Wie wäre ein Leben ohne dich???

Für ze.tt hab ich mich der Frage gestellt, warum immer mehr Frauen keine BHs mehr tragen. Dazu sprach ich mit tollen Menschen, wie der Bloggerin Sinah, einer Gynäkologin und beschäftigte mich mit dem aktuellen Forschungsstand dazu. Seither geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf: Brauche ich dieses Ding wirklich? Wie wäre mein Leben so ganz ohne BH?

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x Büstenhalter, adé! Warum immer mehr Frauen auf ihren BH verzichten x

Ab und an durfte ich mitfahren. Für mich war das das Größte. In einer hässlichen Halle irgendwo draußen am Land gab es den saisonalen Abverkauf von all den großen Dessous-Marken. Ich werde den Tag niemals vergessen, als ich mir dort nicht nur Unterhosen, sondern auch meinen ersten BH aussuchen durfte. Ich stand vor einem riesigen Regal. Neben mir meine Tante und meine Mama. Auf diesen Moment hatte ich lange gewartet. In den Monaten zuvor lag ich meiner Mama bereits in den Ohren. Ich sei die Einzige in der Schule, die noch keinen BH trage, erzählte ich ihr. Was natürlich nicht ganz stimmte. Aber Fakt war, ich brauchte dieses Ding.

Ich wollte einen ausgepolsterten Push-Up-BH, wie ich ihn schon in der Umkleide bei manchen Mitschülerinnen bereits gesehen hatte. Die coolen Kids trugen das, das stand für mich außer Frage. Meine Mama sah das anders. Sie hatte gelesen, dass man von den Metall-Bügeln Krebs bekomme. Und so war es mit meinem Traum vom Wonderbra auch schon geschehen. Stattdessen bekam ich ein schwarzes schlichtes Modell von Skiny. Ganz ohne Polster. Ich war endlos enttäuscht. Die gesamte Fahrt nachhause weinte und schmollte ich abwechselnd. Nun besaß ich endlich meinen ersten BH, aber dieser änderte ja nichts an meinen Brüsten. Einige Monate später kaufte ich mir dann bei H&M heimlich einen pinken Snoopy-Push-Up-BH. In den ersten Monaten wusch ich ihn sogar mit der Hand im Waschbecken, nur um ihn vor meiner Mama zu verstecken. Aber ich trug ihn mit Stolz. Denn endlich war das etwas, auch wenn es nur Fake war: Ich hatte Brüste.

Im Grunde hat sich seither nicht viel verändert. Sehr viel größer sind meine Brüste nicht mehr geworden, worüber ich mittlerweile (11 Jahre später) ziemlich froh bin. Denn meine kleinen B-Brüste werden nie hängen, ich kann tief ausgeschnittene Kleider tragen und auf meinem Bauch schlafen. (Danke dafür!)

Die Frage, was ich da eigentlich stützen sollte, ist schon mal nicht relevant. Und die Zeiten sind zum Glück vorüber, in denen ich meinen Klassenkollegen vorgaukeln muss, mindestens ein C-Körbchen zu haben. Stützen muss ich meine Brüste nicht, da bleibt nur mehr die Sache mit den Nippeln. Ich habe mich selbst schon oft genug bei anderen Frauen mit dem Gedanken ertappt: „Nippelalarm“. Heute schäme ich mich dafür. Denn Nippel hat jeder, und warum müssen wir auch nur die Kontur davon verstecken? Nippel an sich sind schließlich nichts Sexuelles. Erst die Gesellschaft redete uns ein, dass steife Nippel etwas mit Sexualität und Lust zu tun haben müssen und somit weggesperrt gehören.

Als ich einer Freundin davon berichte, dass ich ab jetzt keine BHs mehr tragen werde, meint sie: „Dieser kein BH-Trend verstört mich. Man muss nicht alles immer schlecht machen.“ Ich denke auch, dass BHs für Frauen mit großen Brüsten zum Beispiel echt Sinn machen. Aber manche Dinge muss man selbst ausprobieren, bevor man über sie urteilen kann. Also ran an das Projekt oder lieber weg damit. Ich trage ab heute keinen BH mehr und werde euch auf dem Laufenden halten, wie sich das anfühlt.

 

|Credit:Foto Sokoloff Lingerie via Creative Commons Lizenz |

getroffen: Mein Abend mit einem Swinger-Paar

Zu Beginn konnte ich mir nicht vorstellen, was in jemandem vorgeht, der auf Gangbangs steht, oder seinem Partner beim Sex mit anderen zusehen will. Dann hörte ich von einem Paar, deren Hobby Swinger-Partys sind. Ich wurde neugierig. Über einen Monat habe ich das Paar begleitet und immer wieder getroffen. Dabei bin ich oft über meine Vorurteile (besonders Frauen gegenüber) gestolpert. 

Einen Abend habe ich die beiden für ze.tt in ein Erotik-Kino begleitet und war bei ihrem Gangbang dabei. Meinen Erlebnisbericht gibt es nun auch hier für euch zu lesen.

Mein Abend mit einem Swinger-Paar

Die Tür zur Wohnung ist nur angelehnt. Als ich sie öffne, steht Jana* vor mir. Sie trägt schwarze Nylonstrümpfe mit Haltern, ein brustfreies Korsett und silberne Plateau-Pumps. Sonst nichts. Ich sehe ihre gepiercten Brustwarzen und ihre Vagina. Sie dreht sich einmal um sich selbst und sagt mit einem Lachen im Gesicht: „Ich hab schon meine Blas-Frisur für heute Abend.“ Ich bin sprachlos. Thomas* steht in Jogginghose und schwarzem Shirt neben uns und lacht – vermutlich auch über meine Reaktion.

So beginnt meine Nacht mit den beiden Swingern Jana und Thomas. Sie ist Anfang 30, er Ende 30. Genaues Alter und Namen sollen in diesem Bericht nicht vorkommen. Beide haben Führungspositionen. Und Swingen ist schließlich nach wie vor kein Label, das man sich gerne ans Auto klebt oder in den Lebenslauf schreibt.

Thomas führt mich durch seine Wohnung. Überall hängen Bilder und Fotografien der nackten Jana. Dildos, Klemmen und Plugs liegen rund um das Bett. Die Laden der Kommode sind voll mit Sexspielzeug. Ich weiß bei der Hälfte nicht einmal, wofür es ist. Am Ende der Wohnung ist das Fotostudio. Thomas ist auf erotische Fotografie spezialisiert. Bondageseile und eine Augenbinde liegen auf dem Hocker vor der Leinwand. „Wenn meine Mama zu Besuch kommt, muss ich in der Wohnung einiges wegräumen“, scherzt er.

Wir setzen uns auf die Couch. „Willst du ein Gin Tonic, das wirst du brauchen“, fragt mich Jana. Ich nehme das gerne an. Jana bezeichnet sich selbst als die „typische Milf“. Früher war Sex für sie etwas, das zu einer Beziehung einfach dazugehörte. Erst nach der Geburt ihrer beiden Kinder entdeckte sie ihre Sexualität aufs Neue. Thomas lernte sie auf einer Erotik-Plattform kennen. Sie trafen sich zu einer Fotosession. „Ich lag da nackt vor ihm und er konzentrierte sich nur auf seine Fotografie“, erinnert sie sich. Für Thomas ist es normalerweise ein Tabu, mit seinen Models etwas anzufangen: „Ich könnte in dem Moment auch einen Obstkorb fotografieren. Ich muss professionell bleiben.“ Beim zweiten Treffen brach Thomas seinen Codex. Sie verliebten sich. Später besuchten sie Swinger-Clubs und Porno-Kinos.

Zu Beginn wurde Thomas eifersüchtig, wenn andere Männer sie berührten. Jana liebt es, mit mehreren Männern gleichzeitig Sex zu haben und sie zu befriedigen. „Ich bin für Quantität, Thomas eher für Qualität“, erklärt sie. Im Porno-Kino kommt sie auf ihre Kosten. Dort geht es nicht um Aussehen oder Alter einer Person, alles dreht sich um die Anonymität. Bei Einladungen nach Hause, dem eigentlich typischen Swingen, muss aber alles passen, auch die Persönlichkeit. Das jemand die beiden besuchen darf, ist daher eher die Ausnahme.

Ich frage Thomas, ob er Angst habe, seine Freundin durch das Swingen zu verlieren. Sie könnte sich schließlich auch in einen anderen verlieben. „Ich könnte Jana ohnehin nicht länger als ein bis zwei Jahre nur an mich binden. Sie braucht das und ich lebe das gerne mit ihr aus. Was im Kino passiert, hat nichts mit Liebe zu tun, sondern ist etwas Animalisches.“ Mittlerweile genießt Thomas diese Abende auch und speichert seine Eindrücke für zu Hause ab. Erst in den eigenen vier Wänden bringen sie sich gegenseitig zum wahren Höhepunkt.

