unser Körperbild nicht „etwas rein Individuelles, Subjektives“, sondern untrennbar mit den „gesellschaftlich vorherrschenden Körperbildern und -idealen“ verbunden sei, so der Forscher Petersen. In der westlichen Kultur sei dieses Körperbild stark von einer schlanken Körpergestalt geprägt, die ein Großteil der Frauen realistisch betrachtet gar nicht erreichen könne.

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Dabei sind Fake-Welten per se natürlich nichts Böses, solange sie sich als solche deklarieren und von den Konsumenten auch so wahrgenommen werden. Aber jeder kennt wohl Menschen, die diesen Fake-Welten verfallen sind. Eine Freundin von mir verbrachte ihr halbes Leben nur mehr auf Instagram und folgte Models und Fitness-Bloggerinnen—natürlich alle wunderschön, perfekt und dünn. Irgendwann begann sie, übertrieben viel Sport zu betreiben und kotzte alles, was sie aß, wieder aus, bis sie unter 40 Kilo wog und ins Krankenhaus musste. Natürlich ist das ein Extrembeispiel und zum Glück reagiert nicht jeder mit einer Essstörung auf Werbung.

Trotzdem ist sie mit ihrer Einstellung nicht alleine. Ende 2015 veröffentlichte das Wiener Programm für Frauengesundheit eine Untersuchung, die ergab, dass für 20 Prozent der befragten Mädchen ihr Gewicht das größte Sorgenthema ist—Probleme in der Familie liegen mit Abstand dahinter. Über drei Viertel der Schülerinnen hegen demnach den Wunsch, eine untergewichtige oder stark untergewichtige Figur zu haben. Über die Hälfte der 16-jährigen Mädchen hat bereits versucht, eine Diät zu halten; auch 14 Prozent der befragten Burschen haben starke Angst vor einer Gewichtszunahme.

Werbung macht also durchaus etwas mit uns. Gerade jungen Frauen scheint nicht immer klar zu sein, dass beispielsweise das, was in den Werbepausen läuft, denselben Fiktionalitätsgrad aufweist wie das Programm, das von den Werbepausen gerade unterbrochen wird.

Plus Size-Linien allein werden dieses Problem leider nicht lösen. Auch aus der Sicht der Käufer selbst machen Plus Size-Linien leider nichts besser; immerhin werden ihre Trägerinnen so wieder nur in eine Ecke abseits des Mainstreams gedrängt. Das eigentliche Ziel sollte viel eher sein, dass Plus-Size-Models kein eigenes Prädikat mehr darstellen und die Werbeindustrie sich anstelle der Opposition von „Normal“ und „Plus“ (oder, noch schlimmer, der Besetzung von Freakshow-Nischen, in die man angeblich wohltätige Projekte abschiebt) eher hin zu verschiedenen Figur-Typen entwickelt, die in ihrer Vielfalt möglichst der Realität entsprechen.

Dinge wie Durchschnitt und Alltäglichkeit sind zwar schwer zu definieren und bestimmt nicht so schön anzusehen wie die gefakten Werbe-Parallel-Welten diverser Hochglanzmagazine. Aber gerade jungen Frauen würde es gut tun, wenn es etwas zwischen Plus-Size und Size Zero gäbe—etwas, das genauso wenig binär ist, wie es eben auch unsere Körper sind.

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