LOVE Kino Forum

Screenshot der Ankündigung im Forum des Erotik-Kinos

20 Männer stehen an der Bar und starren uns an

Bevor wir an diesem Abend die Wohnung verlassen, zieht sich Jana noch ein im Leoparden Print gemustertes Negligee über. Darüber einen schwarzen Pelzmantel, ihren „Nuttenmantel“, wie sie ihn nennt. Sie leiht mir ihren roten Lippenstift. Ich wechsle meine Winterschuhe gegen schwarze High-Heels – um zumindest etwas zum Vorhaben zu passen – und wir steigen in Thomas Auto. Ich bin gespannt, mittlerweile habe ich auch Angst.

Wir hören französische Sexploitation Musik, die mit dem Gestöhne in den Liedern eine passende Einstimmung ist. Im 12. Wiener Gemeindebezirk bleiben wir stehen. Wir gehen die Stufen unter dem Schild „LOVE Kino“ nach unten. 20 Männer stehen bereits an der Bar und starren uns an. In diesem Moment hätte ich mich am liebsten umgedreht und wäre davon gelaufen.

Swinger

Wir gehen zur Bar, an der die Männer uns Platz machen. Wir setzen uns auf die schwarzen Hocker, bestellen Weißweinschorle und rauchen eine Zigarette. Am Bildschirm hinter der Bar laufen Pornos. Die meisten Männer tragen ihre Jacken noch, rauchen, trinken Cola, Wasser oder ein Bier. Jana flüsterst Thomas zu, er solle sie ausziehen. Sie hebt ihre Arme in die Höhe und steht nackt in der Bar. Wie zu Beginn, als sie mir die Türe öffnete. Die Männer schauen sie an, sie trinkt ihren Wein. Ein junger Mann begrüßt sie. Sie kennen sich vom letzten Gangbang. Er ist Volksschullehrer.

Als Janas Glas leer ist, gehen wir in einen Raum am Ende des Lokals. Auch hier laufen Pornos, Gestöhne schallt aus den Boxen. Breite Sessel stehen an den Wänden, dazwischen Tische mit Kondomen und Küchenpapier. Jana setzt sich auf die Liege mitten im Raum. Sie streift ihre silbernen Pumps ab und kniet sich auf das Leintuch, das auf der Liege liegt. Die Männer versammeln sich rund um sie. Sie öffnen ihre Hosen, manche ziehen sie auch gleich aus. Ich schaue mich kurz um. Als ich mich wieder zu Jana drehe, steht Thomas neben ihr während sie den ersten Mann befriedigt.

LOVE KINO

Screenshot Forum: Die Frage nach der passenden Kleidung, stellte sich also nicht nur mir.

„Auch zum ersten Mal hier?“

Um die 30 Männer versammeln sich im Raum, neben mir ein Anfang 20-Jähriger. Er trägt Hornbrille und Pullunder und wirkt nervös. Er fragt mich: „Auch zum ersten Mal hier?“ Ich bejahe und frage ihn, warum er hier sei. Er studiere Wirtschaftswissenschaften, sei aber zu Besuch in Wien. Ein Freund habe ihm das Kino empfohlen. „Und bei dir läuft gar nichts?“, fragt er mich. „Nein, ich schaue nur zu.“

Ich bin überrascht, wie unterschiedlich die Männer aussehen. Ein demographischer Schnitt einmal quer durch die Gesellschaft: Alter und Aussehen variieren, genauso wie soziale Schicht und Herkunft. Inzwischen hat der Student wohl seine Scheu überwunden und stellt sich bei Jana an, bis er an der Reihe ist und sie ihm einen bläst. Thomas nimmt mich an der Hand und führt mich nahe zu Jana: „Stell dich nach vorne“, sagt er „Damit du auch was siehst.“ Die Männer wechseln bei Jana vorne und hinten. Jeder ist mal dran. Die Regeln scheinen klar. Küssen ist verboten. Keiner versucht es ohne Kondom. Thomas kontrolliert das genau. Er streichelt seine Freundin dazwischen immer wieder über die Brust oder am Po.

„Allein durch die Luft hier wird man schwanger, was?“ flüstert mir Thomas zu. Ich muss lachen. Mittlerweile habe ich meine Panik abgelegt. Keiner bedrängt mich. Ab und zu fragt mich ein Mann, ob ich mitmachen will. Ich verneine, sie danken und gehen wieder. Ein Benehmen, wie es in den meisten herkömmlichen Clubs nicht Gang und Gebe ist.

Erotik-Kino

Und das alles für 10 Euro Eintritt

Nach einer Dreiviertelstunde zieht sich Jana ihre Schuhe wieder an. Die Männer wischen sich mit Küchenpapier ab und machen ihre Hosen zu. Alle gehen an die Bar. Jana verschwindet aufs WC. Währenddessen kommt ein Mann mit einer Frau an der Leine in das Lokal. Sie sieht unglaublich jung aus, um die Zwanzig, mit pechschwarzem Haar. Die Männer sind begeistert, noch eine Frau. Und das alles für 10 Euro Eintritt. An manchen Abenden seien gar keine Frauen zu Gast, dann bleiben den Männern nur die Filme. Heute schaut keiner auf die Leinwand.

Jana setzt sich hinter den Tresen und legt die Füße hoch. Nach einer Weißweinschorle und ein paar Salzstangen geht es dann weiter. Wieder dasselbe Spiel. Im Raum ist jetzt eine zweite Liege aufgebaut, für die junge Frau an der Leine. Zwischen Jana und Thomas sind alle Regeln abgesprochen, das andere Paar diskutiert immer wieder. Als ich Thomas darauf hinweise, geht er an das andere Ende des Raumes, um nach dem Rechten zu sehen. Alles hier muss freiwillig passieren, das ist ganz wichtig. Er kommt zurück und erklärt: „Die sind einfach noch sehr unerfahren. Sie ist seine Sub, sie will das so.“ Das bedeutet, dass sie ihrem Partner untergeben ist. Sie spielen also ein Spiel.

Ich setze mich auf einen Sessel im Raum und beobachte die Szene. Das Gestöhne von der Leinwand nervt. Janas Laute scheinen echter. Ein Mann setzt sich neben mich. Warum er nicht mitmache, frage ich ihn. Es sei ihm viel zu hektisch heute. Aber er erkenne hier viele Männer vom FKK-Bereich wieder. Die Szene in Wien sei nicht besonders groß. Wir reden lange, irgendwann sagt er ernüchtert: „Ich glaube nicht mehr an die Liebe. Schau dich doch mal um“. Ich antworte ihm, Jana und Thomas scheinen sich doch gefunden zu haben. „Eine Jana gibt es aber nur einmal auf der Welt“, meint er und verabschiedet sich. Ich schweife mit meinen Gedanken ab und denke darüber nach, was das LOVE Kino wohl für die wahre Liebe bedeutet.

Nach einer weiteren Dreiviertel Stunde hört Jana auf. Genug für heute. Jeder, der jetzt noch nicht gekommen ist, hat Pech. Auch der Mann mit der Frau an der Leine kommt aus dem Raum. „Streichle meinen Hund“, sagt er zu mir. Ich lehne dankend ab. Er fragt mich immer wieder. Schließlich knie ich mich auf den Boden und streiche ihr über die Haare. „Machst du das wirklich freiwillig?“, frage ich sie leise. Sie sieht mich an und antwortet lachend: „Ja.“ Ich versuche ihr zu glauben. Daraufhin nimmt der Mann meine Hand aus ihren Haaren und legt sie direkt auf ihre Brüste. Im Porno-Kino gibt es wohl keine halben Sachen.

Am Ende des Abends sitze ich mit Jana und Thomas wieder im Auto. Sie reden darüber, wo sie noch etwas essen könnten. Als ich aussteige, schenkt mir Jana ihre silbernen Pumps, die ich im Kino noch bewundert hatte. Ein Andenken an diesen Abend, meint sie. So oder so, Andenken habe ich genug.

*Namen der Autorin bekannt

|Credit:Foto Oscar Keys via Creative Commons Zero|

|Credit:Foto Anna Sastre via Creative Commons Zero|

|Credit:Foto Stas Svechnikov via Creative Commons Zero|

Dieser Artikel erschien am 16.12.16 auf ze.tt 

nächtliche Abenteuer

Die Nacht hat eine besondere Wirkung auf mich. Ich will sie nicht verschlafen, sondern auskosten. Warum ich lieber schlaflos bin.

Nacht

Sein Brustkorb bewegt sich auf und ab. Auf und ab. Immer wieder. Ich liege auf meinem Bauch. Mein Gesicht auf meinem rechten Arm gelegt. Meine Augen lassen sich nicht schließen. Sie bleiben offen, auch wenn ich sie zumache.

Gesang. Menschen am Gehsteig singen. Ich suche mein Handy. Wo ist es nur. Ich liege darauf. Schalte es ein. 2:33. Ich lege es wieder weg. Als würden diese Zahlen irgendwas ändern. Ich möchte meinem Körper gerne sagen: du musst schlafen. 2.33. Er sieht das anders.

Im Raum ist es dunkel. Manchmal verirren sich Scheinwerfer, der vorbeifahrenden Autos, herein. Sie spiegeln sich an der Decke. Ich stehe vorsichtig auf. Sachte. Damit ich ihn nicht wecke. Ha, Boden erreicht. Meine Zehenspitzen fühlen das Parkett. Das Holz ist kalt. Irgendwo muss mein Laptop sein. Unter seinem Hemd liegt er nicht. Auch nicht unter den Jeans. Wir hatten doch vorher noch Musik an. Er muss hier irgendwo sein. Jetzt, gefunden.

Ich steige wieder auf die Kante des Bettes. Vorsichtig über ihn. Die Matratze bewegt sich. Sie sackt durch mein Gewicht ein. Er dreht sich auf die andere Seite. Mein Herz bleibt kurz stehen. Er schläft weiter. Ich steige über ihn und decke ihn mit der warmen Decke zu. Öffne meinen Laptop. Das graue Metall ist kalt. Es brennt auf meinen nackten Oberschenkeln. Ich beginne zu schreiben.

Den ganzen Tag konnte ich nicht schreiben. Jedes Wort schien mir falsch, oberflächlich, prätentiös. Jetzt schreibe ich. Buchstabe für Buchstabe. Wie von allein. Draußen fährt der Bus vorbei. Ich schreibe weiter.

Alle rund um mich schlafen. Das beruhigt mich. Er schläft, ich schreibe. Und ich höre ihn atmen. Auf und ab. Es gibt mir Sicherheit. Ich fühle mich sicher. Und endlich schreibe ich.

 

|Credit:Foto Leanne Surfleet via Creative Commons Lizenz |

getroffen: Adrineh Simonian

Die ehemalige Opernsängerin Adrineh Simonian produziert experimentelle und feministische Pornografie in Wien. Ich habe sie für Broadly. getroffen und mit ihr über Feminismus und ihre Arbeit gesprochen. 
Und auch darüber warum Frauen in meiner Generation endlich zu ihrer Lust stehen sollten.

Adrineh Simonian hat als Mezzo-Sopranistin an der Wiener Oper gesungen. Mit 42 kündigte sie ihren Job, um feministische Pornografie in Wien zu produzieren, weil sie fand, dass die Mainstream-Pornos nichts mit ihrer Sexualität zu tun hatten. Adrineh wollte Filme machen, die sie sich auch selbst gerne ansehen würde. Zu Beginn wusste sie nicht einmal, wie man eine Kamera einschaltet. Filmen und Bearbeitung lernte sie sich selbst. Heute produziert die ehemalige Opernsängerin hauptberuflich Clips wie „Blinddate“, wo zwei Menschen mit verbundenen Augen miteinander schlafen, die sich noch nie zuvor gesehen haben.

Adrineh Simonian

Liebe Adrineh, du hast 15 Jahre an der Wiener Oper als Mezzo-Sopranistin gesungen. Vor einem Jahr hast du dich dazu entschieden, feministische Pornos zu produzieren. Wie bist du darauf gekommen?

Adrineh Simonian: Eines Tages tranken wir in der Kantine einen Kaffee und neben uns saßen Leute, die sich über Pornografie unterhalten haben. Die Männer haben geprahlt und die Frauen haben gesagt: „Furchtbar, wir schauen doch keine Pornos”. Ich bekam ihr Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Dann habe ich begonnen zu recherchieren und bin auf die Filme von Petra Joy und Erika Lust gestoßen. Mich interessiert vor allem die Psychologie hinter der Sexualität. Dazu konnte ich keine Pornografie finden. Dann dachte ich mir, OK, sowas gibt es noch nicht, das könnte ich doch machen. Diese Gedanken habe ich dann mal ein paar Monate sacken lassen und mich mit Kameras und dem ganzen technischen Hickhack beschäftigt.

Ein heftiger Schwenk, oder?

Nein, finde ich gar nicht. Singen ist etwas sehr Körperbetontes. Um die Techniken zu lernen, brauchst du viele Jahre und musst deinen gesamten Körper einsetzen und kennen. Für mich als Sängerin war die Rolle, die ich gespielt habe, immer viel wichtiger als die Stimme. Ich wollte authentisch sein.

Wie haben deine Kollegen reagiert?

Ich habe nur gesagt, dass ich eine Firma gründe. Was ich genau mache, haben 99 Prozent nicht gewusst. Als Arthouse Vienna dann online ging, war ich schon von der Oper weg.

Wie arbeitest du genau? Nur mit Profis oder auch mit Amateuren?

Also mein Projekt „Blackbox“besteht zum Beispiel nur aus Amateuren. Der Mann in der „Lets-Fuck-Porn“-Reihe ist ein Pornodarsteller. Ich arbeite nicht mit Mainstream-Pornografen, sondern nur mit Darstellern, die auf feministische Pornografie oder andere alternative Richtungen spezialisiert sind.

Bilddate Arthouse Vienna

Wenn Menschen das erste Mal vor deiner Kamera stehen, haben sie dann Angst?

Ja, natürlich. Ihre Angst ist immer dieselbe, dass sie unästhetisch im Internet dargestellt werden. Mein ursprüngliches Ziel war es ja, Frauen in meinem Alter zu filmen. Aber genau meine Generation macht das nicht. Ich höre dann immer: ;Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht, darum ein paar Kilo zu viel, ich habe Cellulite, ich bin alt oder wer will mich schon sehen.’ Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass die Leute sie sehen wollen. Sie wollen ‚echte‘ Frauen sehen. Aber ich verstehe ihre Angst total.

Wie funktioniert deine Produktion, besprecht ihr, was im Film passiert?

Egal mit wem, wir schicken zuerst immer lange E-Mails hin und her. Dabei können sie mich alles fragen, was sie interessiert. Wenn die Leute später bei mir vor der Tür stehen, darf man sich nicht vorstellen, dass ich sage, ‚so und jetzt ausziehen und los.‘ Sondern man trinkt einen Kaffee, redet über Politik, Kunst und Gott und die Welt. Dann zeige ich ihnen alles, mache die Kameras an und sie ziehen sich um oder aus. Ich wünsche ihnen viel Spaß und gehe raus.

Du bist also nie dabei?

Nur bei Pärchen bin ich dabei. Da gibt es zu viel Bewegung beim Sex und ich muss selbst filmen. Ich habe bisher nur drei Paare aufgenommen, zwei davon sind noch online. Den dritten Film musste ich rausnehmen. Das Mädchen wollte unerkannt bleiben und eine Maske tragen. Sie wurde aber trotzdem erkannt, darauf angesprochen und geriet total in Panik. Das ist eine Frage der Ethik für mich. Ich kann nur Videos hochladen, bei denen die Menschen zu hundert Prozent dahinter stehen. Wenn sich jemand unwohl fühlt, auch nach einem Jahr, dann nehme ich das raus.

Arthouse Vienna Team

Kann man mit feministischer Pornografie Geld verdienen? 

Der österreichische Markt ist natürlich zu klein. Aber Deutschland, Schweiz und Österreich zusammen funktioniert gut. Die Leute zahlen gerne für die Filme, weil es so etwas noch nicht gibt. Es erstaunt mich auch sehr, dass auf unserer Seite vor allem Männer sind.

Warum ist das so?

In der Mainstream-Pornografie siehst du gar nichts von der weiblichen Lust, als würde sie gar nicht existieren. Ich glaube, dass meine Filme eine edukative Richtung angenommen haben. Männer sind interessiert an der weiblichen Sexualität. Sie wollen mehr erfahren und auch mehr können. Um ihre Partnerinnen „richtig“ zu berühren und ihnen zu geben, was ihnen guttut.

Du beschreibst deine Filme als ästhetisch. Geräusche und Flüssigkeiten beim Sex sind aber oft das Gegenteil.

Genau das will ich zeigen. Ästhetik bedeutet nicht, dass es etwas Schönes sein muss. Es gibt eine hässliche Ästhetik, aber auch eine schöne. Mein Film „Die Party“ fängt auch damit an, dass eine Frau orgiastisch und sexy Erdbeeren isst, endet aber damit, dass die beiden Körper voll mit Schokolade, Schlagsahne, Birnen und Bananen verschmiert sind. Das ist für mich aber auch eine Form der Ästhetik. In meinem ersten Video waren MadKate und Ganymed. Kate meinte zuvor, sie habe ihre Tage und ich antwortete ihr nur, es hätte nichts Besseres passieren können. In einem Teil des Filmes sieht man auch, wie er ihr ihren Tampon rauszieht und sein Körper später blutverschmiert ist. Mir war sehr wichtig, das zu zeigen.

Die Gesellschaft bläut uns schon als junge Mädchen ein, dass wir keinen Sex haben sollten, wenn wir unsere Tage haben. Auch wenn wir das möchten. Glaubst du, dass deine Filme uns zu selbstsicheren Frauen machen können?

Ich glaube, dass durch Filme, in denen Tabus gezeigt werden, eine Öffnung entstehen kann. Alles, ganz unabhängig von Pornografie, was neu ist, macht dem Menschen Angst. Wenn etwas Neues auf uns zukommt, müssen wir uns damit konfrontieren. Dann sieht man nämlich, dass es nichts Schlimmes ist.

Blinddate Arthouse Vienna

Manche Feministinnen sagen, dass Pornografie und Sexismus zwei Gegenpole sind, die nicht zusammengebracht werden können. Was siehst du das?

Das ist absoluter Blödsinn. Ich glaube, dass der Feminismus heute ein anderer ist. Idole wie Alice Schwarzer, Catharine MacKinnon oder Andrea Dworkin vertraten ja die Meinung, dass es in der Theorie Porno ist, in der Realität aber Vergewaltigung. Es gab sicherlich Produktionen, wo es schlimm zuging, aber das war nicht nur in der Pornografie der Fall. Durch den Feminismus haben die Frauen langsam begonnen, sich zu öffnen und sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. Warum sollten wir unsere Sexualität tabuisieren? Das schadet nur uns selbst. Für mich geht Feminismus und Pornografie darum Hand in Hand. Petra Joy setzt in ihren Filmen zum Beispiel Dogmen. Du siehst nicht, dass ein Mann einer Frau ins Gesicht ejakuliert—mit der Begründung, das sei demütigend für die Frau. Es gibt Frauen, die das mögen. Und wenn ich ein Pärchen habe, das sagt, ‚wir wollen das machen, weil die Frau das mag‘, soll ich dann sagen‚ nein, das ist ja demütigend für sie‘? Für eine Frau ist es nur dann demütigend, wenn sie es nicht möchte und man es dennoch macht. Ja, das ist schlimm und auch illegal. Ich kann keine Dogmen für die Lust setzen, denn sie lässt sich nicht generalisieren. Ich sehe Pornografie und Feminismus als eine Hassliebe. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass sich die feministische Pornografie weiterentwickelt. Auch die Männer bemerken erst langsam, dass es weibliche Lust gibt. Es geht nicht nur um rein und raus.

 

Noch mehr zum Thema Feminismus und Pornografie, findest du auf Broadly. 

|Foto Credit Screenshots via Making of BLIND DATE von Arthouse Vienna |

getroffen: Gabriel Steiner

Während sich ein Großteil der Jugend nicht mehr als religiös bezeichnet oder sich für die Kirche interessiert, möchte der 22-Jährige Gabriel Priester werden. Ich habe ihn für ze.tt besucht und gefragt, warum er bereit ist, sein Leben Gott zu widmen.

Gabriel Steiner Priesterseminar Innsbruck

|erschienen auf ze.tt am 31.10 |

Mit etwa acht Jahren wollte Gabriel Steiner Ministrant werden. Er kam von der Schule nach Hause und erzählte seiner Mutter von seinem Wunsch. Sie sah ihn an und antwortet: „Sicher nicht! Du bist bereits bei den Pfadfindern, den Fischern und der Trachtengruppe, das wird dir zu viel.“ Mit dem Nein der Mutter war die Diskussion damals beendet, erinnert sich Gabriel heute. Gabriel kommt aus einer Mittelschicht-Familie, die nie besonders religiös war.

Sonntags besuchten sie meistens die Kirche. Wenn sie mal keine Zeit hatten, war das auch kein Problem. Mit etwa elf Jahren ging Gabriel nach der Messe zum Pfarrer in seiner Heimatgemeinde in Vorarlberg sagte: „Ich will auch einmal Pfarrer werden.“ Der Pfarrer sprach ihm gut zu, belächelte ihn jedoch für seine kindliche Naivität. Die Mesnerin hörte das Gespräch mit. Am nächsten Tag wusste das ganze Dorf Bescheid. Von da an war Gabriel für alle nur mehr der „Pfarrer“.

„Obwohl ich das nur einmal gesagt habe, sahen viele in mir nur mehr einen zukünftigen Pfarrer. Ich hab eigentlich keine Ahnung warum“, erzählt Gabriel. Heute ist er 22 Jahre alt, hat kurze braune Locken, ein rotes Porzellankreuz an einem Lederband um den Hals. Er lacht viel, während er mit starkem Vorarlberger Akzent erzählt. Wir sitzen im Wohnzimmer des Priesterseminars in Innsbruck auf grünen Sofas, die aus den 90ern stammen könnten. Gabriel trinkt Rotwein und freut sich über Besuch.

Seit eineinhalb Wochen studiere und lebe er jetzt im Priesterseminar in Innsbruck, erzählt er. Zuvor war er für das sogenannten Propädeutikum ein Jahr in Linz. In dieser Zeit sollen die Seminaristen die Entscheidung ihr Leben Gott zu widmen, hinterfragen und mit sich selbst ins Reine kommen. Gabriel wollte auch nach diesem Jahr noch Priester werden. Doch das war nicht immer so.

Gebetsbuch

Verlorenheit nach dem Abitur

„Nach dem Abitur fragen einen die Leute ja immer, was man machen will. Ich konnte diese Frage nicht mehr hören“, erzählt Gabriel. Denn er wusste nicht, was er werden wollte. Zu viele Interessen, zu viele unterschiedliche Ideen standen ihm im Weg. Er wollte etwas mit Musik machen, aber nicht Musik studieren. Etwas Soziales, aber kein Sozialarbeiter werden. Dann kam ihm der Einfall: Agrarökologie. Warum genau Agrarökologie, wusste er nicht. Er weiß es bis heute nicht.

Im Zivildienst nach seinem Abitur arbeitet er dann in einer Propstei, einem Begegnungszentrum des Klosters Einsiedeln. An einem seiner ersten Tage dort, kniete er mit einer Kollegin in einem Beet und jätete Unkraut. „Wir kannten uns noch überhaupt nicht und führten Smalltalk“, sagt Gabriel. Dann meinte sie plötzlich: „Warum wirst du eigentlich kein Pfarrer?“ Gabriel machte das wütend, ja fast zornig. Er zermarterte sich seit Monaten den Kopf und dann erklärte ihm eine unbekannte Person das, was er sich schon so lange überlegte. „Ich habe mich ständig gefragt, ob ich nur das in mir sehe, was die anderem sehen, oder ob es wirklich der richtige Weg für mich ist.“ Gabriel dachte lange darüber nach. Und dann entschied er sich. Er schrieb dem Regens eine E-Mail.

Der Regens ist in etwa so etwas wie der Direktor des Priesterseminars, nur dass er sich zusätzlich mit jedem einzelnen Seminaristen und dessen Ausbildung beschäftigt. Bevor Gabriel die E-Mail abschickte, zeigte er einem befreundeten Pfarrer den Brief. „Das war eine interessante Situation“, erinnert sich Gabriel. Der Pfarrer sah ihn an, sagte lange nichts und antwortete ihm dann ganz nüchtern: „Gabriel, allein der Weg ist es wert, dass du das machst.“

Am selben Abend schickte er die Mail ab, erzählte jedoch niemanden davon. „Als ich auf Senden gedrückt hatte, dachte ich mir schon: Gabriel, du bist verrückt.“ Denn die meisten hier im Priesterseminar hätten einen Grund: eine spezielle Begegnung, ein Erlebnis oder Faszination für Liturgie oder Sakramente. Irgendwas eben. Gabriel hat keinen Grund. Das sagt er immer wieder. Und trotzdem ist er sich sicher, dass er hier sein will.

Gänge Priesterseminar Innsbruck

Alte Zeiten im Priesterseminar

Nach dem Brief lud ihn der Regens zu einem Vorstellungsgespräch ein. „Ich habe mich damals sehr über die Mail von Gabriel gefreut“, erinnert sich Regens Roland Buemberger. In den 60er Jahren lebten noch um die 100 Seminaristen im Priesterseminar in Innsbruck. Das sei heute mit vierzehn Seminaristen natürlich ganz anders. „Aber man darf nicht immer alles nur negativ sehen“, sagt Buemberger mit einem Grinsen auf den Lippen. „Dafür ist die Betreuung heute individueller. Ich kann mich jedem widmen“.

Nur weil es heute weniger Anwärter gäbe, würde trotzdem nicht jeder genommen werden, erklärt er. Im Gegenteil. Als zukünftiger Seelsorger habe man schließlich eine Verantwortung. Oft kämen Männer mit psychischen Problemen oder Menschen, die Macht ausüben wollen. „Denen muss ich natürlich ablehnen. Auch wenn jemand sagt, er will Priester werden, weil er Frauen und Familie hasst, dann muss man das kritisch sehen“, so der Regens. Bei Gabriel hatte er aber ein gutes Gefühl.

Im Sommer letzten Jahres ging Gabriel den Jakobsweg. Danach erzählte er seinen Eltern von seinem Plan Priester zu werden. „Meine Mama ist lange vor mir gesessen und hat gar nichts gesagt. Ich glaube, sie hätte sich gewünscht, dass ich ihr früher davon erzählt hätte“, so Gabriel. Aber seine Familie unterstütze ihn auf seinem neuen Weg. Im Herbst startete er das Propädeutikum. Heute, ein Jahr später hat Gabriel angefangen, Theologie zu studieren und wohnt im Priesterseminar in Innsbruck, das einem durchschnittlichen Studentenheim gar nicht so unähnlich ist. Jeder hat ein eigenes Zimmer und muss auf die anderen Rücksicht nehmen. Dreimal täglich wird gemeinsam gebetet und gegessenen: morgens, mittags und abends. „Man darf nicht vergessen, die ersten WGS, die es gab, waren schließlich die Klöster und die Priesterseminare. Dort wohnten schon vor hundert Jahren Männer gemeinsam“, so Buemberger.

Heute sei das Leben hier zudem viel lockerer. Früher, noch vor seiner Zeit hier, hatten die Seminaristen keine eigenen Schlüssel. „Um Punkt 19 Uhr wurden die Tore geschlossen und jeder musste da sein“, erzählt der Regens. Angeblich hätten aber die Seminaristen, die im Erdgeschoß wohnten, oft ein Fenster für die anderen offen gelassen. Der Regens schmunzelt, während er davon erzählt. „Jeder ist freiwillig hier und ich halte gar nichts von Angstmache“, sagt Buemberger. „Schließlich sollen die Seminaristen später ihre Gemeinden ja auch nicht durch Angst führen.“

Gemeinsames Essen Priesterseminar

„Na klar darf ich trinken und feiern gehen“

Jeder im Haus hat seine Aufgaben. Gabriel ist zum Beispiel dafür zuständig, dass die Bar immer voll ist. Ich bin neugierig und frage ihn, was er denn jetzt als werdender Priester nicht tun dürfe. „Ich darf eigentlich alles mit Maß und Ziel, auch Alkohol trinken.“ Wenn er am Wochenende zuhause ist, ginge er auch feiern. Ich sehe Bilder davon auf Facebook, wie er mit Freunden gemeinsam Bier oder Shots trinkt.

Das Thema Frauen sei schon schwieriger. Gabriel hatte noch nie eine richtige Freundin, eher eine „platonische“, wie er sagt. „Ich weiß letztendlich nicht, ob ich etwas verpasse. Aber ich kann es sowieso nicht erzwingen. Ich war immer offen für eine Beziehung und bin es auch jetzt noch“, so Gabriel. Das überrascht mich. Und was würde er dann tun, wenn er sich verlieben würde, frage ich ihn. „Naja, wenn ich mich wirklich verliebe, dann muss ich das mit dem Priesterplan wohl neu reflektieren“, sagt er ernst.

Auch für den Regens ist Liebe kein Tabu-Thema. „Wenn sich jemand verliebt, bekommt er Zeit, um die weiteren Entscheidungen für sich zu prüfen. Man kann sich beurlauben lassen, um zu sehen, wie sich die Beziehung entwickelt. Außerdem hoffe ich, dass in der Zukunft das Zölibat kein Zwang mehr sein wird“, so Buemberger. Man müsse sich immer fragen, was die Kirche dadurch verlieren würde. „Ich würde sagen: Gar nichts! Sie würde sehr talentierte Priester dazu gewinnen“, ist er sich sicher. Buemberger erzählt mir, dass es ihn manchmal richtig traurig mache, wenn er sehe, dass tolle Priester ihren Beruf aufgeben, weil sie eine Familie gründen wollen.

Junger Priester Orgel

Unverstaubte Orgel-Klänge

Seit er dreizehn Jahre alt ist, spielt Gabriel Orgel. Er öffnet das Holz über den Tasten, stellt ein paar Regler um und beginnt. Was er spielt, klingt so ganz anders, als ich es erwartet hatte. Es hat nichts mit den anstrengenden und tiefen Tönen zu tun, die ich aus der Kirche kenne. Es klingt eher nach Swing. Gabriel bewegt sich im Takt dazu, er genießt das Spielen. Dann spielt er noch ein Jazz-Stück. Ich sehe ihn nur verdutzt an und er lacht mich aus. Während er spielt, glitzert die Sonne durch die Kirchenfenster in der Kapelle. Bis auf die Musik ist es ganz leise.

Dann packt Gabriel seine Bibel ein, wir gehen zum Frühstück. In der Hand hält er sein eigenes Ovomaltine. Beim Frühstück kommen alle Seminaristen vor der Uni zusammen. Mich erinnert das Buffett und die Möbeln etwas an meinen Schul-Ski-Kurs. Am Freitag ist ihr Gemeinschaftsabend. Die Seminaristen und der Regens diskutieren über mögliche Filme. Andere reden über Lehrveranstaltungen und Anwesenheitspflicht. Über gute und schlechte Professoren. Sie reden eben wie ganz normale Studierende. Auch sie sind manchmal frustriert.

Jeder am Tisch ist interessiert an meinem Glauben. Warum ich nicht an Jesus glaube, wollen sie wissen. Manche hören zu, Gabriel will mit mir diskutieren, er versucht mich zu überzeugen. Sein Glaube ist für ihn wichtig. Auch was in der Bibel steht. Für Gabriel sind die biblischen Erzählungen und Gefühlswelten der Psalmen etwas, das nie an Aktualität verlieren wird und zum Menschen dazugehört.

Die jungen Männer im Priesterseminar haben sich für ein ganz anderes Leben entschieden. So ganz anders als ich und die meisten von uns. Sie leben für Gott, für Jesus. Ich hätte es nicht erwartet, aber dass diese jungen Menschen einmal Priester sein werden, gab mir etwas Hoffnung. Denn mit verstaubtem Orgelgesang und Engstirnigkeit hat mein Besuch in der Kirche so gar nichts zu tun.

| Fotos Credit: Eva Reisinger|

getroffen: 5 junge Frauen erklären, warum sie gerne masturbieren


Wir sind die Generation der Unverbindlichkeiten. Viele haben Nicht-Beziehungen, tindern sich durch die Nächte und setzen auf wechselnde Partner statt die große Liebe. Auf der Suche nach was? Unkompliziertem Sex. Gesellschaftlich ist das mittlerweile kein Tabu mehr. Aber wie steht es eigentlich um die reinste Form der puren Körperlichkeit? Masturbation ist schließlich nicht nur dann eine Alternative, wenn es gerade nicht matched. 

Schon die ägyptische Königin Kleopatra scheint vor 2000 Jahren auf diesen Trichter gekommen zu sein. Sie stimulierte ihre Klitoris mit einem Papyrussack voller Bienen. Im 19. Jahrhundert erfand dann der britische Arzt Joseph Mortimer Grandville einen Vibrator, um die Verspannungen seiner männlichen Patienten zu lösen. Später wurde mit den damit ausgelösten Orgasmen auch die „weibliche Hysterie“ behandelt. Diese ominöse Modekrankheit wurde von der Gebärmutter ausgelöst und ließ Frauen scheinbar verrückt werden. Das einzige was ihnen zu helfen schien war Selbstbefriedigung. 

 Masturbation ist kein neues Thema und wurde von Dr. Sommer schon in allen erdenklichen Facetten offenbart. Sado Maso, feministische Pornos, Fetische und variable Geschlechter-Konstellationen: In Sachen Sex scheint alles erlaubt zu sein. Aber die Liebe zu uns selbst bleibt die ewige Nebenrolle. Ich habe fünf junge Frauen gefragt, warum unverbindlicher Sex mit uns selbst mehr als eine heiße Affäre ist.

Masturbation

|erschienen im BLONDE Magazine| BASIC ISSUE

Zeynep*, 26

Sich selbst anzufassen oder einfach nur zu streicheln steigert das Selbstgefühl. Das muss auch gar nicht sexuell sein. Für mich war Selbstbefriedigung immer ein Weg Kontakt zu meinem Körper herzustellen und herauszufinden, was mir gefällt. Ich finde das sollte jeder machen, bevor man überhaupt an Sex denkt. Ich brauche lange, um Vertrauen zu einer Person aufzubauen und habe darum keine One-Night-Stands. Außerdem bin ich ein ziemlicher Hypochonder. Ich habe andauernd Angst schwanger zu werden oder eine Geschlechtskrankheit zu bekommen, darum kommt Casual Sex mit irgendwem für mich nicht infrage. Deshalb muss ich mir da selbst helfen. Das kann schön und sinnlich sein, es ist aber mehr ein Solo-Date und kein Ersatz für Sex. Meistens denke ich dabei an Sex mit Menschen, der tatsächlich stattgefunden hat und den ich schön fand. Oder an Menschen, die ich süß finde, mit denen ich nichts hatte – aber keine Stars. Naja wobei: Jan Böhmermann hab ich mir letztens mal vorgestellt. Dazu käme es im realen Leben wohl eher nicht.

Sara*, 24

Es kommt oft vor, dass ich wirklich Lust auf Sex habe, aber grade einfach niemand verfügbar ist, und dann will ich nicht warten, sondern sofort einen Orgasmus haben. Ich mache es mir gerne selbst, weil ich so von keinem Typen abhängig bin. Ich allein kann bestimmen, wann ich es mache und auch wie oft ich kommen will. Diesen Luxus habe ich beim Sex meistens nicht. Zudem kann da auch nichts schiefgehen. Es ist mir schon öfters passiert, dass ein Typ beim Sex die Stellung gewechselt hat, kurz bevor ich gekommen bin und das war’s dann für mich. Ich bin Single und manchmal frustrieren mich die Männer einfach nur. Bevor ich irgendjemanden mitnachhause nehme, lege ich lieber selbst Hand an. Ich befriedige mich ausschließlich mit der Hand, weil ich so mehr spüre. Für mich ist Selbstbefriedigung wichtig. Ein Orgasmus entspannt mich zudem total. Ich kann mich dann wieder relaxter auf die Suche nach Sex machen. Ich spreche ungerne darüber. Obwohl ich meinen Freundinnen von jedem One-Night-Stand oder Sexabenteuer erzähle, habe ich irgendwie eine Hemmung ihnen von meiner Selbstbefriedigung zu berichten.

Masturbation

Maria*, 25

Ich mach es mir fast jeden Tag selbst, obwohl ich in einer Beziehung bin. Ich liebe den Sex mit meinem Freund, aber ich will es nicht von ihm abhängig machen, wann ich einen Orgasmus habe oder nicht. Manchmal mache ich es mir auch nur aus Langeweile zuhause. Beim Lernen für die Uni hilft es mir auch als Belohnungsfaktor. Ich denk mir, diese Seiten lerne ich noch und dann belohne ich mich selbst mit einem Orgasmus dafür. Ich befriedige mich immer mit meinem Vibrator, den ich an mein Höschen halte. Dazu schau ich mir Pornos an. Am liebsten Lesben-Pornos, weil die nicht so entwürdigend für Frauen sind und ich nicht andauernd sehen will, wie Männer einen geblasen bekommen oder Frauen ins Gesicht gespritzt wird. Meinem Freund habe ich davon noch nie erzählt, für ihn wäre das eine Bedrohung für seine Männlichkeit und ich will ihn nicht kränken. Die Selbstbefriedigung mache ich nur für mich selbst und das hat nichts mit ihm oder unserem Sex zu tun. Außerdem ist es schön, so ein kleines Geheimnis zu haben.

Lisa*, 26

Für mich ist Selbstbefriedigung etwas ganz Normales, es gehört einfach zur Sexualität dazu. Leider sprechen wir viel zu wenig darüber. Auch ich selbst. Ich frage mich bei Leuten, die sagen, sie tuen es nicht, ob sie lügen weil es ihnen unangenehm ist oder wirklich nie machen. Manchmal befriedige ich mich eine Woche nicht und dann drei Mal am Tag. Ich mach es gerne mit der Hand und manchmal auch ganz Klischeehaft mit dem Duschkopf. Dabei denke ich an Männer, mit denen ich in diesem Moment gerne Sex hätte. Ich mache das aber nicht als Ersatz dafür. Bei der Selbstbefriedigung geht es mir nur um den Orgasmus, beim Sex um das Gemeinsame. Für mich sind das zwei unabhängige und wichtige Dinge.

Masturbation

Marina*, 24

Du hast alle Zeit der Welt, kannst die Musik hören, die dir gefällt und du musst dich um niemand anderen kümmern. Das kann hin und wieder sogar besser als Sex sein. Zudem kann ich in mich hineinhören und bekomme auch nach Jahren noch ein neues  Gespür für meinen Körper. Ich spreche mit engen Freundinnen gerne über Selbstbefriedigung. Es interessiert mich, wie sie damit umgehen. Aber das ist ein totaler Vertrauensbeweis, ich würde nicht mit jedem darüber sprechen. Es macht mir aber Spaß mit meinem Mitbewohner darüber zu quatschen, da er total neugierig ist und den weiblichen Körper besser verstehen will. In solchen Situationen kann es sogar befreiend und witzig sein, über Selbstbefriedigung zu sprechen. Indem ich mit andern darüber rede, reflektiere ich zugleich auch selbst und bemerke, was mir gut tut und was ich besonders hervorhebe. Ich lerne immer wieder etwas Neues über meine eigene Psyche dazu. Besonders dann, wenn mein Kopf Lust hat, mein Körper sich aber störrisch anstellt und einfach ein klares „Nö“ an mein Gehirn sendet. Woody Allen hat einmal gesagt: Masturbation ist Sex mit jemanden, den ich wirklich liebe. Ich finde, das ist ein treffendes Zitat, denn so sollte es im Idealfall sein. Auf allen Ebenen Spaß mit sich selbst zu haben ist eine hohe Kunst und leider insbesondere Frauen sind noch unsicher sich darüber selbstbewusst auszudrücken. Seit mein neuer (wasserfester)-Vibrator das erste Mal in Berührung mit Wasser kam, rumort er sehr laut und das ist ein dezenter Lustkiller, darum mache ich es mir derzeit weniger oft selbst. Eine Zeit lang habe ich auch versucht mich selbst beim Sex vorzustellen. Wenn ich schon Sex mit mir habe, dann finde ich, ist dies auch ein passender Gedanke.

 

*Namen geändert

|Credit Foto via unsplash.com Creative Commons Zero via Sokoloff Lingerie & Kira Ikonnikova|

Wie ich gelernt habe, über meine Panikattacken zu sprechen

Mein Herz schlägt schneller. Immer schneller. Atmen fällt mir schwer. Als würde jemand auf meiner Brust sitzen oder seine Hand auf meinen Mund pressen. Ein Geschmack von Übelkeit klettert mir die Kehle hoch. Meine Zunge ist trocken. Nein, der ganze Mund. Ich ersticke und verdurste gleichzeitig, irgendwie. Währenddessen steigt Panik in mir auf. Es ist, als müsste ich sterben. Zumindest stell‘ ich es mir so vor. Mein Kopf lässt keine rationalen Gedanken mehr zu, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Für einen Moment glaube ich wirklich zu sterben. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Ich bin überzeugt, dass mein Körper diesen Schmerz für keine weitere Sekunde mehr ertragen kann.

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So fühlen sich Panikattacken an— jedenfalls für mich. Früher dachte ich, Panikattacken seien eine Art Krankheit, die man eben bekommt wie etwa Asthma oder Epilepsie. Eine Krankheit, die man medizinisch behandeln kann. Dann zum ersten Mal vor drei Jahren wurde mir beim Autofahren plötzlich total schlecht. Ich dachte mir nichts weiter. Tja, kann passieren. Als Kind kotzt man schließlich regelmäßig im Auto. Aber es kam immer wieder: im Zug, im Flugzeug, in Gondeln. Darum dachte ich, das muss wohl Platzangst sein. Ich mied enge Räume und Transportmittel. Plötzlich bekam ich es aber auch nachts im Bett. Nie in meinem eigenen, aber an fremden Orten. Fremde Orte, fremde Menschen, ja alles Fremde war plötzlich böse.

Lange dachte ich nicht an Panikattacken. Ich suchte das Problem in meinem Körper. Ging zum Arzt, ließ mich durchchecken. Der sagte nur: alles gut. Aber ich war nicht erleichtert. Ganz im Gegenteil. Das machte mir nur noch mehr Angst. Langsam erkannte ich nämlich, wenn nicht im Körper, dann musste es wohl psychisch sein.

Ab diesem Zeitpunkt versuchte ich mir einzureden, wenn es psychisch ist,  könne ich es auch mit Gedanken bekämpfen. Das machte es aber nur noch schlimmer. Ich hatte keine Lust mehr irgendwas zu unternehmen. Ich wollte nicht mehr reisen, denn ich hatte Angst vorm Flugzeug. Ich wollte nicht mehr ausgehen, denn ich hatte Angst vor der Taxifahrt. Ich wollte nicht mehr trinken, denn ich hatte Angst die Kontrolle zu verlieren. Ich begann Stück für Stück weniger mehr zu machen. Zog mich immer stärker zurück und blieb am liebsten zuhause, in meiner gewohnten Umgebung, unter gewohnten Menschen. Ich wurde zu einem unglücklichen Einsiedler.

An einem Donnerstag im Jänner, ich weiß es noch genau, es schneite gerade, da eskalierte es dann. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto. Anfangs saß ich vorne. Mein Herz begann wie wild zu schlagen, ich konnte vor Übelkeit nicht mehr atmen. Ich bat meinen Vater, selbst zu fahren. Wir wechselten. Doch auch das Fahren half mir nicht. Mein Herz schlug immer schneller und schneller. Und ich bekam schreckliche Angst zu sterben, wie noch bei keiner Attacke zuvor. Ich fuhr an den Rand der Fahrbahn, zu einem Bushäuschen, und blieb einfach stehen. Stieg aus und kniete mich ins verschneite und nasse Gras. Mein ganzer Körper zitterte, er bebte regelrecht vor Angst.

An diesem Tag erlebten meine Eltern zum ersten Mal, wie meine Attacken wirklich aussahen und dass sie kein Hirngespinst waren, sondern ernst. Nach einigen Minuten in der Kälte beruhigte ich mich. Vertraute Menschen waren das beste Mittel gegen meine Attacken. Zuhause angekommen erklärte mir mein Vater, so könne es nicht weitergehen. Ich bräuchte Hilfe. Ich wusste, er hatte Recht. Nur wer könnte mir noch helfen?

Ich hatte das Glück, dass es eine Bekannte in der Familie gab, die zwar keine Therapeutin ist, aber mit der ich unglaublich gut sprechen konnte und der ich vertraute. Zu ihr ging ich dann und redete und redete. Über das Gefühl, die Angst, die Panik und die Panik, die ich durch die Panik bekam. Mit ihr gemeinsam fand ich  Wege mit den Attacken umzugehen, sie zeigte mir, wie mir Atmen helfen konnte und ich begab mich auf die Suche nach dem Grund dafür.

Eines der Hauptprobleme mit meinen Attacken war, dass ich dachte, ich wäre allein damit. Dass wiedermal nur ich diese Scheißattacken hätte. Ich, der Sonderfall. Je öfter ich aber darüber sprach, umso mehr Menschen erzählten mir von ähnlichen Erlebnissen. Auch wenn sich die Attacken meist durch andere Symptome äußern, so ist die unfassbare Panik und Angst dahinter die gleiche. Das Schlimme an Panikattacken ist nämlich nicht die Attacke selbst, sondern die Angst, dass sie niemand versteht.

Darum finde ich Reden wichtig. Darum ist dieser Artikel wichtig. Denn obwohl es heute ja irgendwie trendy ist, ein bisschen depressiv zu sein und zum Psychiater zu gehen, zumindest wird uns das in Filmen so vorgelebt, will seine psychischen Probleme im real Life niemand zugeben. Obwohl doch jeder von uns so seine Probleme mit sich selbst hat.

Ich schätze mich echt glücklich, dass ich heute nur mehr sehr selten Panikattacken habe und mittlerweile weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss. Aber niemand soll damit allein sein, denn die Psyche darf genauso mal krank werden wie der Körper. Und was ich daraus  gelernt habe: Auszeiten helfen. Für mich sind fünf Minuten am Tag, in denen ich so gar nichts tue, schon genug.

Ein Plädoyer für die Laster im Leben

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„Er war eben so,
war völlig daneben.
Er hat nie geraucht,
ging nie einen heben.
Statt Vinho und Gambas,
Vollmilch und Brot,
und was hat er davon?
Denn nun ist er tot…“

sang Udo Jürgens 2001. Und recht hatte er damit. Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken um ein Laster: das Rauchen. Ganz ehrlich, ich liebe Rauchen. So ist es. Anders kann man es nicht ausdrücken. Ich liebe es mir eine neue Zigarette anzuzünden, den ersten Zug zu inhalieren und gegen Ende die Zigarette befriedigt wegzuschnipsen. Zweifelsohne für viele ist Rauchen das Ekeligste der Welt.  Je mehr Zigaretten man raucht, desto ekeliger wird es und desto schlimmer fühlt sich der Geschmack am nächsten Morgen an.

Für mich ist es trotzdem ein Genuss. Eine zu rauchen bedeutet für mich automatisch mir etwas zu gönnen, etwas Gutes zu tun, auch wenn ich natürlich weiß, dass es nicht gut für mich ist. Für mich ist ’ne Zigarette wie ein Stück Schokolade. Und trotzdem geht es mir oft schlecht dadurch. Wir führen eine Hassliebe sozusagen. Ich kann durchs Rauchen weniger weit joggen, bekomme öfter Halsschmerzen, Cellulite am Po, Pickel im Gesicht und klar mit jeder Zigarette steigt auch mein Krebsrisiko.

Mein erster Freund rauchte unglaublich viel. Für seine Sucht und fehlende Stärke damit aufzuhören habe ich ihn verachtet. So wie es mir meine Eltern gelernt haben, rauchen ist böse. Punkt. Kaum war die Beziehung zu Ende, begann ich zu rauchen, welch eine Ironie, ja. Seitdem rauche ich mit einigen Pausen und Aufhörversuchen immer wieder. Ich bin eine klassische Fortgeh- und Nachtraucherin. Niemals käme ich auf die Idee, mir morgens nach dem Aufstehen eine anzuzünden. Aber abends bei Bier oder Wein gehört es für mich manchmal einfach dazu. Seit längerem versuche ich mit diesem Gelegenheitsrauchen endlich ganz aufzuhören, doch so wirklich will das nicht klappen.

Für mich steht dahinter mittlerweile eine viel größere Frage: Bin ich eine konsequente oder inkonsequente Person? Wie will ich sein? Wenn es um Diäten, mehr Sport oder das Rauchen geht, dann bin ich definitiv komplett inkonsequent. Meine Vorsätze, die ich mir zur Motivation meist sogar noch irgendwo hinkritzle, werfe ich nach ein paar Tagen wieder über Bord. Wenn mich dann jemand fragt, ob ich ein Stück Kuchen oder eben ’ne Zigarette möchte, geht mir ein „Nein“ einfach nicht über die Lippen und ich denke mir, warum eigentlich nicht. Und das war’s dann mit den guten Vorsätzen.

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Ich bewundere Menschen, die es schaffen keinen Zucker zu essen, keinen Alkohol zu trinken oder eben wirklich mit dem Rauchen aufhören. Zumindest nach außen hin scheinen die ihr Leben im Griff zu haben. Manchmal wünsche ich mir auch so zu sein. Endlich diszipliniert zu leben. Wie es in all den Frauenmagazinen gepredigt wird: „bewusst leben“ und „bewusst essen“.

Für mich gibt es da nur ein Problem: Spaß macht das keinen. Sich ab und zu eine Fertigpizza reinzustopfen, mit der besten Freundin eine ganze Packung Eiscreme aufzuessen oder eben eine zu rauchen, ist manchmal einfach herrlich. Für mich ist dieses Ausbrechen aus diesem ganzen „Bewusstseins-Lifestyle“ wie Balsam für die Seele. Schließlich wird eh in jeder Hinsicht von einem erwartet zu funktionieren: im Job, in der Beziehung, in der Familie und und und. Bei den 20-Somethings laufen mittlerweile viele kleine Wanna-Be-Erwachsene herum, die alles im Griff zu haben scheinen und immer diszipliniert sind. So wirklich Rock’n’roll ist ja unsere Generation schon lange nicht mehr. Das ist vielleicht auch ganz gut so. Aber irgendwelche Laster darf man wohl doch noch haben.

Schließlich könnte eines Morgens mich ein Auto überfahren und dann würde ich mir wünschen dieses eine Eis, Glas Wein oder Zigarette noch genossen zu haben. Zu 100 Prozent vernünftig können wir auch später noch sein. Oder wie Udo Jürgens sagen würde:

„Es lebe das Laster,
denn wer brav ist,
wird nirgendwo vermisst.
Erst recht, wenn er daran gestorben ist.“

 

|Credit Foto via unsplash via Christal Yuen & via Bart Scholliers

Was ist eigentlich mit den Österreichern los?

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Seit ich in Deutschland lebe, wird mir eine Frage immer wieder gestellt: „Sag mal, was ist da eigentlich los bei euch in Österreich?“ Ich stammle dann meist nur: „Ja, äh, ist echt schlimm dieser Rechtsruck.“ Sehr viel mehr fällt mir meist nicht ein. Denn es fällt mir schwer zu erklären, was da gerade abgeht. Und noch viel schwerer fällt es mir, das zu begreifen. In Wien werden Flüchtlinge mit Blut beworfen, im Burgenland tauchen „Heil-Hofer“-Schmierereien und Hakenkreuze auf und wir stehen haarscharf vor einem blauen Bundespräsidenten.

Was ist mit meinem Land nur los? Ein Erklärungsversuch.

Ein gängiges Vorurteil gegenüber jungen Menschen ist ja, sie würden sich nicht mehr für die Politik interessieren. Zumindest das kann man in der derzeitigen politischen Situation in Österreich klar verneinen. Kaum jemand hatte keine Meinung zu dieser Wahl. Durch die intensive Wahlberichterstattung wurde es auch geradezu unmöglich sich dem zu entziehen. Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath erklärt das so: „Politikinteresse kann man sehr schwer an einer Generation festmachen. Das Interesse ist dann groß, wenn viel los ist. Spätestens seit dem letzten Jahr mit Flüchtlingskrise und der Finanzkrise zuvor stieg das Politikinteresse klar an. Viele junge Menschen sind aber politikverdrossen.“

Viel los ist in Österreich auf jeden Fall. Im ersten Wahlgang der Bundespräsidentschaftswahl kamen die beiden Vertreter der Großparteien ÖVP und SPÖ gemeinsam nicht einmal auf 22,3 Prozent. Die ersten drei Plätze belegten ausnahmslos Oppositionsparteien oder Unabhängige. So etwas gab es in Österreich bisher noch nie. Seitdem wird viel über mögliche Neuwahlen und den Zerfall der Mitte gesprochen. Seitdem spukt das Gespenst einer möglichen blauen Regierung und eines blauen Bundespräsidenten umher und verbreitet Angst und Schrecken. Auch bei mir. Die Message des Volkes an die Regierungsparteien war eindeutig: Wir wollen euch nicht mehr. Danach blieb nur die Frage offen, ja was wollt ihr denn dann?

Es geht nicht um Protest

Die Zentrumsparteien zerfallen, versagen und enttäuschen ihre Wähler. Darum interpretieren viele Blauwählen als eine Art Protest. Dieser Vergleich hinkt laut dem Forscher Ikrath aber immens: „Die Leute hätten theoretisch auch Richard Lugner wählen können, wenn es ihnen darum gehen würde, wirklich aus Protest zu wählen. Wenn Menschen eine Partei wählen, die in den Umfragen über 30 Prozent hatte, dann hat das nichts mehr mit Protest zu tun, dann stehen die Leute hinter dem, was sie wählen. Oder vorsichtiger ausgedrückt, sie haben zumindest kein Problem mit rechtem Gedankengut und Ausländerfeindlichkeit.“ Diese Einschätzung passt gut zu dem Trend, dass rechts zu sein und rechts zu wählen in den letzten Jahren immer gesellschaftlich legitimer wurde.

Warum die Leute Angst haben wollen

Es heißt, die Blau-Wähler hätten Angst und darum müsse man sie endlich ernst nehmen. Clemens Setz schrieb in der ‚Zeit‘, dass Menschen die FPÖ eben genau wählen würden, weil sie Angst behalten möchten. Sie würden sich bewusst für den Weg entscheiden, auf dem die Angst erhalten bleibt. Auch Ikrath sieht das ähnlich: „Jetzt gerade kann man in Deutschland ja eine Debatte mitverfolgen, die wir in den letzten 20 Jahren in Österreich hatten. Es heißt, die Menschen hätten Angst und würden darum AfD wählen. In Wahrheit geht es aber viel mehr um Paranoia, in Österreich genauso wie in Deutschland. Die Leute haben den Glauben an die Politik und die da oben total verloren und flüchten sich stattdessen in die totale Paranoia.“

Die Menschen glauben also nicht mehr an Eliten oder Politiker. Man muss erwähnen, dass dieser Glaubensverlust keinesfalls aus dem Nichts gekommen ist. „Diese Theorien sind zwar Mist, aber sie sind nicht aus dem Mist gewachsen“, so Ikrath. Seit Jahren lässt die Politik die Menschen allein und die Koalition in Österreich ist praktisch erstarrt. Darum ist die FPÖ auch so erfolgreich. Sie prangt alles an, was gerade nicht funktioniert: Der Wohnraum ist zu teuer, es kommen zu viele Flüchtlinge und die Regierung scheitert. Wirklich verneinen können diese Punkte auch Linke nicht. Die große Herausforderung im Umgang mit der FPÖ ist, dass das ja durchaus stimmt, was sie sagt. Wir haben all diese Probleme, die sie anspricht. Nur dass auch die FPÖ keine Lösungskonzepte dafür hat, übersehen ihre Wähler.

„Der Faschismus versucht die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren. (…) Er sieht sein Heil darin, sie zu einem Ausdruck, aber beileibe nicht zu ihrem Recht kommen zu lassen“, schrieb der deutsche Philosoph Walter Benjamin bereits Anfang der 90er.  Es sind komplizierte Worte, doch je mehr ich über sie nachdenke, desto besser beschreiben sie, finde ich, auch die heutige Situation.

Wir sollten wieder über wirkliche Politik reden (und warum das nicht geht)

Ein weiteres Problem ist der generelle Umgang mit Politik in Österreich. Jeder will Aktion, Spektakel, Skandal. Keiner spricht mehr über wirkliche politische Inhalte. Vielleicht auch, weil es diese heute zu selten gibt. Politik, genauso wie Medien, haben das Gefühl, sie müssen alles an die Spitze treiben, sonst interessiert es keinen. „Wir müssten uns wieder an langweilige bodenständige Politik gewöhnen. Das wäre wichtig“, meint auch Ikrath.

Man muss leider sagen, egal wie die Bundespräsidentschaftswahl ausgeht, das Land bleibt gespalten. So oder so. Es gibt jetzt diese beiden Seiten links und rechts, die einander so gar nicht verstehen können und das vielleicht auch gar nicht wollen. Ich glaube aber, dass uns jetzt nur mehr eins übrig bleibt: miteinander reden. Auch wenn viele nur auf Skandal und Konfrontation aus sind, wieder andere paranoid und weitere ausländerfeindlich sind, wir haben keine andere Option mehr als zu reden.

Denn die Situation unseres Landes ist düster. Düster, aber noch nicht verloren.

 

|Credit Foto via flickr via Karsten H.68 |

Die Akte Ex und was passiert, wenn man sie öffnet

Ex-Freunde

Ein brauner Schuhkarton mit einem roten Häkchen drauf. Er ist verstaubt. Lange wurde er nicht geöffnet. Durch meinen Umzug halte ich ihn plötzlich wieder in meinen Händen. Ich weiß genau, was sich darin befindet. Nicht wie in dem anderen Nike-Karton, in dem ich meine einzelnen Socken aufbewahre, in der Hoffnung, irgendwann doch noch den dazugehörigen zu finden.

Ich setze mich auf die Couch und öffne ihn vorsichtig. Es durchschleicht mich fast ein Gefühl des Betrugs, als dürfte ich das gerade gar nicht machen. Derweilen ist der Inhalt per se nicht mal spannend: Kristall-Ohrringe, Kinotickets, ein Band aus der Pratersauna und einige Fotos. Das Problem mit so einem Karton sind nicht die Sachen darin, sondern die Gedanken, die durch ihn entstehen. Gedanken an eine Beziehung, die vorüber ist. Die Gefühle sind weg, die Gegenstände aber geblieben. In diesem verstaubten Nike-Karton, der immer stumm unter meinem Bett lag.

Beziehungen können schlimm ausgehen, fast immer tut das Schluss-machen unfassbar weh. Und trotzdem will man die Gegenstände und Erinnerungen des Ex meist nicht wegwerfen. In diesen Momenten musste ich immer an eine Folge bei Gilmore Girls denken, als Rory und Dean schlussmachen und Rory ihre Mutter bittet, den Karton mit seinen Sachen für sie wegzuwerfen. Ihre Mutter tut es nicht, sie verstaut ihn im Schrank. Irgendwann findet Rory ihn und ein Streit bricht aus. IhrevMutter erklärt ihr, dass sie selbst einen Mord begehen würde, um ihre Kartons mit den Erinnerungen an ihre Verflossenen zurückzubekommen.

In weiser Vorsicht also habe auch ich meine Kartons nie weggeworfen. Eine andere, vom Inhalt recht ähnliche Box, steht in meinem Zimmer bei meinen Eltern zuhause. Es ist kein Schuhkarton, sondern eine Ikea- Box aus Plastik. Und noch dazu durchsichtig. Eine richtige Angeber- Ex-Freund-Box, die einen verhöhnt, wenn man sie sieht. Aber auch diese werde ich nie wegwerfen.

Was sagen also diese Akten Ex über uns aus?

Die Akte Ex gibt es auch ganz ohne verstaubte Schuhkartons. Denn auch wer diese Inhalte nicht wie ich hortet, trägt sie trotzdem zweifellos mit sich herum. Die Akte Ex sind nicht löschbar, auch wenn man sich das manchmal wünscht. Eine Freundin hat mir vor Kurzem davon erzählt, dass ihr neuer Freund ihr einfach nichts über seine Vergangenheit erzählen will. Kein Sterbenswörtchen verliert er. Auch nachdem sie seine Ex zufällig auf der Straße trafen und er zumindest zugeben musste, wer sie war, rückte er immer noch nichts heraus.

Sie akzeptiert sein Schweigen nicht und das kann ich gut verstehen. Auch wenn wir es nicht gerne hören, die Akte-Ex sagen so einiges über uns aus. Sie bestimmen sicherlich nicht, wer wir sind, aber sie prägen uns. Natürlich gibt es Zeiten, da verflucht man seine Ex und dessen Akte. Gerade nach einer Trennung ist es manchmal unerträglich, dass es da diese eine Person gibt, die so viel weiß, die für einen so viel war und nun einfach nicht mehr im eigenen Leben vorkommt.

Es gab Zeiten, da dachte ich mir, wie schön wäre es, alle Ex einfach auf eine einsame Insel ganz weit weg zu verbannen. Weg aus der Stadt, weg aus dem Sinn. Wie schön wäre das. Im zweiten Gedankengang wurde mir natürlich klar, dass in diesem Gedankenspiel auch ich auf diese Insel müsste, da natürlich auch ich die Ex von jemandem bin und auch für immer sein werde.

Exe sind selten ein leichtes Thema und auch in neuen Beziehungen spuken sie herum. Diese Geister möchte man am liebsten direkt auf diese Insel verbannen. In Wahrheit sind die Vergangenheit von einem Menschen und die Akte Ex aber auch für die neuen Beziehungen unglaublich wichtig. Denn sie erzählen viel über eine Person.

Auch wenn ich mir manchmal wünschte, erst gar keine Akte Ex zu besitzen – ein unbeschriebenes Blatt zu sein – mag ich meine Kartons heute irgendwie trotzdem. Und darum entschied ich mich auch bei diesem Umzug dagegen, sie zu entsorgen. Schließlich würde die Vergangenheit ja trotzdem bleiben, auch wenn der verstaubte Karton im Müllcontainer landet. Und irgendwann stelle ich diese Kisten einmal gestapelt vor meiner Tochter hin und sag‘, schau her, so ist das Leben.

|Credit Foto via Lilit Matevosyan via Creative Commons Lizenz 2.0 |